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Autorenkollektiv aus der Eberswalder Hochschule vermisst in der Debatte zum Hokawe-Erwerb ökologische Aspekte

"Holz steht nicht unbegrenzt bereit"

Blick auf Brennkammern und Computer: Skadi Brüning sitzt in der Kraftwerkswarte des Holzkraftwerkes, das 44 Mitarbeiter hat. Der Kreis Barnim gehört zu den Kaufinteressenten, mit denen der Insolvenzverwalter verhandelt.
Blick auf Brennkammern und Computer: Skadi Brüning sitzt in der Kraftwerkswarte des Holzkraftwerkes, das 44 Mitarbeiter hat. Der Kreis Barnim gehört zu den Kaufinteressenten, mit denen der Insolvenzverwalter verhandelt. © Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Sven Klamann / 22.02.2012, 19:59 Uhr - Aktualisiert 23.02.2012, 19:52
Eberswalde (MOZ) Mit einer gemeinsamen Stellungnahme greifen mehrere Professoren der Eberswalde Hochschule in den Streit um den möglichen Kauf des insolventen Holzkraftwerkes Hokawe ein. Befürworter und Gegner des Vorhabens begrüßen die fundierte wissenschaftliche Wortmeldung.

Der Hauptinitiator des auf 35 Seiten verknappten Werks, Pierre Ibisch, Inhaber einer Forschungsprofessur für Biodiversität und Naturressourcenmanagement im globalen Wandel, hat nahezu alles um sich gescharrt, was in den Themen Wald- und Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Rang und Namen hat. Das Autorenkollektiv kommt in der Stellungnahme zu dem Schluss, dass in der bisherigen Debatte über einen Hokawe-Erwerb durch den Kreis Barnim der ökologische Aspekt unzureichend überprüft wurde. Ihre Veröffentlichung sei ausdrücklich nicht als Gegenentwurf zu den bisher unter anderem durch Professoren aus dem Fachbereich für nachhaltige Wirtschaft der Hochschule vorgelegten Arbeiten über die ökonomischen Konsequenzen eines Weiterbetriebs des Holzkraftwerkes in Kreisregie, sondern als Ergänzung zu verstehen, erklärt Pierre Ibisch im Namen aller Verfasser der neuen Stellungnahme.

Die Einordnung des Werks erfolgt mit großer Vorsicht, seine Aussagen lassen dennoch selbst für Laien nichts an Deutlichkeit fehlen. Holz sei eine vergleichsweise ineffiziente Energiequelle, deren Nutzung große Flächen beanspruche. "Sobald ein wesentlicher Anteil des Energiebedarfs von Menschen durch Holz gedeckt werden musste, hat dies - in Europa und auf anderen Kontinenten - regelmäßig zu lokalen oder regionalen Wertverlusten und zur Zerstörung von Waldökosystemen geführt", heißt es in der Stellungnahme. Holz sei zwar potentiell ein erneuerbarer Rohstoff, aber dennoch erschöpfbar. Unter anderem aus dem Klimawandel würden neuartige Risiken erwachsen, die sich zu den konventionellen Bedrohungen für die Wälder gesellen.

"Im Falle des Eberswalder Holzkraftwerks muss festgestellt werden, dass dessen Betrieb bereits zu einem intensiveren Einschlag auch in wertvollen und geschützten Waldgebieten geführt hat", schreiben Pierre Ibisch und seine Mitstreiter. Dies sei sogar in unmittelbarer Nachbarschaft zu stark sensiblen Bereichen wie Kernzonen des Biosphärenreservats Schorfheide/Chorin geschehen. Selbst derzeit öffentlich kommunizierte Schätzungen des benötigten Einzugsgebietes, die den zukünftigen Zuwachs und die möglichen Entnahmemengen unter Umständen überschätzten, kämen auf einen Radius von deutlich mehr als 100 Kilometer. "In diesem Radius liegen diverse Kommunen ..., deren energetischen Ansprüche nicht mit Holz befriedigt werden können", schlussfolgert das Autorenkollektiv. Falls der Kreis Barnim Wälder und Holzressourcen im Sinne seiner überaus begrüßenswerten Nullemissionsstrategie effektiv einsetzen wolle, wäre ihm anzuraten, geeignete Waldbesitzer gegebenenfalls finanziell dabei zu unterstützen, zumindest zeitweise Fläche aus der Nutzung zu nehmen, um Kohlenstoff zu speichern.

"Danke Prof. Dr. Ibisch" überschreibt der Kreistagsabgeordnete Albrecht Triller vom Bündnis für ein demokratisches Eberswalde seine erste Reaktion auf die Stellungnahme, die in hervorragender Weise die Befunde zur ökologischen Nachhaltigkeit des Holzkraftwerks und der Verbrennung von Holz zusammenfasse. "Nach dem Lesen kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, sondern muss die Tragweite der bisher vorliegenden gutachterlichen Aussagen in Frage stellen", findet der Kommunalpolitiker, der zu den erklärten Gegnern eines Hokawe-Erwerbs gehört.

Auch Barnims Landrat Bodo Ihrke hebt hervor, dass die Stellungnahme einen wichtigen Beitrag zur Entscheidungsfindung leiste. "Der Klimawandel zwingt zum Umdenken. Aber einen ressourcenschonenderen Umgang mit Holz erreichen wir nicht durch einen Verzicht auf den Erwerb des Holzkraftwerks, sondern durch einen vom Gesetzgeber veranlassten strengeren Schutz der Wälder", sagt er. Mit dem Hokawe übernehme der Kreis bewusst Verantwortung.

Von Sven Klamann

Eberswalde (MOZ) Mit einer gemeinsamen Stellungnahme greifen mehrere Professoren der Eberswalde Hochschule in den Streit um den möglichen Kauf des insolventen Holzkraftwerkes Hokawe ein. Befürworter und Gegner des Vorhabens begrüßen die fundierte wissenschaftliche Wortmeldung.

Der Hauptinitiator des auf 35 Seiten verknappten Werks, Pierre Ibisch, Inhaber einer Forschungsprofessur für Biodiversität und Naturressourcenmanagement im globalen Wandel, hat nahezu alles um sich geschart, was in den Themen Wald- und Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Rang und Namen hat. Das Autorenkollektiv kommt in der Stellungnahme zu dem Schluss, dass in der bisherigen Debatte über einen Hokawe-Erwerb durch den Kreis Barnim der ökologische Aspekt unzureichend überprüft wurde. Ihre Veröffentlichung sei ausdrücklich nicht als Gegenentwurf zu den bisher unter anderem durch Professoren aus dem Fachbereich für nachhaltige Wirtschaft der Hochschule vorgelegten Arbeiten über die ökonomischen Konsequenzen eines Weiterbetriebs des Holzkraftwerkes in Kreisregie, sondern als Ergänzung zu verstehen, erklärt Pierre Ibisch im Namen aller Verfasser der neuen Stellungnahme.

Die Einordnung des Werks erfolgt mit großer Vorsicht, seine Aussagen lassen dennoch selbst für Laien nichts an Deutlichkeit fehlen. Holz sei eine vergleichsweise ineffiziente Energiequelle, deren Nutzung große Flächen beanspruche. "Sobald ein wesentlicher Anteil des Energiebedarfs von Menschen durch Holz gedeckt werden musste, hat dies - in Europa und auf anderen Kontinenten - regelmäßig zu lokalen oder regionalen Wertverlusten und zur Zerstörung von Waldökosystemen geführt", heißt es in der Stellungnahme. Holz sei zwar potentiell ein erneuerbarer Rohstoff, aber dennoch erschöpfbar. Unter anderem aus dem Klimawandel würden neuartige Risiken erwachsen, die sich zu den konventionellen Bedrohungen für die Wälder gesellen.

"Im Falle des Eberswalder Holzkraftwerks muss festgestellt werden, dass dessen Betrieb bereits zu einem intensiveren Einschlag auch in wertvollen und geschützten Waldgebieten geführt hat", schreiben Pierre Ibisch und seine Mitstreiter. Dies sei sogar in unmittelbarer Nachbarschaft zu stark sensiblen Bereichen wie Kernzonen des Biosphärenreservats Schorfheide/Chorin geschehen. Selbst derzeit öffentlich kommunizierte Schätzungen des benötigten Einzugsgebietes, die den zukünftigen Zuwachs und die möglichen Entnahmemengen unter Umständen überschätzten, kämen auf einen Radius von deutlich mehr als 100 Kilometer. "In diesem Radius liegen diverse Kommunen ..., deren energetischen Ansprüche nicht mit Holz befriedigt werden können", schlussfolgert das Autorenkollektiv. Falls der Kreis Barnim Wälder und Holzressourcen im Sinne seiner überaus begrüßenswerten Nullemissionsstrategie effektiv einsetzen wolle, wäre ihm anzuraten, geeignete Waldbesitzer gegebenenfalls finanziell dabei zu unterstützen, zumindest zeitweise Fläche aus der Nutzung zu nehmen, um Kohlenstoff zu speichern.

"Danke Prof. Dr. Ibisch" überschreibt der Kreistagsabgeordnete Albrecht Triller vom Bündnis für ein demokratisches Eberswalde seine erste Reaktion auf die Stellungnahme, die in hervorragender Weise die Befunde zur ökologischen Nachhaltigkeit des Holzkraftwerks und der Verbrennung von Holz zusammenfasse. "Nach dem Lesen kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, sondern muss die Tragweite der bisher vorliegenden gutachterlichen Aussagen in Frage stellen", findet der Kommunalpolitiker, der zu den erklärten Gegnern eines Hokawe-Erwerbs gehört.

Auch Barnims Landrat Bodo Ihrke hebt hervor, dass die Stellungnahme einen wichtigen Beitrag zur Entscheidungsfindung leiste. "Der Klimawandel zwingt zum Umdenken. Aber einen ressourcenschonenderen Umgang mit Holz erreichen wir nicht durch einen Verzicht auf den Erwerb des Holzkraftwerks, sondern durch einen vom Gesetzgeber veranlassten strengeren Schutz der Wälder", sagt er. Mit dem Hokawe übernehme der Kreis bewusst Verantwortung.

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