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Lieber Bretterbude als Umzug

"Wir wollen nicht weg": Yurdanur Cetin (v.l.), Fatma Yildiz, Ulrike Hammann und Paul Weber in der Protest-Hütte gegen steigende Mieten in Kreuzberg
"Wir wollen nicht weg": Yurdanur Cetin (v.l.), Fatma Yildiz, Ulrike Hammann und Paul Weber in der Protest-Hütte gegen steigende Mieten in Kreuzberg © Foto: MOZ
Maria Neuendorff / 14.06.2012, 19:15 Uhr
Berlin (MOZ) Die Angst vor Verdrängung durch Mieterhöhungen hat in Berlin inzwischen auch soziale Brennpunkte erreicht. Mieter vom Kottbusser Tor protestieren seit kurzem mit einer selbstgezimmerten Bretterbude gegen überteuerte Wohnungen.

Während die Autos unter der Hochbahn unaufhörlich um den "Kotti" kreisen, macht Süreyya Aktan* erst einmal das Wasser im Samowar warm. Teetrinken ist eine der Hauptbeschäftigungen in der selbstgezimmerten Holzhütte, die seit einigen Tagen mitten auf dem Bürgersteig zwischen den grauen 70er-Jahre-Wohnblöcken steht. Teetrinken - und sich den Frust von der Seele reden, das macht hier fast jeder, der vorbeikommt und sich auf den Holzbänken niederlässt. Bei der türkischstämmigen Kreuzbergerin sind es 6000 Euro Mietschulden, die sie drücken. In den vergangen Jahren sei ihre Miete von der GSW Grundvermögens- und Vertriebsgesellschaft mbH um 200 Euro angezogen worden. "Ich kann das nicht mehr zahlen", klagt die 30-Jährige. Auch das Jobcenter mache nicht mehr mit. "Sie sagen einem, dann müsse man eben wegziehen. Aber das will ich nicht. Ich bin hier aufgewachsen. Meine Kinder besuchen hier gute Schulen, die ganze Verwandtschaft wohnt um die Ecke".

So wie Süreyya Aktan geht es vielen der Anwohner vom Kottbusser Tor. Aus Angst vor Verdrängung hat sich die Kreuzberger Mietergemeinschaft "Kotti & Co" nun die Hütte gebaut, in der die Betroffenen schichtweise hausen - nach dem Motto: lieber Holzhütte als wegziehen. Mit ihrer öffentlichkeitswirksamen Aktion versuchen die Anwohner, mit Politikern ins Gespräch zu kommen. In einem offenen Brief an Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) kritisieren die Bewohner der etwa 1000 Sozialwohnungen südlich des Platzes, dass mittlerweile jeder zweite Mieter 40 bis 50 Prozent seines Einkommens für Miete zahlen müsste. Gerade Familien, Rentner und Harz-IV-Empfänger seien gezwungen, wegzuziehen. "Es kann nicht sein, dass die privaten Wohnungsunternehmen GSW und Hermes seit 30 Jahren mit Steuergeldern subventioniert werden und das Land Berlin trotzdem keinen Einfluss auf die Mietpreise hat", ärgert sich Organisatorin Ulrike Hammann. Sie fordert deshalb eine Mietobergrenze im sozialen Wohnungsbau.

Bis Ende 2011 gab es für problematische Großraumsiedlungen noch eine "Kappungsgrenze" von 5,35 Euro pro Quadratmeter. Nach ihrem Wegfall sind die Mieten am Kottbusser Tor auf sechs Euro hochgeschnellt. Weitere Erhöhungen werden befürchtet, weil der Senat die Subventionen sukzessive herunterfährt und bald gänzlich einstellen will.

"Es gab schon vor Jahren einen breiten politischen Beschluss, aus dem alten System der Wohnungsförderung auszusteigen, da es so unheimlich hohe Kosten verursacht", erklärt Daniela Augenstein, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Allein die Mietobergrenze für die Problemviertel habe in den vergangenen drei bis vier Jahren 400 Millionen Euro verschlungen.

Von der Opposition des rot-schwarzen Senats bekommen die Protestler dagegen Unterstützung. Die wohnungspolitischen Sprecher haben Brötchen vorbei gebracht. Die Zustimmung ist auch sonst groß für die Menschen im Holzverschlag. Die Kioskbesitzerin vom Görlitzer Bahnhof spendete einen Karton Süßigkeiten. "Was ihr hier macht, ist wegweisend", sagt auch ein 33-jähriger Mann aus Friedrichhain, der mit seiner zweijährigen Tochter vorbeischaut. "Das Problem haben wir doch mittlerweile fast überall in Berlin." Auch ein bekannter türkischer Sänger hat sich vor kurzem mit den Protestlern fotografieren lassen. Die Bilder hängen jetzt neben den bunten Flyern zu Lesungen, Konzerten, Kiez-Festen und Kochtopf-Demos.

Nur die Wohnungsgesellschaften sind noch nicht vorbeigekommen. Wenn es Probleme gebe, kläre man das nicht öffentlich, sondern mit dem betreffenden Mieter, teilt GSW-Sprecher Thomas Rücker mit. In Einzelfällen würde sogar Ratenzahlungen gewährt oder die Miete um den betreffenden Betrag gesenkt, damit das Jobcenter weiter zahle.

Süreyya Aktan hat von der GSW allerdings immer nur Ablehnungen und Zahlungsaufforderungen erhalten, erzählt sie. Zu Hause stapelten sich inzwischen die vielen Schreiben und Rechnungen. "Die Existenzangst macht die Menschen im Kiez krank", sagt die Frau mit dem Kopftuch. "Vor lauter Papierbergen sehe ich meine Kinder nicht mehr." Name geändert*

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