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Angehende Erzieher der Uckermark fürchten, im Streit um brandenburgische Ausbildungsformen durch die Prüfungen zu rasseln

Spielball politischer Instanzen

Soll noch schnell ein Instrument erlernen: Julia Winkler gehört zu den Teilnehmern eines Erzieherkurses vom Angermünder Bildungswerk, die eine Beschwerde ans Bildungsministerium über die Prüfungsbedingungen gerichtet haben.
Soll noch schnell ein Instrument erlernen: Julia Winkler gehört zu den Teilnehmern eines Erzieherkurses vom Angermünder Bildungswerk, die eine Beschwerde ans Bildungsministerium über die Prüfungsbedingungen gerichtet haben. © Foto: Oliver Schwers
Oliver Schwers / 03.04.2012, 05:07 Uhr
Angermünde/Prenzlau (MOZ) In den kommenden Jahren fehlen ausgebildete Kita-Erzieher in der Uckermark. Doch anstatt mehr Ausbildungsplätze anzubieten, wird es berufsbegleitenden Kursen und Seiteneinsteigern immer schwerer gemacht. Jetzt legten Teilnehmer zweier Seminare Beschwerde ein.

Als "Spielball zwischen den Instanzen" fühlen sich junge Frauen, die an einer sogenannten Nichtschülerprüfung teilnehmen wollen. Zwei Jahre haben sie in einem Spezialkurs des Angermünder Bildungswerks gebüffelt. Doch jetzt fehlen ihnen wichtige Voraussetzungen für die im April laufenden Prüfungen. Völlig schockiert saßen sie gemeinsam mit Teilnehmern einer schulischen Qualifizierungsmaßnahme über den Bildungsträger TFA in einer Informationsveranstaltung und glaubten ihren Ohren nicht zu trauen. "Unserer Ansicht nach sind die Prüfungen in der vorgesehenen Art und Weise unsozial und unmenschlich, da keine realitätsbezogenen und gerechten Prüfungsbedingungen vorliegen", formulierten sie in einer Beschwerde an das brandenburgische Bildungsministerium.

Man hatte ihnen 17 Prüfungen angekündigt, davon 14 mündliche. Wiederholungen sind nicht vorgesehen. Vornoten bleiben unberücksichtigt. Plötzlich müssen fachübergreifende Stoffe nachgewiesen werden, die viele der Teilnehmer bereits in vorherigen Ausbildungen nachgewiesen haben. Nichtschülerprüfungen der Vorjahre sollen deutlich einfacher und gerechter gewesen sein, so die Klage. Auch Englischkenntnisse und das Spielen eines Instruments sind nun nicht nur wie zuvor "erwünscht", sondern Prüfungsstoff.

Die Wut der Azubis und ihr Vorwurf, als Spielball zwischen den Instanzen benutzt zu werden, scheinen nicht aus der Luft gegriffen. Der Streit hat tatsächlich politische Brisanz. Denn während der zweijährigen Weiterbildung änderte das Ministerium kurzerhand die Prüfungsbedingungen. Man verlangte plötzlich mehr Praxis als Voraussetzung für den Berufsabschluss als staatlich anerkannte Erzieherin. Dieses Manko konnte inzwischen behoben werden. Dennoch warfen 30 Prozent der Teilnehmer frustriert das Handtuch.

Jetzt fürchten 16 Schüler des Bildungswerkes und 22 junge Frauen des TFA-Kurses, komplett durch die Prüfungen zu segeln. "Es stehen viele Existenzen auf dem Spiel, denn jeder von uns hätte bei erfolgreichem Abschluss dieser Ausbildungsmaßnahme die Möglichkeit auf einen gesicherten Ausbildungsplatz", heißt es im gemeinsamen Protestbrief.

Eine der Betroffenen ist Julia Winkler aus Angermünde. Sie kehrte nach einer Ausbildung zur staatlich geprüften Kinderpflegerin in Bayern nun doch wieder in die Uckermark zurück. Eigentlich wollte die junge Mutter ein Studium folgen lassen, doch der Job ihres Mannes führte sie - eigentlich unüblich für uckermärkische Verhältnisse - doch wieder in die Heimat. Das hat sie längst bereut. Denn in Brandenburg wird die bayrische Ausbildung nicht einmal anerkannt. Staatlich ist eben nicht gleich staatlich - und schon gar nicht zwischen Preußen und Bayern.

Dafür fand Julia Winkler rasend schnell einen Job in einer Kita der Volkssolidarität. Der freie Träger übernahm sogar die Kosten für die notwendige berufsbegleitende Weiterbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin über den Kurs des Bildungswerkes. "Wir sind fachlich sehr gut vorbereitet und verlangen eine faire Behandlung", macht sie ihrem Ärger Luft. "Ich kann doch jetzt nicht noch eine dritte Ausbildung beginnen."

Auch bei den Schülern des TFA-Kurses geht die pure Angst um. Von K.o.-Kriterien spricht Viola Timptner. Nichtschülerprüfungen in Brandenburg würden sich von denen in Berlin und Mecklenburg gravierend unterscheiden. "Offenbar sollen wir jetzt dafür herhalten, dass die Oberstufenzentren bei der Ausbildung in Konkurrenz zu den freien Trägern stehen", vermutet Viola Timptner.

Fallen die Teilnehmer der Kurse tatsächlich durch die Prüfungen, weil sich die Grundlagen verändert haben, dann hat der Steuerzahler mehr als eine halbe Million Euro in den Sand gesetzt. Denn die Kosten tragen Arbeitsagentur und Jobcenter. Und ohne geeigneten Abschluss bekommen die Teilnehmer entweder keinen Job oder deutlich weniger Gehalt. In beiden Behörden sorgt man sich ebenso um den Ausgang des Streits.

Inzwischen hat der den Kreistag Uckermark erreicht. "Wir bereiten gezielt auf die Prüfungen vor", verteidigt die Chefin des Angermünder Bildungswerkes Susann Höft im Jugendhilfeausschuss ihre Ausbildung. "Wir machen uns große Sorgen, dass die Schüler jetzt aber durchfallen."

Wut im Bauch haben auch die Kita-Träger. Denn die trifft es genauso hart, wenn ihr Nachwuchs die Abschlüsse nicht schafft. "Bei einer vollzeitschulischen Ausbildung ist es doch vier Wochen vor der Prüfung gar nicht mehr möglich, noch schnell ein Instrument zu lernen", schimpft Marlies Helsing vom Schwedter Verein "Leg los, werd groß".

Das Bildungsministerium verteidigt hingegen die vorgegebenen Prüfungsbedingungen. "Als Fachaufsicht ist es unsere Aufgabe, die Qualität von Bildung, Betreuung und Erziehung weiterhin zu garantieren", so Antje Grabley, Stellvertretende Sprecherin der Ministerin. "Der angestrebte Berufsabschluss muss daher dieselbe Qualität haben wie der an einer Schule in öffentlicher Trägerschaft. Genau das prüfen wir. Der Träger der Umschulung beziehungsweise Ausbildung wusste davon und hätte seine Teilnehmer vorher informieren müssen. Und auch für die Eltern und Kinder ist es wichtig, dass Abschlüsse von Erziehern gleichwertig sind."

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Karin P. 05.06.2012 - 12:27:43

Kompetenzrangelei vs. Erziehermangel

Das hätten die Oberstufenzentren wohl gern, dass die privaten Träger im Licht der öffentlichen Meinung als Sündenböcke gelten. Die Oberstufenzentren können den Bedarf an staatl. anerkannten Erziehern schon seit langem nicht mehr decken,denn sie sehen sich mit schwindenden Schülerzahlen konfrontiert (Demographie!) Weniger Schüler, weniger Gelder, weniger Planstellen. Am Dogma der heiligen staatlichen Bildungshoheit seitens der Oberstufenzentren bzw. der Schulämter soll eben genau deswegen nicht gerüttelt werden. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Oberstufenzentren den "Nichtschülern" sehr negativ gegenüber stehen und alles daran setzen werden, sie eben nicht bestehen zu lassen. Das würde ja ein positives Signal in die Richtung der anderen Bildungsträger setzen...Aber mal ehrlich:Wer hat denn heutzutage überhaupt noch den Mut und die Motivation, als Erzieher zu arbeiten?! Man steht doch anscheinend schon generell mit einem Bein im Knast und soll als die „eierlegende Wollmilchsau“ an den Kleinen das versuchen wiedergutzumachen, was manche Eltern und unser vorsintflutliches Bildungssystem "verbockt" haben...Sollten Staat, Politik und auch Eltern nicht erfreut sein über die Bereitschaft dieser Menschen, sich dieser Verantwortung stellen zu wollen? Wer sagt denn, dass man auf dem zweiten Bildungsweg keine gute Erzieherin werden kann? Gerade in Zeiten,in denen sämtliche Arbeitgeber die Bereitschaft zum "lebenslangen Lernen" seitens des Arbeitnehmers erwarten? Mittlerweile bieten auch große gemeinnützige Institutionen wie zum Beispiel das DRK die Umschulung zum staatl. anerk. Erzieher an, will man dort auch nur die schnelle Geldmacherei unterstellen? Und ganz interessant wird es, wenn man weiß, dass einige Oberstufenzentren auch schon Klassen für Teilnehmer des zweiten Bildungsweges eröffnet haben...Es ist schon jetzt so schwer, einen Kita-Platz zu bekommen, denn der gesetzliche Anspruch besteht ja erst ab dem dritten Lebensjahr. Hinzu kommt, dass die Kommunen ab dem 01.01.2013 für jedes Kind, welches das erste Lebensjahr vollendet hat, einen Betreuungsplatz zur Verfügung stellen müssen, gleichzeitig fallen in den nächsten Jahren aufgrund altersbedingter Ausscheidungen enorm viele Erzieherinnen in den Einrichtungen weg, ohne das dieser Mangel adäquat ausgeglichen werden könnte, denn es fehlen bereits jetzt tausende ausgebildete Erzieherinnen... Es ist zu wünschen, dass insbesondere im Interesse der Kinder, Eltern und angehenden Erzieher dieses irrsinnige Mobbing der staatlichen Bildungsinstitutionen gegenüber den anderen Bildungsträgern aufhört und ein schneller Konsens gefunden wird, denn eines ist doch wohl Fakt: wir brauchen dringend und schnell gut ausgebildete Erzieher. Es kann deshalb nicht angehen, dass für den gleichen Abschluss die Schüler der Oberstufenzentren nur 3, die Nichtschüler jedoch mehr als 12 Prüfungen ablegen müssen. Gleiche Prüfungsbedingungen für alle wären wohl mehr als angebracht. Ich wünsche diesen mutigen Teilnehmern viel Erfolg bei den Prüfungen und alles Gute weiterhin!

Anne B. 03.04.2012 - 13:22:35

Ausbildung und Abschlüsse müssen gleichwertig sein

Hier liegt doch wohl eindeutig die Schuld beim Träger dieser Ausbildung. Ausbildung und Abschlüsse müssen gleichwertig sein. Sonst sind diese Ausbildungsstätten für diese Berufsausbildung nicht geeignet. Schuld hat auch die Argentur für Arbeit und das Jobcenter. Wie können hier Maßnahmen mit einer halben Mio € gefördert werden, ohne die Voraussetzung für den Abschluss zu ermöglichen ? Wenn die erworbenen Kenntnisse für einen ordentlichen Berufsabschluss nicht reichen, ist es nicht mehr als richtig, dass hier kein Abschluss erteilt wird. Beim Arzt ist das auch nicht möglich. Und sind wir mal ganz ehrlich, es ist nicht das erste und letzte Mal, wo das Arbeitsamt Geld in den Sand setzt. Die Arbeitsplätze im Jobcenter müssen auch erhalten bleiben. Und eine Berufausbildung zum Erzieher/in kann man nicht so einfach nebenbei machen. Wir als Eltern fordern eine gleichwertige Berufsausbildung und einen gleichwertigen Abschluss. Hier geht es um Kinder und nicht um Singschwäne im Nationalpark. PS: Hauptsache das Jobcenter kontrolliert eine 1,10 € - Kraft für 20 Stunden die Woche = 22,- € /Woche mit zwei Hauptamtlichen Mitarbeiter ob diese Arbeitskraft nicht Zweckentfremdet wird. Alleine nur die Personalkosten für diese beiden "wichtigen" Mitarbeiter vom Jobcenter übersteigen das Manatsgehalt der 1,10 € - Kraft. Kosten und Nutzen nicht mehr nachvollziebar. Wenn diese beiden Mitarbeiter vom Jobcenter ihre richtige Arbeit ordentlich ausgeführt hätte, würden die Schüler auch ihren Abschluss mit Anerkennung zum Erzieher erhalten. Es ist wirklich Schlimm, was hier geschehen ist... man kann aber auch nicht diesen staatliche Anerkennung und den Abschluss einfach so erteilen, dafür ist die Verantwortung einfach zu groß.

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