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Eberswaldes Stadtverordnete verschieben Votum über Umbenennung auf Ende März / Kampagne bringt 926 Unterschriften

Zweifel an Amadeu-Antonio-Straße

Übergabe der Unterschriften: Baran Dincer von der Kampagne "Light me Amadeu" reicht die Liste an Bürgermeister Friedhelm Boginski und Eckhard Schubert weiter. Steffen Ehlert und Augusto Jone Munjunga halten das Straßenschild, mit dem sie für die Umbenennu
Übergabe der Unterschriften: Baran Dincer von der Kampagne "Light me Amadeu" reicht die Liste an Bürgermeister Friedhelm Boginski und Eckhard Schubert weiter. Steffen Ehlert und Augusto Jone Munjunga halten das Straßenschild, mit dem sie für die Umbenennu © Foto: MOZ/Sven Klamann
Sven Klamann / 25.02.2012, 06:56 Uhr
Eberswalde (MOZ) Erst Ende März entscheiden die Stadtverordneten darüber, ob es in Eberswalde eine Amadeu-Antonio-Straße geben wird. Am Donnerstagabend wurde die Debatte um die Umbenennung ergebnislos abgebrochen. Bei den Initiatoren machen sich Wut und Enttäuschung breit.

Lange mussten die Vertreter der Kampagne "Light me Amadeu" vor dem Plenarsaal des Paul-Wunderlich-Hauses warten, bis sie die Listen mit den 926 Unterschriften übergeben konnten, die sie für die Amadeu-Antonio-Straße gesammelt hatten. Noch länger, seit beinahe einem Jahr, kämpfen Dieter Gadischke, der Jugendwart der evangelischen Kirche im Barnim, und Mitstreiter aus Eberswalde, Berlin und anderswo darum, in der Stadtpolitik Verbündete für ihr Anliegen zu finden, mit einem Straßenschild an das Schicksal des aus Angola stammenden, Ende 1990 in Eberswalde von Neonazis ermordeten Vertragsarbeiter zu erinnern. Der 28 Jahre alte Amadeu Antonio war an dem Straßenabschnitt brutal zusammengeschlagen und dabei tödlich verletzt worden, der jetzt ihm zu Gedenken umbenannt werden soll. Und das möglichst zu seinem 50. Geburtstag, der am 12. August ansteht.

Die Sitzung der Stadtverordneten hatte schon mehr als zwei Stunden gedauert, als die Tagesordnung so weit fortgeschritten war, dass die Diskussion zur Amadeu-Antonio-Straße begann. Die Übergabe der Unterschriften vollzogen Augusto Jone Munjunga, der heute in Berlin lebende, aber immer noch mit Eberswalde verbundene Vorsitzende des Afrikanischen Kulturvereins Palanca, Baran Dincer und Steffen Ehlert vom Begegnungszentrum "Wege zur Gewaltfreiheit". Bürgermeister Friedhelm Boginski nahm die Listen mit der Aussage entgegen, dass der Einsatz der Kampagne für ein würdiges Gedenken an Amadeu Antonio wichtig sei und von ihm unterstützt werde. In der Debatte erklärte er später, dass es wirksamere Formen der Erinnerungskultur als die Umbenennung gebe. "Eberswalde legt Wert auf Weltoffenheit und Toleranz. Aber dafür brauchen wir nicht unbedingt eine Amadeu-Antonio-Straße. Das bekommen wir gemeinsam besser hin", sagte das Stadtoberhaupt.

Zuvor hatte sich Karen Oehler für Bündnis 90/Die Grünen zu Wort gemeldet und unter anderem auf die Parallelen zwischen dem vor fast 22 Jahren in Eberswalde verübten Verbrechen und dem jüngsten Neonazi-Terror hingewiesen, der Deutschland erschüttert habe und dessen Opfern just am Tag der Stadtverordnetenversammlung gedacht wurde. "Eine Straßenumbenennung wäre ein deutliches Signal für unseren Willen, ausländischen Mitbürgern hier in Eberswalde und in der Region ein Zuhause zu geben, sie und ihre Kultur zu akzeptieren und Vorurteile abzubauen", sagte sie.

Eine würdige Erinnerungskultur sei wichtig, um dem tödlichen Bazillus der Fremdenfeindlichkeit in Eberswalde nie wieder zum Ausbruch zu verhelfen, betonte Götz Trieloff von der FDP-/Bürgerfraktion. Es gehe dabei um viel, viel mehr als eine Straßenumbenennung. Dann schlug er vor, den von Bündnis 90/Die Grünen eingebrachten Antrag zu verändern. Seiner Ansicht nach sollte die Stadtverwaltung aufgefordert werden, ein Konzept für einen angemessenen Gedenk-ort an Amadeu Antonio erarbeiten zu lassen. Eine daraus folgende Option könne sein, nach dem Ermordeten eine Straße zu benennen. "Außerdem sollten wir die Stadtverwaltung beauftragen, für den 12. August eine Gedenkveranstaltung zu organisieren", regte er an.

Nach einigem Hin und Her fand das Ansinnen von Götz Trieloff eine knappe Mehrheit. Jetzt hätte nach den Gepflogenheiten im Parlament noch über den veränderten Ursprungsantrag abgestimmt werden müssen, um zu einem Beschluss zu kommen. Doch dagegen trat die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen mit aller Vehemenz ein.

Derweil sich die Stadtverordneten in Streitigkeiten vor allem um Formalien verhedderten, schauten die Vertreter der Kampagne "Light me Amadeu" immer bestürzter drein. Am Ende zog der Bürgermeister die Reißleine. "Das wird zu emotional", sagte er und lud alle Fraktionsvorsitzenden für kommende Woche ins Rathaus ein. Dort soll um einen gemeinsamen Antrag für die Parlamentssitzung Ende März gerungen werden.

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Claus 28.02.2012 - 12:26:11

Schuld an unserm Unglück

Warum Sie den Namen der Widerstandgruppe Weiße Rose verwenden, wird Ihr Geheimnis bleiben. Die Ursache, von der ich sprach, heißt Rassismus. Der ist nach allen seriösen Studien gut über die gesamte Parteienlandschaft in Deutschland und Europa verteilt. Hitlers Rassenwahn, die Kolonialzeit und die Judenverfolgung seit dem frühen Mittelalter wirken noch nach... Zu Ihrer "Analyse" der Ursachen / der Schuld erzähle ich lieber einen Witz aus dem alten Russland (könnte auch in Deutschland gewesen sein, aber das klänge sicher in Ihren Ohren zu linksradikal und unpatriotisch): In der Bahn sitzen ein Russe und ein Jude (nicht erkennbar, weil russischer Jude). Stöhnt der Russe: "An all unserm Unglück sind die Juden Schuld." - "Ja", antwortet der Jude, "die Juden und die Fahrradfahrer." - "Warum denn die Fahrradfahrer?" fragt überrascht der Russe. - "Und warum dann die Juden?!"

Claus 28.02.2012 - 02:12:12

Auffallen würde es schon

Ich war neulich in Dresden, wo mir beim Straßenbahnfahren der Jorge-Gomondai-Platz auffiel. Der hat seinen Namen auch nach dem Opfer einer rassistischen Attacke bekommen. Das fällt auf - zwischen all den deutschen und wenigen französischen Straßennamen. Das Aufmerksammachen ist offenbar leider weiiter nötig, weil die Ursachen für diesen Tod und für den von Amadeu Antonio noch weiter bestehen. In Eberswalde würde die Straße nicht nur in jedem Navi angesagt werden, auch an der großen Kreuzung am Familiengarten würde man an der Ampel die Schilder lesen, Tag für Tag, den Rechtsextremisten zum Trotz. In Angola wäre die Straßenumbenennung sicher einer Topthema. Der Widerstand gegen die Amadeu-Antonio-Str. wundert mich bei der Prominenz der Tat jedoch sehr.

Randlage 27.02.2012 - 21:41:07

noch was...

Ich bin beispielsweise schon unzählige Male durch Bernau, Freienwalde, Angermünde u.s.w. gefahren. Wenn ich so darüber nachdenke, könnte ich aber keine einzige Straße benennen, die ich dort passiert haben. Nur mal so zum Thema, die Umbenennung es hätte eine positive Außenwirkung. Dem Großteil der Bevölkerung würde es wohl gar nicht auffallen.

Randlage 27.02.2012 - 21:30:15

Bringt nichts

Ich haltes es auch für nicht sinnvoll, wenn man die Ebersw. Str. in Amadeu-Antonio-Straße umbenennt. Es ist keine Frage, dass diese Tat eines der abscheulichsten und grausamsten Verbrechen in Eberswalde und Umgebung war. Trotzdem kann man nicht jedem Opfer eines Gewaltverbrechen eine Straße widmen. Besser wäre da eher ein Denkmal oder Gedenkstätte zu errichten um eben dem Opfer zu gedenken...und das ist doch letztendlich auch respektvoller als eine stark befahrene mit Ruinen eingefasste Straße.

Weisse Rose 27.02.2012 - 19:19:12

absolut in der Mitte nicht links , nicht rechts

war der Kommentar der Afrikaurlauberin nicht links und nicht rechts, aber entsprach nicht der linken Logik der MOZ. Ich habe diesen Kommentar gelesen. Eine Schande was hier passiert.

Dagmar F. 27.02.2012 - 16:39:22

Logik

Leider habe ich den recht rechten Kommentar der "Afrikaurlauberin" nicht gelesen. Aber dass die "Logik" nun heißt: Die MOZ als linke Zeitung unterdrückt wie zu DDR-Zeiten seriös Diskutierende, die eine Amadeu-Antonio-Straße gar nicht oder erst wollen, wenn die Straße von Hormuz in Nguyen-Thi-Minh-Straße (Piratenopfer aus Vietnam) und das Horn von Afrika in Karl-Theodor-zu-Guttenberg-Horn umbenannt wurden. Und selbst wenn Vergleichbares geschähe: Sie werden zur Abwehr der Straßenumbenennung logisch auf den Rassismus weltweit hinweisen und es "unerträglich" finden, dass ein Opfer in Eberswalde als Opfer poltisch "instrumentalisiert" wird. Und welche "Leistungen" er in seinem kurzen Leben brachte?: Eberswalde wachte wenigstens teilweise erschrocken auf, so dass die Nazis nicht mehr wie Anfang der 1990-er Jahre johlend und schlagend durch die Stadt ziehen. Wir brauchen nach dem NSU-Terror kein weiteres Abwiegeln und Verleugnen von Rassismus. Er ist nicht irgendwohin ausgewandert, sondern hier bei uns, wo wir ihn bekämpfen können.

Weisse Rose 27.02.2012 - 15:26:50

Kommunistische Realität

dieses Problem mit dem Löschen von Meinungen zieht sich durch die gesamte MOZ Kommentarspalte. Das ist eigentlich völlig normal für eine linksgerichtete Zeitung. Natürlich steht das nicht in der Netiquette, dass nur linke Kommentare erwünscht sind. Was soll man sagen, das war in der DDR auch so. Ich sehe es auch so , dass der Beitrag von der Afrikaurlauberin ehrlich gesagt nicht so gefährlich war und das selbst für linke Ansprüche. Ich stimme zu dass die Afrikaner auch keine Gewässer nach Piratenopfern oder ermordeten Mitgliedern von humanitären Hilfsorganisationen werden auch keine Strassen oder Plätze gewidmet.

Uwe. O 27.02.2012 - 14:04:42

afrikanischer Straßenname in Deutschland+deutscher Straßenname in Afrika

Weshalb wird hier die fatale Pressezensur für die Afrikaurlauberin angesetzt? Sie hat nicht gegen die Netiqueete verstoßen. Vielmehr war ihre Formulierung in den Köpfen der MOZMitarbeiter nicht regelkonform. Wer linke Ansichten hat, dem stößt das auf. Wie linksgerichtet ist unsere Stadt, das dieser Kommentar gelöscht wurde? Weltoffenheit sieht anders aus.

Silke Brandmeier 27.02.2012 - 12:45:30

Politische instrumentalisierung des Opfers

Amadeu Antonio wurde Opfer rassistischer Gewalt, die es leider überall auf der Welt zuhauf gibt. Ich finde es unerträglich, dass er posthum nun noch einmal zum Opfer gemacht wird, indem man seine Person politisch instrumentalisiert. Das werfe ich den Protagonisten, die eine Benennung forcieren, vor, und gleichzeitig eine mangelnde Sensibilität. Da muss man sich fragen, ob hierbei wirklich das Opfer oder vielmehr die Selbstdarstellung und das politische Kalkül im Zentrum der Überlegungen steht.

Leser S. 27.02.2012 - 11:11:30

@ Klaus Borgwarth

Ich muss erhlich voll zu stimmen. Danke noch mal für die Aufklärung, dass er in dieser Unterkuft in der Eberswalder Str. wohnte. Meine Meinung für diese Straße bleibt bestehen. Wir könnten es nicht ändern, Zustimmung gäbe es aber auch nicht. Ich finde schon, dass diese Gedenktafel sehr gut sichtbar ist. Ich kann auch nur Afrikaurlauberin zu stimmen.

Klaus Borgwarth 27.02.2012 - 10:05:25

Eine Amadeu Antonio-Straße ist nicht zu vermitteln

Fakt ist, dass in Eberswalde der angolanische Vertragsarbeiter Amadeu Antonio Kiowa von Rassisten im November 1990 auf bestialische Weise ermordet worden ist. Fakt ist aber auch, dass er zu Lebzeiten keine außerordentlichen Verdienste für die Stadt Eberswalde geleistet hat, die es rechtfertigen würden, eine Straße nach ihm zu benennen. Es ist eine gute Tradition, Straßen oder Plätze nach Persönlichkeiten zu benennen, die in ihrem Leben eine herausragende Leistung erbracht habe. So sollte es auch weiterhin sein. Die Befürworter einer Amadeu Antonio-Straße sollten sich unters Volk mischen und Stimmungen aufnehmen. Sie werden schließlich einsehen müssen: Eine solche Straße wird den Eberswalder Bürgerinnen und Bürgern nicht zu vermitteln sein.

Peter Grundmann 26.02.2012 - 23:26:41

Darum:

In dem Abschnitt der Eberswalder Straße, der umbenannt werden soll, waren die Heime der ausgegrenzten Vertragsarbeiter, durften sie ihre Freizeit nahe der Chemischen Fabrik genießen, geschah die rassistische Tat. Die Gedenktafel wird beim Vorbeifahren kaum wahrgenommen, aber die Straße würde es. Welche "eigene Bedeutung eben" hat die Ebersewalder Straße, so dass die Umbenennung eines Teils davon ihre Bedeutung bedeutend schmälern würde? Ich finde, die Eberswalder wird durch die dann folgende Amadeu-Antonio-Straße aufgewertet.

Leser S. 26.02.2012 - 19:50:55

Warum

muss es die Eberswalder Str. sein? Dort ist schon die Gedenktafel. Es könnte doch auch die Straße sein, in der er wohnte. Die Eberswalder Str. hat eben ihre eigene Bedeutung, ich wäre auch dagegen, diese anders zu nennen.

Neu Eberswalder 26.02.2012 - 19:48:54

Totschweigen

Wie so oft wird in dieser Stadt versagen tot geschwiegen. Ich finde, schon als Zeichen, dass sich diese Stadt geändert hat, sollte die Amadeu-Antonio-Straße kommen!

Klaudia M. 25.02.2012 - 23:39:24

Was für ein Signal aus Eberswalde ...

... geht hier an die Menschen, die weiter von Diskriminierung betroffenen sind, genau an dem Tag, an dem in Berlin schamvoll an die Opfer der Nazis und zaghaft an das Versagen der "Sicherheits"behörden gedacht wurde. "Das wird zu emotional", sagte der Bürgermeister. Gefühllos lässt sich schlecht über solche Morde reden. Mit Herz und Verstand könnten wir begreifen, wie wichtig das Signal der Amadeu-Antonio-Straße für unsere Stadt, für die Kollegen und für die Angehörigen von Amadeu Antonio ist.

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