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Ex-Generaldirektor am Sonntag 90 Jahre alt

Gerechtigkeitssinn als Antrieb

Jubilar: Helmut Koch jagte gern.
Jubilar: Helmut Koch jagte gern. © Foto: MOZ/Inga Dreyer
Inga Dreyer / 29.04.2012, 07:43 Uhr
Eberswalde (MOZ) Kritik ist sein Element: Intensiv wie kaum ein anderer beschäftigt er sich mit lokalpolitischen Themen. Seine Meinung äußert Helmut Koch regelmäßig in der MOZ. Am 29. April feiert der ehemalige Generaldirektor des Schlacht- und Verarbeitungskombinates Eberswalde seinen 90. Geburtstag.

Beim Eintritt in die Plattenbauwohnung der Kochs springt einem ein aufgeregter, weißer Pudel entgegen. Über der Essecke hängen zahllose Geweihe. "Die habe ich selber geschossen", erzählt Helmut Koch. Als seine Sehkraft nachließ, gab er das Hobby auf. "Da ist er konsequent", sagt seine Frau. Sie selber war nie fürs Jagen zu haben, dazu sei sie zu tierlieb. Statt Geweihe sammelt sie lieber Puppen.

Schnell ist das Gespräch bei politischen Themen angelangt. Helmut Koch ist Mitglied der Linken. In zahlreichen Leserbriefen nimmt er Stellung zu aktuellen Debatten und kritisiert, wenn Redakteure seiner Meinung nach Unsinn verzapft haben. In der Öffentlichkeit steht er trotzdem nicht gerne, zum Interview muss man ihn erst überreden. "Uns geht es um die Sache", bekräftigt seine 20 Jahre jüngere Frau Gisela, die wie er in der Linken engagiert ist. Früher einmal war sie seine Sekretärin und er Generaldirektor des Schlacht- und Verarbeitungskombinats Eberswalde.

"Was mir an ihm gefallen hat, war, dass er sich immer für die kleinen Leute eingesetzt hat", sagt sie. Mit verliebt wirkendem Blick erzählt sie Anekdoten. Wie er als Kombinatsleiter einer Reinigungskraft eine Kur ermöglicht habe, zum Beispiel. Oder wie er einem führenden Funktionär, der Mitarbeiter anschwärzen wollte, die Westradio gehört hatten, entgegnet habe: "Du etwa nicht?" Sie brachte vier Kinder aus erster Ehe mit, er zwei. Gemeinsam haben sie 17 Enkel.

Seinen Gerechtigkeitssinn erklärt der in Gera aufgewachsene Koch aus seiner Biografie heraus. "Ich komme aus einer antifaschistischen Arbeiterfamilie", erzählt er. Sein Vater war Farmer, seine Mutter Näherin. Beide in der SPD. "In der Schule sollten immer alle aufstehen, die nicht in der HJ waren. Irgendwann war ich der Einzige", berichtet Koch.

Seinem Vater, der sich als Betriebsratsvorsitzender engagiert hatte, wurde 1933 wegen staatsfeindlicher Umtriebe gekündigt. Bis 1945 fand der keine Arbeit mehr. Koch absolvierte eine kaufmännische Lehre und im Selbststudium das Abitur. Vier Jahre lang war Helmut Koch im Krieg. Beim Einmarsch der Amerikaner desertierte er und geriet deswegen nicht in Kriegsgefangenschaft. Stattdessen arbeitete er in der Lebensmittelbeschaffung und Verteilung - was zu seinem Lebensthema wurde.

In Berlin studierte er nebenher Ökonomie und promovierte an der Humboldt-Universität zum Thema Preisgestaltung landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Er arbeitete im Bereich der Lebensmittelversorgung und stieg zum Staatssekretär für Erfassung und Aufkauf landwirtschaftlicher Erzeugnisse auf, wurde Vorsitzender einer staatlichen Landwirtschafts-Kommission und bis 1976 stellvertretender Landwirtschafts- und Forstminister.

Dass er immer kritisch gewesen sei, auch den eigenen Genossen gegenüber, ist Koch wichtig. Wegen Differenzen mit dem Zentralkomitee wurde er Ende der 1976 nach Eberswalde delegiert. Eine Strafversetzung verschlug ihn von Berlin in die kleine Stadt, in der er das Schlacht- und Verarbeitungskombinat mit seinen 3000 Mitarbeitern aufbaute. Damals habe kollektiver Zusammenhalt geherrscht, meint Koch. "Heute ist das durch Ellenbogenfreiheit ersetzt worden."

Gerne treffe er frühere Mitarbeiter: "Wenn sich ehemalige Produktionsarbeiter freuen, den Generaldirektor zu treffen, kann man ja nicht alles falsch gemacht haben", glaubt er.

Für seine Zeit als Staatssekretär bekomme er nur eine "Strafrente", klagt Helmut Koch. "Viele Leute denken ja, wir hätten viel Geld", fügt Gisela Koch hinzu.

Für Menschen, die nach der Wende ihr "Parteibuch hingeworfen" haben, hat Koch kein Verständnis.

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Dr. Helmut Koch 09.05.2012 - 11:49:09

zum Kommentar Dr. Adler

Wenn ich kein Verständnis dafür habe, dass manche nach der Wende gleich ihr Parteibuch hingeworfen haben, so meine ich auch Ex-SED-Genosse Dr. Gerd Adler, der nicht nur als Propagandist der Kreisleitung der SED sein Parteibuch abgegeben, sondern auch gleich mit einem neuen einer anderen Partei verbunden mit Funktionen ausgetauscht hat.

Albrecht Triller 09.05.2012 - 07:49:35

Die Karawane zieht weiter

Werter Herr Dr. Adler, von Ihnen gescholten zu werden, ist für einen Leserbriefschreiber - gewissermaßen sozusagen – ein Lob, wie es größer kaum sein kann. Wenn Sie Dr. Helmut Koch als Vertreter des „ehemaligen DDR-Establishments“ anprangern, drängt sich mir – gewissermaßen sozusagen – die Frage auf, wo Sie zu dieser Zeit waren? Von einem Widerstandskämpfer Adler habe ich bisher nichts gehört. Aber einen in der Neuzeit besonders eifrigen Verfechter der aktuellen Partei- und Regierungspolitik Dr. Gert Adler kenne ich recht gut – gewissermaßen sozusagen – ein echter Überzeugungstäter. Es stände Ihnen gut zu Gesicht, wenn Sie Ihr Verhältnis zu Andersdenkenden und zur Kritik überdenken würden, und Menschen nicht in alte Schubladen stecken, sondern danach beurteilen, was sie heute tun. Im Übrigen: Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter.

Helge Herwig 02.05.2012 - 21:05:07

Warum wird mein Kommentar nicht freigeschaltet?

Sehr geehrte Admins, warum wird mein Kommentar nicht freigeschaltet?

Dr. Gert Adler 01.05.2012 - 19:39:23

Gerechtigkeitssinn als Antrieb

Es ist schon sehr verwunderlich, dass die MOZ in ihrer Ausgabe vom 28./29.04.2012 Platz und Zeit findet, eine Laudatio anlässlich des 90.Geburtstags von Herrn Dr. Koch, Ex-Generaldirektor des Schlacht- und Verarbeitungskombinats Eberswalde, abzudrucken. Helmut Koch gehört seit der politischen Wende bzw. der deutschen Wiedervereinigung zu den Vertretern des ehemaligen DDR-Establishments, die alle politischen und wirtschaftlichen Veränderungen in Eberswalde mit rückwärtsgewandter Besserwisserei, Hohn und Spott begleitet haben. Von konstruktiver Kritik, die das Duo Gisela und Helmut Koch für sich in Anspruch nimmt, kann keine Rede sein. Ihr Gerechtigkeitssinn misst sich auch heute noch an Prämissen, die eher an die Worthülsen der SED-Ideologie erinnern. Herr Koch beklagt, für seine Zeit als DDR-Staatssekretär nur eine "Strafrente" zu erhalten. Das erinnert an das Geheule der gesamten DDR-Nomenklatura, die auch heute noch keine Verantwortung dafür übernehmen wollen, dass sie das System DDR an die Wand gefahren haben.

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