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Im Zeichen des schwarzen Segels

Sandra Kurtz / 04.03.2012, 21:05 Uhr
Glienicke/Nordbahn (MZV) 15 Mitglieder der Piraten waren am Sonnabend im Glienicker Bürgerhaus zu Gast, um Interessierten die Strukturen, Eigenheiten und politischen Ansätze ihrer Partei vorzustellen. Auch die technischen Arbeitsmittel der Piraten wurden erläutert.

Warum die Piraten, darunter prominte Landes- und Bundespolitiker, gerade nach Glienicke kamen, ist einfach erklärt: Thomas Bennühr ist im Vorstand des Kreisverbandes Oberhavel für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig, und bisher der einzige Pirat aus Glienicke. Ob diese Partei wirklich anders ist als die anderen, wollte Bennühr 2009 auf dem Bundesparteitag in Hamburg prüfen. „Ich bin extra mit Anzug und Krawatte hingefahren“, erzählt der 52-Jährige. Doch bis auf einen Ruf – „Da kommt ein FDP-U-Boot“ – interessierte sein Äußeres niemanden. „Die ziehen dort alle an einem Strang“, stellte Bennühr fest. Der Glienicker war schon lange unzufrieden mit den verkrusteten Strukturen etablierter Parteien. „Dort gibt der Vorstand das Ziel vor. Bei den Piraten ist es anders. Der Vorstand ist das Sprachrohr von dem, was die Basis will.“ Das überzeugte Bennühr. Er wurde Mitglied.

Im Bürgerhaus hatten die Piraten alles aufs Beste vorbereitet. Überall lagen Flyer und Informationsmaterial zum Mitnehmen aus. Doch vor allem wurde diskutiert. So war Franziska Pieler extra aus Ostprignitz-Ruppin angereist, um die Piraten-Technik besser kennenzulernen. „Ich bin ganz neu bei den Piraten und das Internet verstehe ich besser, wenn es mir ein Gegenüber erklärt“, erzählt die junge Frau. Sie findet vor allem die Transparenz der Partei toll. „Man kann die Piraten sofort verstehen. Das macht es uns Jüngeren nachvollziehbarer.“

Wolf Elsner kennt fast jeder in Glienicke. Immer freitags und samstags steht er vor dem Edeka-Markt und verkauft Obdachlosenzeitungen, um davon seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Der stets freundliche Mann ist ins Bürgerhaus gekommen, weil er sich „für alle politischen Belange interessiert“, wie er betont. Aufmerksam folgt er den Ausführungen von Sebastian Krone, Bundesbeauftragter für Datenschutz bei den Piraten. Krone erklärt im oberen Raum des Bürgerhauses das Piratenwiki: Die Informations- und Koordinationsplattform der Partei beinhaltet unter anderen Angaben zu den vielen Arbeitsgruppen. Natürlich gibt es Gruppen wie Politik, Bildung und Datenschutz, aber auch die AG Poker und Glücksspiel, die sich mit Suchtverhalten beschäftigt, oder die AG Queeraten für gleichgeschlechtlich Orientierte. Gerade frisch gestartet ist die AG Senioren für über 60-Jährige. Die AG Raumfahrt ist eine „Scherz-AG“: „Leute, die negativ aufgefallen sind, bekommen hier einen Pilotensitz“, erklärt Sebastian Krone. Jeder kann jederzeit weitere AGs gründen. Doch drei Mitglieder sollten sie mindestens haben. Wesentliche Kommunikationsformen sind Foren und Mailinglisten. Die AG Echtzeit-Kommunikation kümmert sich unter anderem um Telefonkonferenzen und Chats. Real-Treffen, wie in Glienicke, gibt es weniger. Warum auch, wenn doch die Piraten so gut vernetzt sind.

Daher ist es auch kein Wunder, dass sie sich für einen verstärkten Ausbau von Breitband-Anschlüssen im Land Brandenburg einsetzen. „Das stärkt nicht zuletzt die Möglichkeiten von Schülern und Auszubildenden“, meint Michael Hensel, erster Vorsitzender des Landesvorstandes. „Auch kleine und mittelständische Unternehmen würden sich dann eher auf dem Land ansiedeln“, ist Hensel überzeugt. Kritisch äußern sich die Brandenburger Piraten zur Polizeistrukturreform. Hensel: „Damit hätten wir immer weniger Polizeipräsenz im ländlichen Raum und geringere Aufklärungsquoten.“

Der nächste Landesparteitag wird im Juni in Oberhavel stattfinden. Wo, ist noch offen. Thomas Bennühr hat sich schon mal die Alte Halle in Glienicke angeschaut. Offen ist auch, welche Inhalte besprochen werden könnten: Jeder ist schließlich antragsberechtigt.

Die Besucher dürfen ihre Wünsche und Vorstellungen auf einen großen Wunschzettel schreiben. „Bildung für alle“ steht dort geschrieben, auch „mehr Bürgerbeteiligung“, „patientenfreundliche Gesundheitspolitik“ und „kostenfreie Laptops für alle Schulkinder“. Frank Schätzel aus Glienicke hat ein chinesisches Schriftzeichen dazugeschrieben. „Das bedeutet Mut“, erklärt der Feng-Shui-Berater.

Gäste und Piraten diskutieren, welcher politischen Richtung die Piraten zuzuordnen seien. „Das ist der neue Ansatz unserer Politik, dass wir keiner Richtung zuzurechnen sind“, sagt Clara Jongen, zweite Vorsitzende des Landesvorstandes. „Wir wollen sogar, dass andere Parteien unsere Themen aufgreifen, mit dem Ziel, eines Tages vielleicht überflüssig zu werden.“ Die 25-jährige Studentin der Biophysik ist keineswegs eines der jüngsten Mitglieder. Das Mitgliedsalter liegt zwischen 16 und 80 Jahren. Überlegt wird, das Wahlalter noch tiefer zu setzen. Die Piraten sagen von sich, sie seien keineswegs nur „jung und internetvernarrt“. „Nur fünf bis zehn Prozent sind Informatiker“, betont Michael Hensel und lacht: „Allerdings bin ich Diplominformatiker.“

Wer glaubt, die Piraten funktionieren nur über das Internet, konnte sich am Sonnabend in Glienicke eines Besseren belehren lassen. Sie agieren auch vor Ort, sind kommunikationsfreudig und diskussionsfähig, was von vielen der etwa 40 Besucher, die ins Bürgerhaus kamen, bestätigt und beeindruckt anerkannt wurde.

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Gutsch ,Eckhard 20.03.2013 - 18:08:48

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