Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Käsewerker trafen sich zum ersten Mal seit Betriebsschließung / Viele gehörten jahrzehntelang zur Seelower Firma

Blue Master, Scheibletten und Co.

Mandy Timm / 13.02.2012, 20:12 Uhr
Alt Tucheband (MOZ) Was Käse angeht, blieben in Seelow einst keine Wünsche offen. Dafür sorgten die Käsewerker eines Traditions-Betriebes. 2005 schloss das Werk endgültig. Die meisten Kollegen haben sich seit dem nicht mehr gesehen. Das wurde jetzt beim 1. Mitarbeitertreffen nachgeholt.

Gerda Raschke ist sozusagen Dienstälteste. 30 Jahre lang hat sie im Labor des Seelower Käsewerkers gearbeitet, so lange wie niemand sonst im Saal. Nun ist sie 82 und eine der Ältesten beim ersten Mitarbeitertreffen des Käsewerkes. Nur Hildegard Dahle aus Plaktkow ist mit 92 Jahren älter. "Der Betrieb war für mich wie eine Familie", sagt Frau Raschke aus Seelow. "Wir haben gearbeitet, gefeiert und zusammen Probleme gelöst." Ihre Erinnerungen hat sie aufgeschrieben. Die Mitglieder des Heimatvereins sind dankbar für die Dokumente und Bilder, die herumgehen im Haus am Park, sie wollen damit Lücken in der Käserei-Chronik der Stadt schließen.

Rosemarie Obeth hat einst im Käsewerk gelernt. 17 war sie da. Ihre Berufsbezeichnung Molkereifacharbeiter gibt es heute nicht mehr. 23 Jahre blieb die heute 60-Jährige dem Käsewerk treu. Sie schwärmte beim Treffen von dem leckeren Tollenser, den die Mitarbeiter fertigten, dem Ziegenkäse und legendären Blue Master, einem Edelpilzkäse. Am 18. April 1977 beginnt seine Produktion und damit ein neues Kapitel in der Betriebsgeschichte. 10 Millionen DDR-Mark wurden für die Produktion aufgewendet. 800 Tonnen Blue Master im Jahr waren zunächst gedacht. Aber der Edelpilzkäse war gefragt. Bald wuchs die Herstellung auf 1350 Tonnen, 1989 lag sie sogar bei 1700 Tonnen. Geschichten wie diese machen am Sonnabend die Runde. Fotos oder das Brigadebuch der Scheibletten-Herstellerinnen geht herum. Eine Frau erzählt, dass die Jugendbrigade die 10 und 20 Gramm-Packungen für Schmelzkäse entwickelte, die es noch heute gibt. Sie seien damals für Hotels und die Versorgung in Flugzeugen kreiert worden.

Vor einem Jahr kam Rosi Obeth die Idee mit dem Käsewerker-Treffen. 130 frühere Mitarbeiter hat sie mit Ilse Raasch deutschlandweit ausfindig gemacht. 100 sagten zu, einige sind bereits verstorben. Dass es sich bei dem Seelower Betrieb um ein - fast - Frauenunternehmen handelte, fällt auf. Viele Damen liegen sich zur Begrüßung in den Armen, tauschen Erinnerungen aus. Die meisten von ihnen gehörten jahrzehntelang dem Käsewerk an. Männer wie Zoltan Szigeti, der Schwiegersohn des langjährigen Betriebsleiters Fritz Ebert, kümmerten sich um die Elektrik, waren Schlosser, Heizer, Lkw-Fahrer. Szigeti kam für das Treffen extra aus Braunschweig. Dorthin ging er 2005. Damals schloss das Seelower Käsewerk endgültig. Bis dahin war die Stadt die einzige in Brandenburg, die auch nach 1990 eine industrielle Käserei besaß. Nach dem Konkurs erwarb im Jahr 2000 die Ziegenkäserei Zimmermann aus Falkenhain den Betrieb. Die Produktion wurde nach Sachsen verlegt. Lediglich Reifeprozess und Verpackung erfolgten in Seelow. 2005 kam die Stilllegung, nachdem Handelsketten den Käse auslisteten. Nur der "Blue Master" hat überlebt. Er wird noch immer in Falkenhain produziert.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG