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Notruf-Missbrauch lähmt Rettungsdienste

Im Land Brandenburg wächst die Zahl der Rettungseinsätze, die sich vor Ort als nicht lebensbedrohlich erweisen.
Im Land Brandenburg wächst die Zahl der Rettungseinsätze, die sich vor Ort als nicht lebensbedrohlich erweisen. © Foto: MZV
Andreas Wendt / 05.08.2012, 21:04 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Im Land Brandenburg wächst die Zahl der Rettungseinsätze, die sich vor Ort als nicht lebensbedrohlich erweisen. Mitarbeiter in den Rettungsdiensten kritisieren ein wachsendes Anspruchsdenken der Anrufer.

Rund drei Mal im Monat kommt es laut Lutz Freudenberg von der Regional-Leitstelle Lausitz in Cottbus, einer von fünf im Land Brandenburg, vor, dass Retter zu einem harmlosen Fall eilen müssen und dadurch für einen wichtigeren Einsatz blockiert sind. Die Menschen seien etwas wehleidiger geworden. Vor allem Bewohner von Großstädten würden schon bei Husten, Schnupfen oder Heiserkeit zum Telefon greifen und unter 112 nach dem Notarzt rufen, während Dorfbewohner ihn erst dann anforderten, "wenn sie schon den Kopf unter dem Arm tragen", berichtet Freudenberg. "Wir können nur auf das reagieren, was uns die Leute am Telefon an Symptomen schildern - es ist gut möglich, dass sich die Situation vor Ort ganz anders darstellt", sagt er.

Nach Einschätzung von Sven Kobelt, Leiter der Kreis-Leitstelle in Eberswalde, nimmt dieser Trend auch im Barnim zu. "Es gibt Zeiten, da sind 75 Prozent unserer Einsätze solche, wo der Patient auch am nächsten Tag zu seinem Hausarzt hätte gehen können", sagt Kobelt. Auch Thomas Scholz von der Regionalleitstelle in Frankfurt (Oder) beobachtet bei den Betroffenen "ein gewisses Anspruchsdenken, dass der Rettungsdienst ein medizinisches Allheilmittel ist".

Im Zweifelsfall, stellt Karsten Nimtz, Sprecher der Brandenburger Notärzte im Rettungsdienst, klar, entscheidet der Disponent immer zugunsten des Patienten. "Das ist auch verständlich, weil viele Bürger Symptome nicht realistisch bewerten können." Aber immer wieder stelle sich heraus, dass "Patienten sich einfach mal durchchecken lassen wollen." Noch zu selten griffen sie auf die seit April bundesweit geltende Nummer des Bereitschaftsdienstes der Kassenärztlichen Vereinigungen - 116 117 - zurück und wählen stattdessen die eigentlich nur für lebensbedrohliche Krankheiten geschaltete 112.

Ein weiteres Problem, so Notarztsprecher Nimtz, bestehe darin, dass in den Fällen, in denen der Patient nicht ins Krankenhaus muss, von den Kassen nur der Einsatz des Notarztes, nicht aber die Arbeit der Sanitäter vergütet wird. In der Rettungsbranche ist diese Regelung schon lange umstritten. Nimtz fordert deshalb, diese Regelung im Sozialgesetzbuch entsprechend zu ändern.

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Manfred 06.08.2012 - 19:57:46

Ich frage mich wer dort die Schuld trägt.

Wie immer werden die Bürger vorgeschoben, vielmehr liegt es an die Inkompetenz der einzelnen Mitarbeiter in der Leitstelle. Was sich in der Leitstelle Nordost abspielt das hat oft mit qualitativer Arbeit nichts zu tun. Da gibt es ein angebranntes Essen mit einer Rauchgasvergiftung, dort wird weder die Feuerwehr geschweige der Rettungswagen geschickt. Ein Herr Kobelt sollte nicht die Bürger belehren, vielmehr sollte er seine Mitarbeiter schulen. Aber auch hier ist das Spiegelbild der versifften Kreisverwaltung in Barnim zu erkennen. Das Land Brandenburg sollte endlich einen zentralen rechtlich abgesicherten Abfragekatalog erarbeiten, vor allem die Kreisfürsten in ihren Schranken verweisen. Nicht die Bürger sind nicht die Dummen!

Isenhagen 06.08.2012 - 16:04:14

es ist unglaublich

das manche glauben mit Erklärungen wozu der Rettungsdienst da ist, etwas ändern zu können oder zu wollen. Wir haben hier ein System bei dem regelmäßig der Laie entscheiden muss ob ein Notfall vorliegt oder nicht. Er lebt in der Spanne zwischen unterlassener Hilfeleistung und unnötiger Kostenverursachung. Es ist dumm und frech zugleich wenn man jemandem hier Vorwürfe macht der eine Fehlentscheidung getroffen hat. Und was ist denn daran Fehl....doch nur der Geldverbrauch....Und der spielt ja gerade sonst bei den Schlösserbauern oder Kriegsparteien auch keine so große Rolle. Von Bankenrettung gar nicht zu reden....Jedenfalls werde ich, wenn ich meine es ist erforderlich, den Notdienst rufen, und wenn die ersten die Fehlentscheidung selbst bezahlen müssen, dann rufe ich ihn nur noch für Verwandte und Bekannte. das ist es wohl was manche hier wollen.

Jörn 06.08.2012 - 12:39:32

Verwunderliche Kritik

Die Kritik aus der ILS Cottbus wundert mich schon ein wenig, zumal die Cottbuser Leitstelle seit Längerem Pilotträger der Verzahnung von Euro-Notruf 112 und ÄBD-Serviceruf 116 117 ist. Beide kostenfreie Nummern landen m. W. n. in der ILS Cottbus, wo geeignetes Leitstellenpersonal sitzt und (hoffentlich) zwischen ÄBD- und lebensbedrohlichen Notfällen zu unterscheiden weiß. Sollte dies nicht der Fall sein, wäre das KVBB-Projekt gescheitert... Regnerische Grüße aus dem Südwesten, wo die bundesweit einheitliche Servicenummer für den Ärztlichen Bereitschaftsdienst im April 2012 NICHT eingeführt wurde und somit weiterhin hunderte, regional unterschiedliche und bis zu 14 Stellen habende "Ärztenotruf"-Nummern gelten

D. Sch. 06.08.2012 - 10:37:53

In vielen Fällen...

...ist auch nicht der Notarzt zuständig, sondern der hausärztliche Bereitschaftsdienst! Der ist unter der Nummer 116117 zu erreichen!

susi 06.08.2012 - 09:42:53

traurige entwicklung

Der Rettungsdienst fährt zu Mückenstichen und Inkontinenz und in der Zwischenzeit stibt irgendwo jemand und das ist ein Problem. Der Mensch wird immer fauler und bequemer

Andichan 06.08.2012 - 09:29:08

Und hier der Link zum selben Thema:

http://www.moz.de/heimat/lokalredaktionen/bad-freienwalde/artikel1/dg/0/1/1031998/

Andichan 06.08.2012 - 09:27:42

Vieles wurde bereits gesprochen, nichts wird sich ändern.....

....solange diese Kosten auf alle anderen verteilt werden. Warum wohl werden die Verantwortlichen nichts dazu tun, damit derart Missbrauch eingeschränkt wird. Es ist immer sehr leicht, die Notrufnummer zu wählen, mit dem Wissen, das "Die da" mir helfen müssen. Das aber in der gleichen Zeit ein anderer, viel schwerwiegender Fall warten muss, ist den meisten Mensch im Lande erst dann bewusst, wenn es um die eigene Familie oder das eigene Leben geht. Es kann schon sehr lange dauern, wenn nach einem Unfall der Rettungswagen kommt. Da können schon fünf Minuten eine Ewigkeit sein. Und gerade dann das Wissen im Hintergrund, das der angeforderte Notarzt zu einer Schramme gerufen wurde. Lesen Sie auch das mit ähnlichem Thema. Dort wurde bereits vieles gesagt. Und @ Ilsenhagen, der Rettungsdienst ist nicht dazu da, um den Menschen die eigene Verantwortung abzunehmen. Er ist vielmehr dazu da, um ECHTE NOTFÄLLE zu versorgen. Das Sie hier im Kommentarbereich der MOZ sowieso eine mehr als fragwürdige Meinung vertreten, ist vielen bereits bekannt. Die Bundesländer sollten dem Beispiel Berlins folgen und jedem eine Rechung zusenden, damit diese mal sehen wieviel ein solcher sogenannter "Umsonst" Einsatz wirklich kostet.

Sille 06.08.2012 - 09:14:33

Gehts noch

Ich habe im Januar geheiratet, als mir am Nachmittag übel wurde verbunden mit Herzrasen und Brechreiz bin ich nach Hause gefahren. Nach 1 Stunde habe ich die 112 angerufen wo mir eine Stimme sagte das es eine Grippe wäre, ich solle doch 2 Parcetamol einwerfen und mich hinlegen. Das tat ich auch, als es aber nach 1 Stunde immer schlimmer wurde rief mein Mann nocheinmal die 112 und dann wurde mir der Arzt geschickt der uns dann sagte warum wir uns nicht eher gemeldet hätten. Hallo!!!!!!!! gehts noch. Wann soll man denn den Arzt rufen, wenn ich in den letzten Zügen liege. Sorry wenn ich einen anderen Einsatz verhindert habe.

der Holgo 06.08.2012 - 09:14:29

Nicht immer

aber in einigen Fällen weiß man das schon. Wenn ich ein Erkältung habe und das so schlimm wird, dass ich denke nicht arbeiten gehen zu können, dann gehe ich zu meinem Hausarzt und rufe nicht den Rettungsdienst. Oder wenn man ein kleines Kind füttert, welches noch nicht an Zucker gewöhnt ist oder sich wegen iirgendwelcher Süßstoffe erst noch an eine neue Zuckerart gewöhnen muß, dann ist Durchfall so gut wie vorprogrammiert. Was soll da der Notarzt? Abwischen ? Sicherlich wird es immer Fälle geben, wo der Laie nicht entscheiden kann und wo der Notarzt gerufen wird, obwohl es sich nachher als nicht notwendig herausstellt, genauso wie es Fälle gibt, wo der Patient mit dem abgetrennten Bein unterm Arm auf dem anderen Fuß zur Rettungsstelle hüpft, aber da kommt dann der Anrufempfänger in der Leitstelle ins Spiel. Der ist nämlich kein Laie.

Isenhagen 06.08.2012 - 08:37:05

woher bitteschön

soll denn der Laie wissen wie ernst die Situation ist? Wenn er meint, dass Not vorliegt dann ruft er an. Wenn dass die Herren Retter stört, sollen sie sich eine andere Arbeit suchen. Lieber dreimal ohne Not zum Patienten als einmal keine Hilfe holen. Man glaubt gar nicht wie immer unmenschlicher die ganzen Systeme werden. Nach außen Hochglanz, in Wirklichkeit nicht brauchbar. Irgendwann werden die Bürger sich weigern, Rettungsdienste oder Feuerwehren überhaupt noch anzurufen. Hauptsache die Haushalte stimmen und Geld für Paläste ist da. Und das bei rot/rot Isenhagen

daniel sawatzka 06.08.2012 - 01:32:15

unberechtigt

stellt diese kosten in rechnung!! an allem wird sich ein beispiel genommen, wie es amerika handhabt. warum nicht im gesundheitssystem !!

Susi 05.08.2012 - 23:43:29

Das einzige Taxi was man mit Krankenkassenkarte bezahlen kann :-)

75 % ? Ich habe manchmal das Gefühl es sind 95%. Man darf ja auch niemanden zu Hause lassen ,dann gibts gleich eins auf den Sack oben. Verdient man gleich weniger. Es geht schon lange nur noch um zahlen

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