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Neues Konzept soll Missbrauch bei Parkeisenbahn verhindern

Fordert Aufklärung: Opfer-Anwalt Christian Weitzberg Foto: MOZ/Maria Neuendorff
Fordert Aufklärung: Opfer-Anwalt Christian Weitzberg Foto: MOZ/Maria Neuendorff © Foto: MOZ
Maria Neuendorff / 14.03.2012, 19:51 Uhr
Berlin (MOZ) Nach der Missbrauchs-Serie bei der Köpenicker Kindereisenbahn sollen die Strukturen der gemeinnützigen Einrichtung im Freizeitpark Wuhlheide komplett erneuert werden. Parkeisenbahn und Senat stellten dazu am Mittwoch ein Sicherheitskonzept vor.

Nach einer Stunde Podiumsgespräch hält es Christian Weitzberg nicht mehr auf seinem Stuhl. "Warum haben all die Jahre hundert Menschen weggeschaut?", fragt er in den Raum. Der Rechtsanwalt vertritt eines der Missbrauchs-Opfer der Park-eisenbahn. Der Prozess ist für Mai angesetzt und das mittlerweile vierte Verfahren, in dem ein Hobbyeisenbahner aus Köpenick wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen vor Gericht steht. "Inzwischen sind der Staatsanwaltschaft zehn Opfer bekannt. Wir gehen davon aus, dass es noch viel mehr sind", sagt der Jurist. Der Missbrauch sei unter den Parkeisenbahnern allgemein bekannt gewesen, klagt Weitzberg an. "Das wird natürlich nur hinter vorgehaltener Hand kolportiert."

Die Anwesenden im frisch sanierten Bahnhof Eichgestell der einst so beliebten Schmalspurbahn wissen nicht so recht, was sie erwidern sollen. Die Betroffenheit ist groß. Der Wille zur Aufarbeitung da. Gerade haben Senat und Parkeisenbahn ihr neues Sicherheits-Konzept vorgestellt. Als Retter in der Not wurde der frühere Bezirksbürgermeister Klaus Ulbricht gewonnen. Bis zum Saisonstart in drei Monaten soll er den Verein völlig umkrempeln. "Die hierarchischen Strukturen mit Technikprüfungen, die nur ein einzelner Erwachsener abnimmt, werden aufgelöst und die Kinder und Jugendlichen an Entscheidungen beteiligt", kündigt Ulbricht an. Zudem müsse das Defizit an pädagogischem Personal behoben werden.

In dem gemeinnützigen Verein, der seit der Wende die ehemalige Pioniereisenbahn betreibt, arbeiten rund 100 Ehrenamtliche und drei hauptamtliche Angestellte. Die meisten haben keine pädagogische Ausbildung, obwohl die Parkeisenbahn seit 1992 als Träger der Jugendhilfe eingetragen ist und jährlich 16 000 Euro Zuschuss erhält. Bezirk und Senat hatten die Einrichtung aus den Augen verloren. Ohne Kontrollen entwickelte sich ein stark an Rangordnung orientiertes System, das seinen Fokus extrem auf die technische Ausbildung legte. Schon Kinder trugen Uniformen und konnten mit elf Jahren als Schaffner anfangen und sukzessive zum Bahnhofsleiter aufsteigen. Nicht wenige stammten aus schwierigen Verhältnissen und verbrachten einen Großteil ihrer Freizeit in der Wuhlheide. Der eine oder andere war glücklich und stolz, unter den Parkeisenbahnern einen väterlichen Freund gefunden zu haben, der ihn zu Ausflügen mitnahm und zu sich nach Hause einlud.

Doch genau dieses Vertrauensverhältnis sowie die Machtposition der Ausbilder wurde in vielen Fällen missbraucht. Drei Ex-Park-eisenbahner sind schon zu Bewährungsstrafen verurteilt worden. Vier warten noch auf ihre Verfahren. Prozessbeobachter behaupten, der sexuelle Missbrauch bei der Parkeisenbahn hatte System. "Im Verein herrschte eine unglaubliche Distanzlosigkeit zwischen Ausbildern und Heranwachsenden. Regelmäßig wurden Grenzen aufgeweicht", sagt auch Rechtsanwalt Weitzberg.

Damit soll nun ein für alle mal Schluss sein. "Es wird nie wieder ein Erwachsener mit einem Kind irgendwo allein sein", sagt Vereinschef Ernst Heumann. Mit den Umbauten für mehr Transparenz habe man schon begonnen. Zudem sollen zwei Ruheräume für die Kinder und Jugendlichen eingerichtet werden. "Früher haben die Parkeisenbahner oft allein auf ihren Dienstposten Pause gemacht". erklärt Heumann die Notwendigkeit.

Die Schienen der Schmalspurbahn, die jährlich 60 000 Gäste befördert, schlängeln sich über sieben Kilometer durch den größten Freizeitpark Europas (FEZ). Manche Streckenabschnitte queren waldartiges Gebiet. Bahnhöfe wie "Badesee" und "Freilichtbühne" wirkten gestern verlassen und still. Obwohl nach wie vor 21 Kinder und 43 Jugendliche dem Verein angehören, hat sich etwas verändert. "Die jungen Parkeisenbahner, die früher stolz waren, verheimlichen heute ihr Hobby", sagt Klaus Ulbricht. "Aus Angst, dass sie in der Schule gemobbt werden."

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