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Ein Pfui-Thema und die Löchrigkeit eines Gesetzes

Stefan Kegel
Stefan Kegel © Foto: MOZ/Dietmar Horn
Stefan Kegel / 12.04.2012, 18:52 Uhr - Aktualisiert 12.04.2012, 19:35
(MOZ) Als "Blutschande" wurde er gegeißelt und mit hohen Strafen versehen, auch in der Bundesrepublik ist er bis heute ein Straftatbestand: Der intime Kontakt zwischen nah verwandten Erwachsenen ist in Deutschland seit Jahrhunderten ein Pfui-Thema - und verboten. Zu Recht, wie der Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg jetzt bestätigt hat. Doch viele Fragen sind offen.

Zwar ist sexueller Kontakt zwischen erwachsenen Geschwistern wie im konkreten Fall eher selten. Dafür sorgt schon die Natur - auch im Tierreich ist Inzest eher eine Ausnahme als der Normalfall. Doch greift der Staat mit seinem Verbot tief in die Sphäre der privaten Lebensgestaltung seiner Bürger ein. Das darf er nur aus nachvollziehbaren Gründen.

Da das Verbot nur den Beischlaf - nicht aber andere Praktiken - umfasst, ist seine Zielrichtung klar: Es sollen keine behinderten Nachkommen gezeugt werden. Immerhin beträgt das Risiko durch die Kombination genetischer Ähnlichkeit nach Expertenangaben mehr als 40 Prozent. Diese Tatsache müsse ungeachtet der Erinnerungen an die nazistische Euthanasie von Behinderten gelten, verfügte das Verfassungsgericht 2008 und führte auch den Schutz der Familie als Grund an. Denn mit welchem Familienbild wächst ein Kind auf, dessen Mutter gleichzeitig die eigene Tante ist?

Unter dem Aspekt der Gleichbehandlung tun sich jedoch deutliche Mängel auf. Denn Behinderten ist der Beischlaf nicht verboten, obwohl auch sie möglicherweise behinderte Nachkommen zeugen. Gleichzeitig ist der einvernehmliche sexuelle Verkehr mit adoptierten erwachsenen Kindern straffrei oder auch der homosexuelle Kontakt zwischen Geschwistern. Der Makel des Gesetzes ist seine Löchrigkeit.

Dem könnte der Gesetzgeber abhelfen. Die Frage ist nur: Wie? Für eine Abschaffung fehlt eine politische Mehrheit. Soll man also das bewusst eingegangene erhöhte Risiko zur Erzeugung behinderten Nachwuchses bestrafen? Das wäre ein dramatischer Eingriff in die Privatsphäre, der sich zudem aus historischen Gründen verbietet. Als Alternative bliebe nur eines: Ein Verbot sämtlicher sexueller Kontakte naher Verwandter. Damit würde das Gesetz jedoch auf die Einhaltung bestehender Moralvorstellungen abzielen. Und das ist nicht der Sinn des Strafrechts.

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