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Ein menschlicher Drachen

Blick aus 320 Metern: Frankfurt verschwindet im Dunst, die Wolken sind nah.
Blick aus 320 Metern: Frankfurt verschwindet im Dunst, die Wolken sind nah. © Foto: Christian Funk
Andrea Weil / 12.08.2012, 07:06 Uhr
Frankfurt (MOZ) Manchmal genügt es, die Perspektive zu wechseln, um Neues zu entdecken. Und so begibt sich der Stadtbote in seiner Sommerserie in die Tiefe und die Höhe, um einen etwas anderen Blick auf die vertraute Stadt zu werfen. Heute: Gleitschirmfliegen am Reitweiner Sporn.

"Lauf, lauf, lauf, lauf!", ruft Christian Funk. Ich stemme mich in den Gurt. Der Gleitschirm zieht mich zurück, ich lehne mich dagegen, versuche, schneller zu rennen. Keine Zeit, nach hinten zu schauen, ob sich der Stoff schon über uns aufbläht. "Start!", ruft mein Tandem-Partner. Ich kann ihn nur hören, nicht sehen, weil ich ihm vor dem Bauch geschnallt bin. Plötzlich verliere ich den Boden unter den Füßen. Jetzt übernimmt die Winde das Ziehen. Sie steht etwa einen Kilometer entfernt am anderen Ende der Wiese und tut das, was ein Kind mit einer Drachenschnur tut: aufwickeln, damit der Schirm an Höhe gewinnt. Nur, dass wir diesmal selbst der Drachen sind.

"Fertig!", sagt Christian und ich ziehe an dem roten Knauf. Als die Schlaufe auseinanderfällt und das Windenseil nach unten verschwindet, fühle ich einen kurzen Stich Angst, als hätte ich eine Nabelschnur durchtrennt. Doch dann dreht Christian den Gleitschirm herum und ich sehe die Landschaft unter mir ausgebreitet. Das Flugfeld am Fuße des Reitweiner Sporns, die bunten Schirme, die die anderen Piloten schon auf dem Gras ausgerollt haben. Links schlängelt sich die Oder entlang, am Horizont verschwindet Frankfurt im grau-braunen Dunst. Und über uns der unendlich weite Himmel mit einem geriffelten Wolkenmuster. Ich habe das Gefühl, als könnte ich zum ersten Mal in meinem Leben frei atmen, weil endlich genug Platz dafür da ist. Kein Vergleich zu einem Flugzeug, wo eine Wand zwischen dir und den Elementen ist.

Die Flugbedingungen sind nicht ideal, es fehlt der Motor des Auftriebs, die Sonne. "Bei gutem Wetter kann man bis zum Berliner Fernsehturm sehen", sagt Christian. Bevor wir mit rund 50 Stundenkilometern in 320 Metern Höhe dahinsegeln konnten, waren lange Stunden des "Parawaiting" angesagt, wie die Hobbypiloten es scherzhaft nennen - das Warten, bis das Wetter für das Paragliding stimmt. Thermik kommt erst ab etwa 13 Uhr auf, wenn die Sonne alles aufgeheizt hat. Der Wind darf weder zu stark sein noch zu schwach und muss aus der richtigen Richtung wehen. Und so sitzen wir einen ganzen Nachmittag auf der Wiese, schlagen nach Stechmücken und beobachten den Windsack, der hartnäckig Westwind anzeigt. Einer versucht sein Glück und wird abgetrieben, dann setzt auch noch ein leichter Regen ein. "Na ja, er hat ja einen großen Schirm dabei", meint eine Kollegin.

Gleitschirmflieger haben immer und überall eine Ausnahmegenehmigung zum Landen - schließlich haben sie keinen Motor und können die Winde nicht beeinflussen. In diesem Sommer mussten die Paraglider vom Reitweiner Sporn oft am Boden bleiben. Deshalb ist Christian erst mal in Urlaub ins Stubaital gefahren. Dort hat er 1998 seinen Flugschein gemacht und auch die Prüfung zum Tandempiloten. Der Besitzer des Frankfurter Drachenladens "Flying Funk" mag alle Arten von Windspielen: Lenkdrachen steigen lassen, einen vom Kite gezogenen Buggy fahren. Vor allem aber Gleitschirmfliegen. "Als ich meinen ersten Tandemflug gemacht habe, wusste ich, das ist mein Sport", sagt der 45-Jährige. Und den möchte er nun anderen schmackhaft machen. 45 Euro kostet ein halbstündiger Tandemflug. 2004 hat Christian Funk das Gelände bei Reitwein zur Verfügung gestellt bekommen und die Genehmigungen für den Flugbetrieb eingeholt. Der Frankfurter wollte auch vor der Haustür fliegen können. Dabei bekomme er schon weiche Knie, wenn er in einem hohen Gebäude aus dem Fenster schaut. "Du entschwindest in die dritte Dimension, in eine andere Welt", versucht er seine Faszination in Worte zu fassen. "Der Mensch ist eigentlich nicht fürs Fliegen geschaffen. Das machst du nur für dich selbst."

Das kann ich gut nachvollziehen, spätestens, als mich Christian in der Luft für ein paar Minuten die Lenkgriffe übernehmen lässt. Ein leichtes Zupfen und wir schwenken nach rechts. Die dünnen Schnüre sehen nicht nach viel aus, halten aber je 300 Kilogramm. Die verschiedenen Farben zeigen an, mit welchem Teil des Schirms sie verbunden sind. Schließlich klappt Christian mit den roten die "Ohren" ein, verringert die Fläche und wir sinken. Es kribbelt im Bauch, als wir in einer Spirale auf die Wiese zu rasen. Auf Kommando rutsche ich aus meinem Sitz. Aus etwa zwei Metern lässt uns Christian "kontrolliert herunterfallen", wie er es nennt. Wir laufen noch ein paar Schritte, um den Schwung abzufedern, dann sinkt der Schirm neben uns herab. Alles schwankt ein wenig. Als ob man vom Schiff kommt oder betrunken ist. Aber der Flugrausch ist durch kein Bier der Welt zu übertreffen.

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