Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Von der Werkstoffkunde zur Kunst

Dirk Bunsen / 22.02.2012, 10:56 Uhr
(MOZ) In der Mark Brandenburg gibt es viele Töpfer, Keramiker und Bildhauer. Alle haben sie mit den verschiedensten Werkstoffen zu tun. Doch kaum jemand hat sich so intensiv mit der Baustoffkunde beschäftigt wie die Werkstoffingenieurin Verena Siol. Ihr Weg führte über die Werkstoffwissenschaft zum Kunsthandwerk und schließlich zur Kunst - ein im Brandenburgischen einzigartiger Zugang zum kreativen Formen und Modellieren.

Es brauchte seine Zeit. Es bedurfte gar fast ein halbes Leben. Doch jetzt scheint Verena Siol endlich ihre Ausdrucksform gefunden zu haben. Und erst vor einigen Jahren besann sich die 44-Jährige auf ihre Zuversicht und entschloss sich, dem Leben eine andere Form zu geben. Sie gründete in Oranienburg ihre Ladengalerie "Keramik in der Remise". Sie hat ihre Zeit, in der sie sich mit Wissenschaft und ingenieurtechnischer Arbeit beschäftigte, weitgehend hinter sich gelassen und wurde zur Kunsthandwerkerin. Zur Keramikerin. Doch nicht nur das: Jetzt fertigt sie in ihrer Atelierwerkstatt nicht nur Gebrauchskeramiken, sondern wird zur Künstlerin. Mit wunderschönen Plastiken hat sie sich noch weiter von ihrer ursprünglichen Berufung verabschiedet. Sie bestritt einen Weg von der Wissenschaft zur Kunst und ist damit im Brandenburgischen eine Exotin.

Schon früh hatte sie sich gewünscht, etwas Technisches zu machen, am liebsten mit dem Abitur zusammen. Also entschied sich die in Mansfeld Aufgewachsene für eine Jungen-Domäne: Instandhaltungsmechanikerin mit Abitur. Ihr heimlicher Wunsch, das Abitur mit einer Töpferlehre zu verbinden, hatte sich nicht erfüllt. Dafür fand sich kein Ausbildungsplatz. Die technische Ausrichtung ihres Berufslebens nahm weiter ihren Lauf, als sie sich an der Bauhaus-Universität Weimar über die Wende hinweg mit Werkstoffwissenschaften (Keramik und Glas) beschäftigte und ihren Abschluss als Baustoff-Ingenieurin in der Tasche hatte. Doch auch hier ergaben sich Brücken zum Tonformen. "Wir hatten während des Studiums ein Atelier mit Keramikwerkstatt. Hier hielt ich mich sehr gern auf und probierte mich aus", erzählt sie. Dann absolvierte sie noch ein weiterführendes Studium für Bauingenieurwesen, um ab Mitte der 90er Jahre als Bauleiterin in der Altbausanierung sowie anschließend in Erfurt als Fachberaterin für Baustoffe in der Denkmalpflege tätig zu sein. Ihr Weg schien vorgezeichnet zu sein.

Doch immer wieder spürte sie den Wunsch, sich kunsthandwerklich zu betätigen, mit den Händen zu arbeiten, zu formen. So fing sie ab dem Jahr 2000 nebenbei an, an der Volkshochschule Keramikkurse zu belegen. "Aber das genügte mir nicht. Hier konnte ich kaum etwas dazulernen." Also versuchte sie es auf einem anderen weg. "Ich wollte bei Keramikern in deren Werkstätten mitarbeiten, doch dies erwies sich als schwierig. Es gab kaum jemanden, der sich über die Schultern schauen lassen wollte", beschreibt sie ihre Erlebnisse.

Dann fand sie doch drei Werkstätten, zwei in Berlin, eine nahe Brandenburg an der Havel. Allmählich merkten die Keramiker, dass sie durch Verena Siols Mitarbeit auch Vorteile hatten. Sie brachte sich ein, nahm aber auch viel an Fertigkeiten und Erfahrungen mit. Und sie lernte die Arbeit schätzen. "Es war ein deutlich schwerer verdientes Geld als in meinem bisherigen Job", sagt sie. Dennoch trug sie sich zunehmend mit der Frage herum, ob sie in ihrem Leben wie bisher weitermachen oder etwas Neues beginnen sollte. Sie entschied sich für Letzteres. Nachdem sie ins Brandenburgische gezogen war, öffnete sie 2006 in Oranienburg ihre Ladengalerie. Jetzt wollte sie an der Töpferscheibe und durch die Arbeit mit dem Ton ihren Lebensunterhalt verdienen.

Verena Siol warf sich mit großer Experimentierfreude in die Beschäftigung der ihr so vertrauten Werkstoffe. Berührungsängste mit Materialien oder Techniken kannte sie nicht. Sie weiß viel über die Zusammensetzung der Tone und Glasuren, hatte sie ihre Diplomarbeit doch über die Baustoff-Analyse geschrieben und ein ganzes Studium lang mit der Silikattechnik zu tun. Andere Keramiker sind nicht so tief in die Materie eingestiegen. Sie mischt ihre Glasuren selber, baute auch ihren Raku-Brandofen allein und ist ständig am Ausprobieren von neuen Ton-Mixturen.

Verschiedene Tone zu mischen, ist schwierig, weil diese genau die gleiche Brenntemperatur und das gleiche Schwindverhalten, also das Zusammenschrumpfen des Tons beim Brennen, aufweisen müssen. Um das herauszufinden, bedarf es vieler Versuche. Verena Siol mischt braun- und rotbrennende Tone mit weißbrennendem Ton. Im englischsprachigen Raum nennt man diese Keramiken auch Agateware, also Achatware, da dieses mehrlagige Steingut einem Achat ähnelt.

In den Kursen, die sie auch für Kita- und Schülergruppen gibt, wird viel modelliert. Kinder formen vor allem gern Tiere und Menschen. Das hat auch ihr so viel Spaß gemacht, dass sie intensiver begann, Plastiken anzufertigen. Jetzt ist sie ganz und gar in der Kunst angekommen und die Wissenschaftlerin unter den bildhauerischen Künstlerinnen.

Inzwischen hat Verena Siol auch an mehreren Ausstellungen teilgenommen, so an der Landesgartenschau in Oranienburg, im Ofen- und Keramikmuseum Velten, in Waren an der Müritz sowie bei Cora-Art in Berlin. Noch bis Ende Februar ist sie mit Arbeiten im Handwerksmuseum Deggendorf bei Passau zu sehen. Sie scheint angekommen zu sein.

(Verena Siol Keramik in ihrer Ladengalerie "Keramik in der Remise", Wiesbadener Str. 29, 16515 Oranienburg; geöffnet in den Wintermonaten freitags 15-18 Uhr, sonst Do/Fr 10-18 Uhr oder nach Vereinbarung; Tel: 03301/205023; im Internet: www.siol-keramik.de)

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG