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Schreiambulanzen helfen Eltern und Kind aus dem Teufelskreis

Wenn Babys stundenlang schreien

Ein Baby schreit in seinem Bettchen. Kuscheln, wiegen, stillen, Kinderwagen schieben: So stellen sich viele Eltern die Zeit mit ihrem Baby vor. Doch die Realität sieht in vielen Familien leider anders aus.

Foto: Jörg Sarbach/AP/dapd
Ein Baby schreit in seinem Bettchen. Kuscheln, wiegen, stillen, Kinderwagen schieben: So stellen sich viele Eltern die Zeit mit ihrem Baby vor. Doch die Realität sieht in vielen Familien leider anders aus. Foto: Jörg Sarbach/AP/dapd © Foto: AP/Jörg Sarbach
dapd / 21.08.2012, 10:32 Uhr
Hamburg/München (dapd) Kuscheln, wiegen, stillen, Kinderwagen schieben: So stellen sich viele Eltern die Zeit mit ihrem Baby vor. Doch die Realität sieht in vielen Familien leider anders aus, sagt Margarete Ziegler, Leiterin der "Münchner Sprechstunde für Schreibabys" am kbo-Kinderzentrum München. Als Schreikind werden Kinder bezeichnet, die durch häufiges Weinen auffallen, tagsüber wenig schlafen und nur schwer zu beruhigen sind. Ein US-Kinderarzt hatte 1954 die Dreierregel aufgestellt, wonach ein Baby als Schreibaby gilt: Sie schreien mehr als drei Stunden pro Tag, an mehr als drei Tagen die Woche und das über mehr als drei Wochen lang. Kinderärztin Ziegler relativiert: "Wir messen nicht die Zeit, sondern schauen, wie es Eltern und Kind geht. Belastungsgrenzen kann man nicht allgemein erfassen, sondern man muss sie individuell wahrnehmen."

Koliken, Bauchweh, das erste Zähnchen: Die Liste der möglichen Ursache ist lang. Eltern, deren Kinder viel schreien, können sich dementsprechend viele gute Ratschläge anhören. Und haben immer das Gefühl, irgendwas falsch zu machen. "Der Druck ist hoch und sehr belastend", sagt Sabine Ulrich, Therapeutin an der Hamburger Schreiambulanz. Sie kennt die Nöte der Eltern: "Viele versuchen, das Problem irgendwie selbst in den Griff zu bekommen." Dann wird stundenlang gewiegt, getragen und getröstet. Es werden Ratgeberbücher gewälzt und Internetforen durchstöbert. Doch wenn sich die Situation nicht bessert, steigt die Verzweiflung, erklärt die Expertin, die seit 14 Jahren Vorträge zu dem Thema in Krankenhäusern und Elternschulen hält: "Die Eltern geraten dann immer mehr unter Stress." Und der überträgt sich leider wieder aufs schreiende Kind. "Ein Teufelskreis", sagt Ziegler. Sie erzählt von Müttern, die kaum noch schlafen können, Vätern die besorgt und ausgelaugt zwischen Job und Familie pendeln und Babys, die vor lauter Schreien einfach nur hundemüde sind: "Der Familienalltag kann sich extrem zuspitzen."

Über 5.000 Familien hat die Münchner Schreisprechstunde seit ihrer Gründung vor 20 Jahren bislang geholfen. So auch Familie Kretschmer aus Bayern, deren Tochter Johanna wochenlang exzessiv geschrien hat. Alle Versuche der Eltern, ihr Kind zu beruhigen, scheiterten. Völlig erschöpft suchte die Familie Rat bei Kinderärztin Ziegler und ihrem Team. "Solange sollten Eltern nicht warten. Ich empfehle, sich viel früher Hilfe zu suchen." Fast überall in Deutschland gibt es mittlerweile Schreiambulanzen und Sprechstunden, die gezielte Unterstützung und Fachwissen anbieten. "Grundsätzlich ist es für die Eltern schon mal eine riesengroße Erleichterung, über ihre Verzweiflung offen sprechen zu können", sagt Ziegler. Denn: Viele schweigen aus Scham. "Oft fühlen Eltern sich auch irgendwie schuldig an der Lage ihres Kindes", sagt Ulrich. Diesen Zahn zu ziehen und den Eltern deutlich zu machen, dass sie eben nichts dafür können, sei eine enorme Entlastung. "Tatsächlich sind die Ursachen für übermäßiges Schreien sehr vielfältig und bis heute noch nicht ausreichend erforscht. Das sollten Eltern wissen", sagt Ziegler.

Um herauszufinden, warum das Baby schreit, wird zunächst immer eine kinderärztliche Untersuchung angeordnet, sagt Sabine Ulrich: "So kann man organische Ursachen oder eine Lebensmittelunverträglichkeit ausschließen oder eben auch erkennen." Häufig würden potenzielle Ursachen aber erst in den folgenden Gesprächen herausgearbeitet: "Wir wissen, dass Stress während der Schwangerschaft die Reizbarkeit eines Babys erhöhen kann", sagt Ziegler. Auch Probleme in der Partnerschaft, Depressionen der Mutter oder ein hektischer Alltag mit Geschwisterkindern können ursächlich sein. "Manchmal ist es auch einfach nur das Temperament des Kindes." Bei der kleinen Johanna war es eine verfestigte Regulationsstörung: Die Kleine konnte sich nur noch sehr schwer beruhigen, saugte alle Reize auf wie ein Schwamm, erzählt die Expertin: "Sie war wie viele Schreibabys chronisch übermüdet und überreizt."

Mit Hilfe der Schreisprechstunde haben die Eltern gelernt, ihr Kind wieder in den Schlaf zu bringen. Neben gezielten Beruhigungstechniken lernen Eltern auch, wie sie selbst ruhiger und gelassener werden können, zum Beispiel ihren Alltag entlasten und sich selbst wieder Freiräume zugestehen. Eine Behandlung in den Schreiambulanzen dauere auch nur selten lange, sagt Ziegler: "Die meisten Familien kommen nur vier bis fünf Mal zu uns, dann ist wieder ein normaler Alltag möglich."

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