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Musikarchiv digital - Alte Noten online

02.03.2012, 09:46 Uhr
Dresden (DPA) "Du wolltest Segen, so wurd es Regen, der deiner Augen Glas mit scharfem Tränenschmerz zerrissen", reimte vor 350 Jahren der Dresdner Hofbibliothekar Christian Brehme, nachdem seine Frau Anna Margarethe gestorben war. Heinrich Schütz vertonte den traurigen Text noch im selben Jahr. Einhundert Jahre später wurde der höfische Notenbestand allerdings vernichtet. Die heute noch erhaltenen Musikalien der Dresdner Hofkapelle wie Notenhandschriften zählen zu den kostbarsten kulturellen Schätzen der Stadt. Sie werden gerade aufwendig digitalisiert.

"1760 beschossen die Preußen Dresden mit Artillerie", erzählt Karl Wilhelm Geck. Er ist als Leiter der Musikabteilung der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) und sozusagen ein Amtsnachfahre Brehmes. "Die kurfürstliche Instrument-Cammer ging damals in Flammen auf, und der dort lagernde ältere Teil der Dresdner Hofmusik, einschließlich des Nachlasses von Heinrich Schütz, wurde vernichtet", berichtet der Archivar.

Auch die Kriegsverluste des 20. Jahrhunderts sind schmerzlich. Mehrere zur Dresdner Hofkirchenmusik des 18. Jahrhunderts zählende Handschriften hat Geck vor sechs Jahren in der Russischen Staatsbibliothek gesichtet. "Das war aber nur die Spitze des Eisberges - wo der Rest liegt, wissen wir bis heute nicht."

Von Zeit zu Zeit spülen Recherchen immer wieder ein winziges Stück Dresdner Hofmusik an. In der Washingtoner Kongressbibliothek entdeckte der in Zürich wirkende Musikhistoriker Nicola Schneider unlängst die Mikrofilmkopie eines Konzerts des Barockkomponisten Tomaso Albinoni. Reproduktionen weiterer Kriegsverluste fanden sich im Nachlass eines Salzburger Musikgelehrten.

Was von der Musik der Dresdner Hofkapelle - der heutigen Staatskapelle Dresden - noch übrig ist, braucht dennoch keinen Vergleich zu scheuen. Der in der SLUB archivierte Notenfundus lässt beispielsweise das erhaltene Musiziergut der Mannheimer Hofkapelle quantitativ weit hinter sich.

Insgesamt besitzt die Landesbibliothek mehr als 19 000 Notenhandschriften und damit den drittgrößten staatlichen Bestand an Musikmanuskripten in Deutschland. Nur die Staatsbibliotheken in Berlin und München haben mit 67 000 beziehungsweise 39 000 Manuskripten noch mehr. Digital hätten aber die Dresdner die Nase vorn. "Mit der Digitalisierung und Verbreitung solches musikalischen Quellenmaterials entsteht eine neue Informationskultur im Netz. Wir erleben damit eine Renaissance der Wissensverbreitung, vergleichbar der nach Gutenberg", sagt SLUB-Chef Thomas Bürger.

Zur Sammlung gehören beispielsweise die bereits erschlossene und digitalisierte Instrumentalmusik des 18. Jahrhunderts - ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG unterstütztes Projekt namens "Schrank II" - sowie die "Königliche Privat-Musikaliensammlung" mit dem Notenbesitz der Wettinischen Familie. Auch die Kirchenmusik des Dresdner Hofes und die Musikalien der Hofoper lagern hier.

"Wenn wir die benötigte Förderung bekommen, wollen wir all diese Opernmanuskripte digitalisieren und ebenfalls ins Netz stellen", betont Geck. Das wäre eine Premiere, denn bisher hat weltweit weder eine Bibliothek noch ein Notenarchiv historische Musikalien einer bedeutenden Opernbühne vollständig im Web verfügbar gemacht.

Dieses Vorhaben soll mit der Semperoper angepackt werden; ein Förderantrag ist gestellt. Ausgesuchte Musikschätze aus der Zeit zwischen 1600 und 1800 wurden von Musikwissenschaftlern der Dresdner Universität ediert und sind bereits in der Online-Edition "Denkmäler der Tonkunst in Dresden" kostenlos auf den Webseiten der Bibliothek abrufbar. "Wir befinden uns mit der zunehmenden Digitalisierung von Musik und ihrer Nutzbarmachung im Internet am Beginn einer Revolution im Verlagswesen", sagt Professor Hans-Günter Ottenberg vom Institut zur Erforschung und Erschließung der Alten Musik in Dresden.

Immer öfter werden die Archivschätze auch von Musikern wieder zum Klingen gebracht. Erst zum Jahreswechsel hat das Prager Barockorchester Collegium 1704 in Dresden das "Te Deum" von Jan Dismas Zelenka aufgeführt - das zugehörige Autograph liegt in der SLUB.

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