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Abgeordnete kritisieren Lebenslagenbericht

Barnimer Lebenslagebericht: Studie der Uni Potsdam enttäuscht

Ellen Werner / 15.06.2012, 04:11 Uhr
Eberswalde (MOZ) Sozialwissenschaftler von der Universität Potsdam haben am Mittwoch in Eberswalde den ersten Barnimer Lebenslagenbericht vorgestellt. 10 000 Euro hat das Auftragswerk gekostet. Kreistagsabgeordnete bemängelten es als bloße Sammlung von Statistiken.

Im Barnim gehen die Bevölkerungszahlen erst seit drei Jahren zurück. Bei den unter Sechsjährigen steigen sie, während vor allem Barnimer unter 50 immer weniger werden, also die Kerngruppe des Arbeitsmarktes schrumpft. Das geht aus dem ersten Lebenslagenbericht hervor, den die Kreisverwaltung bei der Universität Potsdam in Auftrag gegeben hat. Mitarbeiterinnen und Studenten von der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät haben über ein Jahr an der Analyse von Datenmaterial aus Lebensbereichen wie Bildung, Gesundheit oder Wohnen gearbeitet.

Vorgestellt haben sie ihr Werk am Mittwochabend im Paul-Wunderlich-Haus. Sozial- und Jugendhilfeausschuss des Kreises tagten dort gemeinsam. Viele Abgeordnete zeigten sich allerdings enttäuscht von der Studie, die sie bereits vor zwei Jahren eingefordert hatten. "Aus der Statistik hätten wir mehr Schlussfolgerungen erwartet", sagt Kerstin Mutz (Die Linke), die den Sozialausschuss leitet. Erhofft hatte sich die Arbeitsgruppe mit Politikern aller Fraktionen etwa Aussagen über Familien, die Hilfen zur Erziehung erhalten. "Das ist gar nicht dabei", sagt Mutz. "Damit können wir so nicht arbeiten." Als "Aneinanderreihung von Fakten", wie sie den Abgeordneten regelmäßig vorliegen, bezeichnete Uwe Voß (SPD) den Bericht. "Eine Sammlung von Statistiken" nannte auch Johannes Madeja (Freie Wähler) das Papier. "Eine Entscheidungsgrundlage für uns ist das noch nicht."

Kritik zielte zudem auf die mangelnde Aktualität des Zahlenmaterials ab. Nur in Einzelfällen reicht es bis 2011. In vielen Fällen stammen die aktuellsten Daten aus dem Jahr 2008. So beschreibt der Bericht die ambulante ärztliche Versorgung noch als optimal. Für einzelne Fachrichtungen ist von einer Überversorgung bis zu 216 Prozent die Rede. "Nach den neuen Zulassungszahlen liegen wir im Barnim zehn Prozent unter der Norm", stellte Dr. Heiner Loos (FDP) klar.

Als "Super-Sozialatlas" bezeichnete immerhin Barnims Sozialdezernentin Silvia Ulonska das 249 Seiten starke Papier. "Da kann jeder etwas für sich herausnehmen." Sie wies angesichts der Kritik am Bericht auch auf den Kostenrahmen hin. "Mehr wollten wir nicht bezahlen."

Weitergehende Arbeiten wünschen sich einzelne Abgeordnete dennoch. Ob einzelne Aspekte noch genauer beleuchtet werden sollen, entscheidet der Kreistag. Erst einmal wird der Bericht nun an alle Abgeordneten verteilt. Auch im Internet soll er demnächst einzusehen sein.

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Dr. Andreas Steiner 15.06.2012 - 11:10:23

Teures Papier

Der von der Universität Potsdam erstellte Barnimer Lebenslagebericht ist, da es sich um eine bloße Aneinanderreihung von Fakten und statistischen Daten handelt, sicherlich nicht 10.000 Euro wert. Zu einer qualitativ hochwertigen wissenschaftlichen Arbeit gehört neben einer sorgfältigen Aufbereitung, Analyse und Darstellung von Daten und Fakten die abschließende Interpretation von Zahlen in Textform. Frau Ulonka verteidigt den Bericht damit, dass „jeder etwas für sich daraus herausnehmen kann“. Doch es sollte nicht ureigene Aufgabe der Kreistagsabgeordneten sein, vorhandenes Zahlenmaterial zu analysieren. Unabhängig von einem gewissen Anspruch daran wird ihnen dazu auch einfach die Zeit fehlen. Der Lebenslagebericht muss den Politikern als aussagekräftiges Handwerkszeug vorliegen, welches sie aufgrund ihrer Masse und Fülle nicht erschlägt, sondern welches sie schnell durchdringen können, um eine solide Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit zu erlangen. Gut aufbereitetes Zahlenmaterial, damit meine ich nicht duzende schwer interpretierbare Tabellen und Abbildungen, darf trotzdem nicht fehlen, so dass die Abgeordneten in die Lage gebracht werden, gegebenenfalls weiterführende Analysen selbstständig durchführen zu können. Die Schubladen der öffentlichen Verwaltungen sind voll mit Gutachten, die das Papier, auf dem sie erstellt sind, nicht wert sind bzw. die hinsichtlich ihrer Nützlichkeit und Anwendbarkeit in der Praxis fragwürdig erscheinen. Der Kreisverwaltung sollte, ganz im Sinne des sparsamen Umgangs mit Haushaltsmitteln, von der Universität Potsdam eine deutliche Nachbesserung des Barnimer Lebenslagenberichtes einfordern.

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