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Libanon: Hart an der Grenze

Mathias Hausding / 16.02.2015, 12:56 Uhr
Beirut (MOZ) Blauer Himmel, bestens präparierte Skipisten, aber der syrische Bürgerkrieg und die Flüchtlingscamps nur 30 Kilometer Luftlinie entfernt. Kann man hier Urlaub machen, ist das sicher und moralisch vertretbar? Nicolas Akl, ein Geschäftsmann aus Beirut, nimmt auf der Terrasse des "Intercontinental" in Mzaar im Libanon-Gebirge einen tiefen Zug aus der Wasserpfeife, bevor er die Frage beantwortet. "Ob wir hier Skifahren oder nicht, ändert an der Situation in Syrien überhaupt nichts", sagt er. Leben und leben lassen sei sein Credo, das leider zu wenige Menschen in der Region beherzigen würden. Zum Thema Sicherheit lächelt Akl entspannt: "Damit haben wir seit 1975 zu leben gelernt."

Da ist sie, die erste von drei Jahreszahlen, die in Gesprächen in den Bergen auf 2500 Metern Höhe immer wieder genannt werden, genauso wie an der Corniche, der Promenade am Mittelmeer in Beirut oder in Byblos, einer 7000 Jahre alten, malerisch gelegenen Hafenstadt. 1975 begann der Libanesische Bürgerkrieg. Katia Hayek, Stadtführerin in Beirut, war damals neun. "Es gab für die Zivilbevölkerung drei Varianten: erschossen werden, emigrieren oder stillhalten", erinnert sie sich. Ihre Familie entschied sich für die dritte Möglichkeit. "Nachts haben wir uns versteckt. Tagsüber, als die Kämpfer schliefen, sind wir in die Schule oder zur Arbeit gegangen."

So ging das 15 Jahre, 1990 war der Krieg zu Ende. Wiederaufbau, Exil-Libanesen kehrten zurück, machten glänzende Geschäfte, das wiedererrichtete "Phoenicia", legendäres Luxus-Hotel, war zu 100 Prozent ausgelastet. Schöne Jahre, es herrschte Frieden. Wehmütige Erinnerungen auch für Katia Hayek: "Damals führte ich jeden Tag Touristen herum, jetzt habe ich höchstens zehn Termine im Monat."

Denn vor genau zehn Jahren, am 14. Februar 2005, ging die Bombe hoch, direkt neben dem "Phoenicia", und das veränderte alles. Auch das Hotel wurde erneut beschädigt, als ein 1000-Kilo-Sprengsatz Ex-Premier Rafiq Hariri und 22 weitere Menschen in den Tod riss. Wer hinter dem Anschlag steckt und überhaupt ein Motiv hatte, ist bis heute offen. Derzeit wird vor einem UN-Gericht vier Kämpfern der schiitischen Hisbollah in Abwesenheit der Prozess gemacht. Andere Spuren führen nach Syrien zu Präsident Bashar Assad und zum libanesischen Geheimdienst.

Es genügte, um das Fünf-Millionen-Einwohner-Land nachhaltig zu destabilisieren, Touristen zu vertreiben, immer neue Attentate zu provozieren, zuletzt vor einem Jahr den tödlichen Anschlag auf einen Ex-Finanzminister und früheren Hariri-Wegbegleiter mitten in Beirut. Neben dem Dauerkonflikt mit dem Nachbarn Israel gesellt sich zu diesen Problemen nun noch der syrische Bürgerkrieg. Millionen Flüchtlinge belasten die Wirtschaft und das Klima im Land, der Terror schwappt über die Grenze. Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen etwa in die Weltkulturerbe-Stadt Baalbek.

Wie lebt es sich mit diesen Sorgen? Wie fühlt es sich für Besucher an? Schließlich hat "Phoenicia"-Eigentümer Najib Salha eigens deutsche Journalisten eingeladen, um ihnen "einen Libanon jenseits der Negativschlagzeilen" zu präsentieren. Und in der Tat: Zu erleben ist ein freies Land mit reicher Kultur und großer Gastfreundschaft. Bei Spaziergängen am Hafen von Beirut küssen sich muslimische Pärchen in aller Öffentlichkeit. Vertreter von 18 Religionen kommen in der Republik relativ gut miteinander aus. Als schick gilt es, im Gespräch fließend vom Arabischen ins Französische und dann weiter ins Englische zu wechseln.

Es gibt tolle Weine, jede Nacht wird in coolen Bars gefeiert, als gäbe es kein Morgen. Libanesische Süßspeisen sind ein Exportschlager, das Skiressort mit seinen 19 Liften braucht den internationalen Vergleich nicht zu scheuen.

Ja, man kann ins Schwärmen geraten über dieses Land. Bei sonnigen 22 Grad Celsius in Beirut frühstücken, dann in anderthalb Stunden über meist verstopfte vierspurige Straßen rauf in die Berge zum Skifahren, um abends unten wieder Cocktails zu trinken - vor allem Golfaraber schätzen diese Melange. "Anders als zu Hause können sie sich hier austoben", sagt der General-Manager des "Phoenicia", Georg Weinlaender, ein Österreicher. Europäern rät er zu einem Besuch des Landes, weil es nirgendwo sonst einen solchen Mix aus Einflüssen des Abendlandes und des Orients gebe.

In die Zukunft blickt er optimistisch. "Spätestens in einem Jahr ist der Krieg in Syrien vorbei", glaubt Weinlaender. Dann werde vieles wieder einfacher, wobei Beirut schon jetzt sicher sei. "Man kann überall zur falschen Zeit am falschen Platz sein", sagt er mit Verweis auf die Terroranschläge in Paris. Ein Argument, das dieser Tage in Beirut immer wieder angeführt wird, wenn es darum geht, die Sicherheitslage einzuschätzen.

Und doch ist die Nervosität der Einheimischen mit Händen zu greifen. Jeder Zwischenfall an der Grenze zu Israel wird auf seine möglichen Auswirkungen für Beirut abgeklopft. Groß ist die Sorge, dass IS-Terroristen von Syrien aus den Libanon als Bühne für ihre Grausamkeiten nutzen.

Wer nachts im Beiruter Zentrum ein paar Straßen zu Fuß laufen möchte, wird unmissverständlich auf die Vorzüge des Automobils hingewiesen. Wer als Tourist am Hafen Fotos von Appartementhäusern oder Hotels macht, muss damit rechnen, freundlich, aber bestimmt zum Interview mit dem Sicherheitschef der jeweiligen Einrichtung gebeten zu werden. Auch innenpolitisch ist die Lage angespannt. Seit knapp einem Jahr hat die Republik kein Staatsoberhaupt. Die verfeindeten Lager im Parlament können sich nicht, wie von der Verfassung verlangt, auf einen neuen Präsidenten einigen.

Fremdenführerin Katia Hayek, die zu den rund 40 Prozent Christen im Land zählt, übt sich derweil in Fatalismus: "Ich kann an Krebs sterben, bei einem Autounfall oder einem Anschlag. Was macht es für einen Unterschied?" Auf die Palme bringen können sie hingegen die rasant steigenden Immobilienpreise in Beirut. "Man nimmt uns die Stadt weg", klagt sie. In ein paar Jahren muss sie aus ihrer günstigen Wohnung mit Altvertrag raus. "Ich darf gar nicht daran denken."

Mehr als eine Aktie an dieser Entwicklung hat Rafiq Hariri. Der ermordete Politiker, ein Milliardär, war ein Kämpfer für den Frieden und gegen die langjährige Besatzungsmacht Syrien, aber auch ein kühler Geschäftsmann, dem die Beiruter die weitgehend misslungene Sanierung des Stadtzentrums nach dem Krieg mitzuverdanken haben.

Denn als Ministerpräsident gründete er 1994 für den Wiederaufbau die Aktiengesellschaft "Solidere", deren Hauptaktionär er wurde. Alteigentümer von Grundstücken wurden gegen Entschädigung zwangsenteignet, allein "Solidere" entschied, was gebaut wird. Sterile Hotel- und Einkaufsstraßen sowie seelenlose Appartement-Türme bestimmen nun das Bild. Öffentliche Parks und Plätze sucht man im Zentrum vergeblich, repräsentative Theater- oder Museumsbauten ebenso.

Für Touristen anstrengend ist das Fortkommen. Öffentlichen Nahverkehr in nennenswertem Umfang gibt es weder in der Zwei-Millionen-Stadt Beirut noch im Rest des Landes. An den ampellosen Kreuzungen in der Hauptstadt setzen sich die Fahrer mit den besseren Nerven durch. Fremden bleibt in der Regel nur das Taxi als Fortbewegungsmittel.

Während die Regale in den Läden voll sind, fehlt es an Strom und Wasser. Beinahe täglich geht um 18 Uhr in Teilen Beiruts das Licht aus, und die Generatoren springen an. Gegen Wasserengpässe rüstet man sich mit Nottanks. Diese ohnehin knappen Ressourcen müssen nun mit Millionen syrischer Flüchtlinge, die über die ungesicherte Grenze ins Land strömen, geteilt werden. Wie lange das noch gut geht, fragen sich viele besorgte Libanesen.

Kommt hier etwa Unterstützung aus Berlin? Eine überraschende Begegnung im Hotel "Phoenicia" nährt die Hoffnung: Peter Ramsauer, Chef des Wirtschaftsausschusses im Bundestag, ist zu Gast in Beirut. Er wolle sich anschauen, ob man dem Libanon bei seinem Strom- und Wasserproblem helfen könne, verrät der CSU-Politiker auf die Frage nach dem Grund für seinen Besuch.

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