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Proteste gegen geplante Uckermark-Freileitung, die durch den Barnim führt, halten an / Norden wird zum Energieversorger für Süden

"Wir gehen bis zur letzten Instanz"

Organisierter Widerstand: Die Bürgerinitiative Biosphäre unter Strom protestierte vor dem Forum in der Blumberger Mühle gegen die geplante Route der Uckermarktrasse.
Organisierter Widerstand: Die Bürgerinitiative Biosphäre unter Strom protestierte vor dem Forum in der Blumberger Mühle gegen die geplante Route der Uckermarktrasse. © Foto: MOZ
Daniela Windolff / 14.03.2012, 21:22 Uhr
Bernau/Angermünde (MOZ) Doppelt so hoch, doppelt so stark - so soll die neue Stromtrasse durch die Uckermark und Barnim werden, die der Netzbetreiber 50 Hertz plant. Bei einem öffentlichen Forum in der Blumberger Mühle tauschten Netzbetreiber, Bürgerinitiativen und Ministerium Argumente aus. Zweifel bleiben.

Windräder, große Biogasanlagen und wachsende Solarparks im Norden Brandenburgs und in Mecklenburg-Vorpommern produzieren Strom für Ballungs- und Industriezentren im Süden. Strom, der gebraucht und der aus regenerativen Energien auch politisch gefördert wird.

Längst sind die vorhandenen alten Stromnetze an ihre Grenzen gekommen. Kraftwerke müssen abgeschaltet und Windräder angehalten werden. "Das kostet doppelt. Strom, der produziert und verkauft ist, aber durch Kapazitätsprobleme des Stromnetzes nicht abtransportiert werden kann, führte im vergangenen Jahr zu Mehrkosten von 100 Millionen Euro. Kosten, die am Ende der Verbraucher zahlen muss", argumentiert Frank Golletz, Technischer Leiter des Netzbetreibers 50 Hertz. Das Unternehmen als Nachfolger von Vattenfall plant deshalb den Neubau einer Höchstspannungsleitung, die vom Gesetzgeber in einem beschleunigten Verfahren bevorzugt wird. "Die Energieerzeugung wird sich mit der Energiewende künftig von Süden nach Norden verlagern", bestätigt auch Brandenburgs Wirtschaftsminister Ralf Christoffers (Linke). Für den schnellen Transport sind "Stromautobahnen" nötig. 115 Kilometer schlängelt sich die neue Leitung von Bertikow bis Neuenhagen mitten durch das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin mit einem Schlenker nach Vierraden mit Anbindung nach Polen. Sie durchquert 24 Landschafts- und Naturschutzgebiete und 26 Ortschaften: Blumberg, Börnicke, Sydower Fließ oder Eberswalde. Überwiegend sollen die bestehende Trasse der 110- bzw. 220-kV-Leitung dafür genutzt und erweitert und die alten Leitungen abgerissen werden. Die neuen Masten ragen mit 70 Metern doppelt so hoch in den Himmel und stellen jeden Kirchturm in den Schatten.

Seit 2005 laufen die Vorbereitungen. 2012 sitzen zum ersten Mal Brandenburgs Wirtschaftsminister, 50 Hertz und betroffene Bürger zum Dialog zusammen. Fünf Minuten vor zwölf, denn das Planfeststellungsverfahren als letzte und wichtigste Hürde vor der Genehmigung des Bauvorhabens steht kurz vor der Entscheidung. "Wir holen heute das nach, was eigentlich schon 2007, 2008 und 2009 hätte erfolgen müssen", räumt Ralf Christoffers Versäumnisse ein. Die Diskussionsrunde zwischen allen Beteiligten sei Modell, wie man künftig gerade bei konfliktgeladenen Projekten miteinander reden könne, so Christoffers.

Für die Bürgerinitiative "Biosphäre unter Strom" und viele Gäste der sehr gut besuchten Veranstaltung kommt diese Transparenz zu spät. "Seit 2008 haben wir uns um Aufklärung bemüht. Wir sind nur Amateure, aber erst wir haben die Planungen transparent gemacht, Argumente gesammelt und Alternativen für die Trassenführung vorgeschlagen. Aber wir wurden weder angehört noch unsere Vorschläge berücksichtigt", kritisiert Hartmut Lindner, Sprecher der Bürgerinitiative. "Mit Veröffentlichungen im Amtsblatt erreicht man die Bürger nicht. Man muss in die Gemeinden gehen, in Einwohnerversammlungen", richtete er sich direkt an Minister Christoffers. Die Planungsordner, die im Planfeststellungsverfahren schließlich zur öffentlichen Einsicht in den Amtsstuben auslagen, füllten 15 Umzugskartons, beschrieb Lindner. "Welcher Bürger soll sich da durchkämpfen?"

Die mangelnde Einbeziehung der Bevölkerung und die Sorge um Naturschutz, Landschaftsbild und mögliche Gesundheitsgefahren durch die 380-Kilovolt-Freileitung bringt Betroffene auf die Palme. Zufriedenstellende Antworten fanden sie auch beim Forum in der Mühle nicht.

"Die Bürger werden verschaukelt. Es gibt Alternativen zu der umstrittenen Trassenführung mitten durchs Biosphärenreservat, zum Beispiel parallel zur Autobahn. Warum die nicht diskutiert wurden, kann ich nicht nachvollziehen. Dass Mehrkosten auf die Stromkunden umgelegt werden, ist ein Totschlagsargument. Es geht um Gewinnoptimierung der Konzerne", ärgert sich Olaf Theiß, Stadtverordneter in Angermünde."Meine größte Sorge ist der Umwelt- und der Naturschutz. Das sind Schutzgüter, die sich nicht verschlechtern dürfen. Das wäre eine Straftat", erklärt auch Andrea Baumann aus Melchow.

1500 kritische Einwendungen gingen beim Bergbauamt Cottbus als Genehmigungsbehörde ein. Kritisiert wird der massive Eingriff in das Landschaftsbild und den Vogelschutz, Beeinträchtigungen der Lebensqualität, Nachteile für den Tourismus und Gesundheitsgefahren.

Die BI hat vier Gutachten in Auftrag gegeben, die diese Befürchtungen bestätigen. "Uns ist klar, dass für die Energiewende die Netze entsprechend ausgebaut werden müssen", meint Anita Schwaier von "Zukunft Biosphäre - Zubila". Lindner kündigte zudem Klage durch alle Instanzen bis zum Bundesverwaltungsgericht in Leipzig an.

Bürgertelefon: 0800 58952472

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Volksinitiative "Rettet Brandenburg" 18.03.2012 - 13:48:08

Das Maß ist voll !

Ob ROT, ob GRÜN oder LINKS, kaum an der Macht ,vergessen die Parteinix, dass sie in diese Position nur durch die Menschen gekommen sind, welche sich darauf verlassen wollten, dass es wirklich mal um bessere Lebensverhältnisse für alle geht. Was aber geschieht? Unter ROT/SCHWARZ(ER) Rigide gab es die Aussicht auf "blühende Landschaften" im Osten. Jetzt unter ROT/ROTER Regentschaft, die auf ein flimmerndes und dröhnendes Spargelmeer mit Stromautobahnen quer durchs Land und dass alles ohne große Rücksicht auf die Lebensbelange der hier lebenden Menschen und Tiere. Die "GRÜNEN" zu wählen ist zwischenzeitlich ebenso fatal, da die sich längst vom Umwelt schützenden Saulus, zum Wald vernichtenden und schützenswerte Tiere opfernden Paulus gewandelt haben. Der NABU - ein zahnloser Tiger, der seinen Sold im stillen kassiert und schweigt. Trotzig wird der Welt "Atomtod" vor sich hergetragen und dafür ein Massenexitus in der und an der Natur billigend in kauf genommen. Welch ein Fortschritt! Es wird für wahr höchste Zeit sich neu zu orientieren und alles was bisher auf der Politikbühne steht, auf den Prüfstand der Übereinstimmung zu den Lebensbedürfnissen der Menschen und Tieren sowohl in den Käfigbatterien als auch der freien Natur zu stellen. Schließt Euch zusammen mit denen, die damit in der neuen Volksinitiative "Rettet Brandenburg" begonnen haben. Meldet Euch und nehmt teil an der Aufarbeitung der Fehler in der Umwelt- und Energiepolitik im Land Brandenburg und darüber hinaus. Schluß mit der Verschandelung der Brandenburger Landschaften!

www.pro-liepnitzwald.de 15.03.2012 - 23:29:36

Ja- aber

Lieber Barnimbus, es ist wirklich nicht leicht, es allen Recht zu machen und ja, Egoismus ist eine große Triebfeder, jedoch auch kurzsichtige Dummheit. Eine gutachterlich und fachmännisch unabhängige Energiestrategie ist nie entwickelt worden. Das EEG ist ein Subventionsprogramm für vier große Energieproduzenten und deren Banken. Wäre es unabhängig entwickelt worden, dann käme ggf. an erster Stelle die Einsparungsnotwendigkeit, an zweiter die Sicherung der kommunalen, d.h. kleinräumigen Daseinsvorsorge und danach die industrielle Absicherung und ganz zuletzt die Abwägung zwichen Bedarf und Erfordernis mit differenzierten Lösungvorschlägen und Kostenbetrachtungen. Dann stünden sich auch nicht Milliardengewinne bei den Energieproduzenten,die geschont werden, Milliarden von Kosten für die kleinen Verbrauchern gegenüber. Die Großverbraucher werden ja geschont. Längerfristig geht oder sollte es darum gehen, vorrangig die realen regionalen Erfordernisse der Daseinsvorsorge der Bevölkerung abzusichern. Das ist der Hauptauftrag für jede Regierung lt. Grundgesetz! Nur macht sie es auch wirklich auftragsgemäß? Es ist schließlich alles endlich und nicht nur hier. Womit also wollen wir die KKW, Kohle- und Erdgaskraftwerke der Grundlast in einigen Jahren betreiben? KKW - weg zuerst, sofort. Ja! Sie sind für alle gefährlich und zudem bei Vollrechnung die teuersten. Kohle weg - schon problematisch. Gas als Ersatz macht uns sofort abhängig und geht auch nur für einige Jahrzehnte oder ein Jahrhundert gut. Sonnenenergie - nur am Tag bei Sonnenschein verfügbar und hier bei uns zudem mit miserablen Wirkungsgrad und Wind? Der weht für Strom nur an 120 Tagen und davon 71 von 354 Tagen im Jahr mit ergiebiger Vollast und dann natürlich bedingt so unregelmäßig verteilt, dass er wie die Sonnenenergie nicht ist Grundlastfähig sondern als Regelenergie Anwendung findet (siehe Wikipedia zur Begriffsklärung). Geothermie - ich kenne nur Versuchsanlagen mit sehr differenzierten Ergebnissen. Soll aber seit einer Woche gefördert werden, weil als einzige alternative Energie Grundlastfähig. Was nun? Sollten wir wirklich auf unsere Mitbürger die Probleme anmelden und protestieren so herabschauen und sie nicht besser ermundern sich mit Vorschlägen einzubrigen? Ist ein Erdkabel nicht wirklich besser bei den Gewinnen der Konzerne auch verkraftbar? Was machen Sie es selbst? Wie sieht Ihr Beitrag aus? Wir bringen uns auch ein und das unter dem Motto der Altforderen: "Jedes Ding hat sein Maß!" Zuviel wird immer Widerstand erzeugen, egals was und wo. Bei uns in Wandlitz ist es der sehr alte Buchenwald, der Liepnitzwald, welchen wir frei von Windrädern für die dauerhafte Sicherung der Erholung tausender Menschen und wichtigsten wirtschaftichen Basis des Tourismus hier erhalten müssen. Andere haben andere Werte die sie schützen möchten. Windräder gehören auf Industrieflächen und nicht unmittelbar vor die Wohnzimmer der Menschen. Infraschall ist kein Spaß und ebenso wenig Schattenschlag und Discoeffekte der Flugbefeuerung in der Nacht. Sie sind Gesundheitsrisiken für Kinder und schwache Menschen! Tierschutz ist ebenso wichtig, weil die Kreatur schon seit der Bibel dem Menschen Schutzbefohlen ist, zu recht! Ist die Bereitschaft da den Abstand auf 3.000m zu den Wohnbebauungen, Kindergärten, Krankenhäusern festzulegen und ebenso nicht in die CO² Speicher - unsere Wälder zu Industriezonen umzubauen, der Widerstand würde sofort zurück gehen. Dann streiten wir nur noch über Egoismen. Die Menschen in der Lausitz haben ebenso Rechte auf Heimat und Unversehrtheit ihrer Landschaft, wie die in der Uckermark oder dem Barnim. Wir sollten uns nicht gegeneinander in Stellung bringen lassen. Fordern wir gemeinsam die Konzentration aller Subventionen in die Forschung zur langfristigen Gewährleistung der Daseinsführsorge nicht nur der deutschen Bevölkerung. Acu wir wollen ohne Strahlentot und Atemnot leben und unseren Kindern gesunde Wälder, lebende Natur hinterlassen.

barnimbus 14.03.2012 - 22:53:05

Ja, aber...

Strom wollen wir alle. Windkraftwerke. Toll, aber nicht bei uns. BIOGAS? Prima. Ganz toll, aber hier nicht. Erwärme? Echt edel. Wirklich! Hier? Wo anders gerne - habe ja nichts dagegen. Aber nicht hier. Und dann auch noch Kabel für den Strom? Neue Netze, damit auch sichergestellt bleibt, daß ich Computer, Kühlschrank und Waschmaschine betreiben kann, find ich prima. Achso die Kosten? Mehr darf es nicht kosten, aber die Leitungen schön weit weg von mir und dann auch noch in die Erde und schön tief. Nur kosten darf es nichts. Also der Strom darf nicht teurer werden, sonst bin ich sauer.... Ich mag übrigens keine KKW, hätte nichts gegen Wind und Solar vor meiner Haustür und wüßte, daß Schweinegülle in meinem Biokraftwerk stinken kann. Ich hasse diese Pseudo-Ökos-nur-nicht-vor-meiner-Haustür-Freaks. Die kotzen mich echt schon an. Danke.

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