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Eberswalde verschiebt Debatte über Amadeu-Antonio-Straße

Kranzniederlegung an der Gedenktafel an der Eberswalder Straße zum 21. Todestag von Amadeu Antonio 2011
Kranzniederlegung an der Gedenktafel an der Eberswalder Straße zum 21. Todestag von Amadeu Antonio 2011 © Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Sven Klamann / 01.05.2012, 19:52 Uhr
Eberswalde (MOZ) Eine Amadeu-Antonio-Straße wird es in Eberswalde (Barnim) zumindest vorerst nicht geben. Die Debatte über das Gedenken an den vor 21 Jahren aus rassistischen Motiven ermordeten Vertragsarbeiter aus Angola aber geht weiter - und nimmt immer bizarrere Züge an.

Am 12. August 2012 wäre Amadeu Antonio 50 Jahre alt geworden. Wenn den damals 28-Jährigen nicht am 24. November 1990 am Ende einer Hetzjagd Schläger mit kurzgeschorenen Haaren und Springerstiefeln durch brutale Tritte so schwer verletzt hätten, dass er am 6. Dezember 1990 starb. Der politisch motivierte Überfall hatte sich zwischen einer heute nicht mehr existierenden Kneipe und den Wohnheimen für die Vertragsarbeiter aus Angola und Mosambik genau an dem Teilstück der Eberswalder Straße ereignet. Seit fast einem Jahr wird um die Umbenennung dieses Teilstückes gestritten.

Die Initiative für eine Amadeu-Antonio-Straße war von einer Kampagne ausgegangen, die beim Barnimer Jugendkreis der evangelischen Kirche angesiedelt ist. Unterstützung für die Idee, einem der ersten Todesopfer rechtsradikaler Gesinnungstäter nach der Wende in Ostdeutschland auf diese Weise ein Denkmal zu setzen, kam umgehend von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen in der Eberswalder Stadtverordnetenversammlung. Alle anderen politischen Kräfte warteten ab.

Auf der Sitzung des Stadtparlaments Ende Februar hatten Vertreter der Kampagne "Light me Amadeu" eine Liste mit 926 Unterschriften für eine Amadeu-Antonio-Straße übergeben. Die Mehrheit der Volksvertreter konnten die Befürworter der Umbenennung schon damals damit nicht gewinnen. Im Gegenteil. Es hätten ja auch etliche Menschen unterschrieben, die nicht aus Eberswalde stammen, hieß es. Die Anwohner des betroffenen Teilstücks und die dort angesiedelten Gewerbetreibenden seien nicht ausreichend gefragt worden. Es gäbe auch andere Gewaltopfer in Eberswalde, derer gedacht werden müsste. Die Kosten einer Umbenennung seien zu hoch.

An diesem Punkt der Debatte zog Eberswaldes Bürgermeister Friedhelm Boginski (FDP) die Reißleine. Er war in Sorge um den hart erarbeiteten weltoffenen und toleranten Ruf der Barnimer Kreisstadt, wie er sagte. Auf der Suche nach einem Kompromiss lud er alle Fraktionsvorsitzenden, Vertreter der Kampagne, des in Eberswalde aktiven Afrikanischen Kulturvereins Palanca und der Kirche zu Gesprächen ein. Und ging zugleich mit dem Vorschlag in die Offensive, statt des Teilstücks der Eberswalder Straße die weniger zentral gelegene Lichterfelder Straße umzubenennen. Mit dem Verweis darauf, dass diese immerhin in der Nähe des Tatorts und am vielbesuchten Familiengarten liege. "Das einstige Areal der Landesgartenschau hätte dann die Adresse Amadeu-Antonio-Straße 1", warb der Bürgermeister um Unterstützung.

Zwei Runden befassten sich im Bürgermeisterzimmer mit dem weiteren Vorgehen. Die Lichterfelder Straße war jedoch schnell vom Tisch. Ein Vorstoß, dem im Bau befindlichen Bürgerbildungszentrum den Namen von Amadeu Antonio zu verleihen, fand zwar in den Gesprächen keine Mehrheit, wird jedoch seither immer wieder aufgegriffen. Im Ergebnis der beiden Treffen gab es Konsens darüber, am 12. August eine Gedenkfeier für Amadeu Antonio abzuhalten und ihm zu Ehren das Namensschild an der Eberswalder Straße zu enthüllen. Zudem soll ein Antirassismuskonzept erarbeitet werden, das den Weg zu einer würdigen Erinnerung an Amadeu Antonio weist.

Die Übereinkunft wurde aufgekündigt, als sich im April eine Initiative gründete, die Unterschriften gegen eine Amadeu-Antonio-Straße sammelt und ein Mitspracherecht der Einwohner fordert. Bisher haben sich nach Angaben der Initiatoren 3466 Unterzeichner dem Begehren angeschlossen. Jetzt wird es zwar eine Gedenkfeier am 12. August und ein Antirassismuskonzept geben. Die Straßenumbenennung jedoch ist in weite Ferne gerückt. (Mit Adleraugen)

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Siegfried Müller 04.05.2012 - 21:56:34

@ Kurt Wille

Das ist das WICHTIGSTE , Angst, was DIE DA im Ausland sagen werden. Immer nur den Schein wahren , kein Nazi darf auch nur irgendwo gesehen werden , sonst wird Deutschland die nächsten 60 Jahre weiter verteufelt. Irgendwie muss die Neurose sehr tief beim Deutschen verankert sein . DIE DA im Ausland haben auch Ihre Probleme mit den Nazis, sie gehen nur offener damit um. Irgendwann müssten wir das auch mal können !! Und wollen Sie Herr Wille ca. 20 % der Erwachsenen (=3244) von Eberswalde als Neonazi bezeichnen ? Das Ergebnis ist doch zu 926 Befürwortern eindeutig oder ? Demokratie wird so praktiziert, dass der politische Wille durch eine Mehrheit bekundet wird und das ist entscheidend und nicht was andere sagen könnten. Wenn was den Linken oder Grünen nicht passt, so kann man schon auf die Schlagwörter warten wie : auf Demagogie- und Populismusherreinfaller , alles bewusst Verdreher . alles in einem Topf Werfer usw. Aber die Realität Herr Wille sieht nun mal anmders aus , die zu akzeptieren fällt schwer , das muss ich wohl zugeben.

Kurt Wille 03.05.2012 - 02:03:39

Ich bin auch gegen alles Böse und die bösen "Gutmenschen"

Darum kann ich auch allen Schlechtmenschen und den gutmeinenden Unterschreibenden der Initiative gegen die Straßenumbenennung nur zurufen: Gute Nacht, liebe Alles-in-einen-Topf-Werfer und böse Alles-bewusst-Verdreher! Und gute Nacht für Eberswalde, wenn du als Stadt auf Demagogie und Populismus hereinfällst, und wenn sich nicht viele in dieser Stadt finden, die sich gegen diese Gegeninitiative wenden. Wenn mal wieder Nazis offen in unserer Stadt demonstrieren wollen, werden wir wieder "Eberswalde bleibt bunt" plakatieren und erzählen, wie "fremdenfreundlich" wir sind. Ich schäme mich für unsere Stadt. Hoffentlich kriegen das nicht die da im Ausland mit, wo ich immer so freundlich behandelt wurde bis letztes Jahr.

Siegfried Müller 02.05.2012 - 21:42:20

Jegliche Art von Gewalt und Extremismus ab (rechts wie links)

verabscheue ich. Dabei spielt es keine Rolle, aus welchen Motiven auch immer gemordet wurde. Und ob das in Eberswalde passiert ist, ist völlig unerheblich .Wer da eine Abstufung "schafft "(z.B. Mord mit rechtsradikalem Hintergrund, eben Fremdenhass), der lässt unweigerlich den Eindruck zu, es gäbe “bessere” und “schlechtere” Mörder. Das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Wo wurde jemals der Opfer von Migrantengewalt ,von Deutschass gedacht ? Oder gibt es die etwa nicht, liebe Gutmenschen ? Richtiger , darf es nicht geben, sie weden totgeschwiegen ! Hat nicht eine Frau Schröder , sogar Bundesfamilienministerin dieses Thema schon mal vor knapp einem Jahr auf die bundesrepublikanische Tagesordnung gebracht ? Hat sich die MOZ dieses Thema schon mal angenommen , einen Artikel darüber gebracht ? Außerdem finde ich es unerträglich, wie diese ganze Geschichte nach meinem Gefühl (so schlimm sie ja auch sein mag) mit kräftiger Hilfe der Medien hochgepuscht wird . Was will man damit bezwecken, rechte Gewalt überzubetonen , um sie von links oder anderer Richtung zu verharmlosen ? Gilt der Artikel des GG 3(1), alle Menschen sind gleich nur für Migranten und Ausländer ? Was läuft hier in diesem Staat falsch ? An dem Tag, an dem auch Opfer von Immigrantengewalt gedacht wird, an dem Tag, werde ich auch solcher Opfer gedenken.

Bianka 02.05.2012 - 13:23:59

Tiefer Fremdenhass?

Der Beitrag *Mit Adleraugen zu diesem Thema macht mich gerade wütend. Wie kann man darin behaupten: Zitat: "Der Fremdenhass sitzt tief, nicht nur in Eberswalde sondern in ganz Ostdeutschland" Was für eine Anmaßung! Es gibt 3466 Unterschriften gegen eine Straßenumbenennung. Dahinter steht mit Sicherheit keine Fremdenfeindlichkeit sondern ein Protest gegen aufgezwungene Befindlichkeiten. Kein Eberswalder wird denken, dass es nicht schlimm war, was da passiert ist vor 22 Jahren und jeder hat die Möglichkeit, die vorhandene Gedenktafel für ein persönliches Bekenntnis öffentlich dazu zu nutzen. Nun muss es auch mal gut sein mit dem ganzen Hick-Hack. Eberswalde hat noch viele Baustellen um sein Ansehen aufzubessern, da wird eine Straßenumbenennung auch nicht viel ändern....... Bianka

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