Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Im Namen der Ehre

Verfolgen ein gemeinsames Ziel: der Praktikant Yunz Eren Secmen, die Projektleiterin Jenny Breidenstein, die Soziologin und Leiterin des Vereins Strohhalm, Dagmar Riedel-Breidenstein und die Gruppenleiterin Eldem Turan (v. l.)
Verfolgen ein gemeinsames Ziel: der Praktikant Yunz Eren Secmen, die Projektleiterin Jenny Breidenstein, die Soziologin und Leiterin des Vereins Strohhalm, Dagmar Riedel-Breidenstein und die Gruppenleiterin Eldem Turan (v. l.) © Foto: dpa
Cetin Demirci / 10.05.2012, 19:42 Uhr
Berlin (dpa) Sie nennen sich selbstbewusst "Heroes", Helden: Die jungen Migranten aus Berlin-Neukölln wollen eine bessere Gesellschaft. Dafür versuchen sie, bei anderen Jugendlichen plumpe Vorurteile abzubauen.

Diese Zwickmühle kennen viele jugendliche Migranten - vor allem die Jungs. In ihren Familien sollen sie als starker Mann auftreten und die strenge Tradition der Heimat wahren, die ihnen eigentlich fremd ist. Zugleich sollen sie sich in die deutsche Gesellschaft integrieren und westliche Werte leben.

"Dieser Druck treibt die Jungs zu uns", sagt Dagmar Riedel-Breidenstein vom Berliner Projekt "Heroes - gegen Unterdrückung im Namen der Ehre". Hier sollen junge Männer aus dem Problemkiez Neukölln lernen, in ihren Familien und im Freundeskreis als Botschafter für Toleranz und Gleichberechtigung aufzutreten.

Für Ali Ahmad war die Doppelmoral bei vielen seiner meist muslimischen Klassenkameraden ein Problem. "Viele Jungs wollen eine Jungfrau als Freundin. Dabei haben sie selbst schon mit Frauen geschlafen", sagt der 21-Jährige. Um das starre Denken bei anderen Jugendlichen aufzubrechen, darum engagiere er sich bei den "Heroes" (Helden). Seit 2010 ist er bei dem Projekt an Bord.

Asmen Ilhan ging es ähnlich. Bei muslimischen Mitschülerinnen merkte er, dass sie sich nicht trauten, die Fragen der Lehrer zu beantworten. "Sie hatten Angst, die Jungs bloßzustellen", erzählt er. Ähnliche Rollenbilder fand er in seiner Familie: Seine eigene Mutter war nicht auf "Augenhöhe" mit seinem Vater. Das wollte er ändern.

Es gehe nicht darum, andere zu "missionieren", sagt Riedel-Breidenstein, die das Projekt 2007 nach schwedischem Vorbild in Neukölln ins Leben rief, wo fast jeder Zweite ausländische Wurzeln hat. Die Jungen sollten vielmehr in Gesprächen andere Perspektiven aufweisen. In Schulen und Freizeiteinrichtungen halten die "Helden" Vorträge und Workshops. Sie sprechen über Gleichberechtigung, Werte und Familie. Mit Rollenspielen stellen sie Vorurteile infrage.

Neun Monate lang werden die jungen Männer in ihrer Freizeit zu "Heroes" ausgebildet - alle haben ausländische Wurzeln. Sie lernen mit Widersprüchen umzugehen und diese im Gespräch aufzuklären. Bisher gibt es in Berlin rund 30 "Helden". Eine vierte Gruppe steht kurz vor dem Abschluss. Seit vergangenem Jahr gibt es das Projekt auch in Duisburg, jüngst kamen München und Augsburg hinzu. Mittlerweile gibt es sogar Anfragen aus Dänemark und Österreich. Auch dort kämpfen viele männliche Jugendliche mit verkrusteten Rollenbildern.

Im März wurde das Projekt mit dem Sozialpreis "Berliner Tulpe" ausgezeichnet. Für Asmen Ilhan ist das ein Zeichen dafür, dass sie ernst genommen werden und ihre Arbeit geschätzt wird. Und die Anerkennung geht weiter: Am 23. Mai - zur Feier des Grundgesetzes - werden die "Heroes" als "Botschafter für Demokratie und Toleranz" ausgezeichnet. Aber Botschafter, das wissen die Jugendlichen, waren sie natürlich schon längst. Auch ohne Preis.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG