Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Umstrittene Ehrung

Ort seines Lebens: Im Erwin-Strittmatter-Museum "Der Laden" in Bohsdorf (Spree-Neiße)  findet am Sonntag ein literarisches Hoffest statt.
Ort seines Lebens: Im Erwin-Strittmatter-Museum "Der Laden" in Bohsdorf (Spree-Neiße) findet am Sonntag ein literarisches Hoffest statt. © Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb
Henning Kraudzun / 17.08.2012, 21:33 Uhr
Spremberg (MOZ) Eine offizielle Ehrung hat es zum 100. Geburtstag Erwin Strittmatters in Spremberg nicht gegeben. Die Stadt lehnte diese mit Verweis auf die dunklen Flecken in seiner Biografie ab. Der Strittmatter-Verein plant am Wochenende dennoch eine Feier.

Von einer Feststimmung war in Spremberg am Dienstag nichts zu spüren. In der Geburtsstadt Strittmatters wurde zuvor eine lange, erbitterte Debatte geführt, ob der vielgelesene und umstrittene Schriftsteller eine Ehrung verdient. Die Mehrheit der Stadtverordneten lehnten diese letztlich ab. Der Dichter habe sich zwei Diktaturen angedient, hieß es in der Begründung.

Strittmatter, zu DDR-Zeiten hoch angesehen, eine moralische Instanz, dessen Werke zur Schullektüre zählten, hatte zeitlebens Teile seiner Biografie verschwiegen. Bereits in den 90er-Jahren wurde seine Mitarbeit für die Staatssicherheit bekannt. Nun enthüllte die Historikerin Annette Leo, dass der Schriftsteller einer SS-Polizeieinheit angehörte. Hinweise darauf gab es schon länger.

Diese dunklen Schatten, wie auch Tagebuchnotizen, die einen tyrannischen Umgang mit seiner Familie offenbaren, überlagern seine literarischen Leistungen. Dennoch habe er eine Feier verdient, sagt Renate Brucke, Chefin des Strittmatter-Vereins. "Er war ein strittiger Mensch, wir bewerten ihn aber als Schriftsteller."

Mit einer Feierstunde am Sonnabend werden die vom Verein organisierten Strittmatter-Tage eingeläutet. Als Redner wurden die brandenburgischen Umweltministerin Anita Tack (Linke) und der Landesbauernpräsident Udo Folgart eingeladen. Danach werden Lesungen an verschiedenen Orten aus der Romantrilogie "Der Laden" veranstaltet sowie die Broschüre "100 Gedanken zum 100. Geburtstag" vorgestellt.

Am Sonntag dann wird ein Hoffest in Bohsdorf veranstaltet, wo Erwin Strittmatter mit seinen Eltern lebte. Der "Laden" beherbergt heute ein kleines Museum. Dort sind eine musikalische Lesung mit dem Publizisten Günther Preuße sowie ein Konzert geplant. Der örtliche Kindergarten präsentiert zudem ein Programm. Bereits am vergangenen Wochenende wurde in Schulzenhof bei Dollgow (Oberhavel) an den Autoren erinnert. Unter anderem las Katherina Thalbach aus dem Roman "Der Laden". Hunderte Besucher kamen.

Folgart wird am Wochenende dem Strittmatter-Verein beitreten, als 163. Mitglied. "An Strittmatters Person kann man sich reiben", sagt er. Ihn hätten aber damals dessen Beschreibungen des bäuerlichen Lebens nach dem Zweiten Weltkrieg fasziniert, unter anderem in "Ole Bienkopp". Dies sei Zeitgeschichte und es würden auch gesellschaftliche Widersprüche geschildert, meint der SPD-Landtagsabgeordnete. Strittmatters Werke hätten ihn und seine Generation ein Stück weit begleitet. Der Landesbauernverband wollte sich an einer Ehrung des Schriftstellers beteiligen.

Tack soll nach Vereinsangaben eine kritische, reflektierende Rede halten, kein Lobgesang auf den Dichter. Die Ministerin selbst sagt, dass sie Strittmatter "für einen Volksschriftsteller im besten Wortsinn und für eine spannende Persönlichkeit der Zeitgeschichte" halte. Nachdem das Spremberger Rathaus und die meisten Stadtverordneten den 100. Geburtstag komplett ignoriert hätten, sei diese Unterstützung aus der Landespolitik enorm wichtig, sagt Renate Brucke. "Wir sind vom Bürgermeister arg enttäuscht."

Die Vereinschefin wurde nach eigenen Angaben zuletzt beschimpft, als sie Diskussionen zu Strittmatter an Schulen veranstaltete. "Man hielt mir vor, ich würde einen Kriegsverbrecher verehren", sagt sie. "Dabei sehen wir sein Verhalten jetzt kritischer." Bürgermeister Klaus-Peter Schulze war am Freitag für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Sein Vorgänger Egon Wochatz (beide CDU) ist bekennender Fan des Dichters. "Strittmatter ist der einzige große Sohn der Stadt", sagt er. Jetzt müsse man Brücken bauen, damit sich alle dem Schriftsteller wieder annähern könnten. Die Stadtverordnetenvorsteherin Elke Franke (Linke) sagt, dass viele Spremberger mit ihren Leben in der DDR hadern würden.

Der Autor selbst mochte übrigens seine Geburtsstadt nicht: "Ich liebe sie nicht, kann sie nicht lieben", schrieb er 1968 ins Tagebuch.

Liste der Veranstaltungen: www.strittmatter-verein.de

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.
Andreas M. 18.08.2012 - 14:40:17

Sehr umstritten, dieser Erwin

Wenn es heute noch die DDR geben würde, hätte der "Neue Tag" , Vorgänger der MOZ ,wahrscheinlich 20 Sonderseiten mit SED Kauderwelsch über den grossen Autor veröffentlicht. Nun hat ihn seine Vergangenheit eingeholt. Unvergessen seine Befürwortung in den 70 er Jahren zur Ausweisung des Schriftstellers Reiner Kunze, R.Kunze trat 1968 wegen des Prager Frühlings aus der SED aus und wurde fortan von der Stasi bespitzelt und die Akte häufte sich auf fast 3500 Seiten an.Strittmatter lieferte munter Informationen weiter .R.Kunzes Werk:" Die wunderbaren Jahre"war eine Abrechnung mit der SED Diktatur und wurde heimlich beim "Klassenfeind BRD"veröffentlicht und brach R.Kunze das Genick.Reiner Kunze wurde aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen, oder krass gesagt Berufsverbot.Im April 1977 wurde Reiner Kunze aus der DDR ausgewiesen. Reiner Kunze ist heute Träger des Bundesverdienstkreuzes 1.Klasse und über 30 anderen Auszeichnungen. Zum 100 Geburtstag bleibt nun dieser bittere Beigeschmack. mfg Andreas M.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG