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"Shalom Oderberg"

Gedenken an Frieda Lesser: Vor dem Haus der Oderbergerin, die 1943 deportiert und ermordet wurde, erinnert nun ein Stolperstein an die Jüdin. Ihr Neffe Thomas Lesser (r.) richtet Worte des Gedenkens und des Dankes an die Gäste bei der Verlegung gestern am
Gedenken an Frieda Lesser: Vor dem Haus der Oderbergerin, die 1943 deportiert und ermordet wurde, erinnert nun ein Stolperstein an die Jüdin. Ihr Neffe Thomas Lesser (r.) richtet Worte des Gedenkens und des Dankes an die Gäste bei der Verlegung gestern am © Foto: MOZ/Ellen Werner
Boris Kruse / 07.05.2012, 07:24 Uhr - Aktualisiert 07.05.2012, 08:53
Matthias Wagner (MOZ) Frieda Lesser ist 1943 im 50. Lebensjahr im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet worden. Seit Sonntag erinnert ein Stolperstein an die Oderbergerin, den der Künstler Gunter Demnig vor ihrem einstigen Wohnhaus in der Hermann-Seidel-Straße 3 verlegt hat.

Eine Sterbeurkunde liegt nicht vor. Doch der Nachweis ist erbracht, mit welchem Transport Frieda Lesser nach Auschwitz deportiert worden ist. Am 13. März 1943 ist es gewesen. Ihre jüdische Familie blickte damals auf eine lange Geschichte in Oderberg zurück, die Lessers gehörten zu den angesehenen Bürgern der Stadt. Als Betreiber einer Holzhandlung und Kommunalpolitiker prägten sie das Leben. Die Bedrohung des Nationalsozialismus unterschätzten einige in der Familie deshalb lange Zeit, berichtet Frieda Lessers Neffe Thomas, der in Berlin aufgewachsen ist, sich aber gut an das alte Haus in der Hermann-Seidel-Straße erinnert. Er selbst überlebte den Holocaust mit seinen Eltern im französischen Untergrund und kam später nach Deutschland zurück, um in Braunschweig eine Laufbahn als Wissenschaftler im Bereich Landwirtschaft aufzunehmen. Heute lebt er wieder in Berlin.

Doch warum die Entscheidung, ins Land der Täter zurückzukehren? "Das verstehen viele nicht. Aber es waren ja Deutsche", versucht Thomas Lesser die Haltung der Juden, die in den 30er-Jahren lange Zeit an ihrer Heimat festhielten oder nach 1945 zurückkehrten, zu fassen: "Sie sprachen die deutsche Sprache, sie sind mit der deutschen Kultur aufgewachsen." Er selbst habe in seiner Jugend zwar auch mit dem Gedanken gespielt, nach Palästina auszuwandern. Geblieben und schließlich nach Frankreich gegangen sei er auch seiner Eltern wegen.

Aktives jüdisches Leben gibt es in Oderberg längst nicht mehr. Der jüdische Friedhof ist in den 90er-Jahren von Neonazis geschändet worden. Doch noch jetzt fahren die überlebenden Angehörigen regelmäßig nach Oderberg und kümmern sich um die Pflege der Gräber. Thomas Lessers Vater ließ dort in den späten 40er-Jahren eine Gedenkplakette für Frieda Lesser anbringen. "Ich bin fast stolz, dass meine Vorfahren da oben in Frieden ruhen können", sagt Thomas Lesser.

Als der Kölner Künstler Gunter Demnig vor dem ehemaligen Wohnhaus von Frieda Lesser einen Stolperstein verlegte, waren Lesser, seine Frau Margarete, seine Tochter Friederike und zahlreiche Gäste zugegen. Er fand Worte des Dankes und der Versöhnung anlässlich der Verlegung. Wenn die alten Juden aus dem Himmel herabschauten, so würden sie vielleicht sagen: "Shalom Oderberg", bemerkte Lesser. Friedrike Lesser blies zur Einweihung die jüdische Hymne auf der Trompete.

Ulrich Hehenkamp, Amtsdirektor des Amtes Britz-Chorin-Oderberg sagte, dass er selten zuvor so herzliche und freundliche Menschen getroffen habe, wie die Nachfahren von Frieda Lesser. Und das trotz des erlittenen Unrechts. Gunter Demnig hat nach eigenen Angaben, bereits fast 35 000 Stolpersteine europaweit zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus installiert.

In Oderberg ist es der erste Stolperstein.

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