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Schwierige Aufklärungsarbeit

Sigrid Richter-Unger, Leiterin der Berliner Beratungsstelle "Kind im Zentrum"
Sigrid Richter-Unger, Leiterin der Berliner Beratungsstelle "Kind im Zentrum" © Foto: privat
Henning Kraudzun / 21.08.2012, 18:42 Uhr
Berlin (MOZ) Immer wieder erschüttern Fälle von sexueller Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen die Öffentlichkeit. Nach zahlreichen Übergriffen in kirchlichen Heimen, teilweise über Jahrzehnte vertuscht, hatte die Bundesregierung einen Runden Tisch zur Aufarbeitung von Missbrauch eingesetzt. Aus Sicht von Experten fehlen jedoch weiterhin professionelle Beratungsangebote - vor allem in Flächenländern.

"Auf dem Land sind die Fachleute weit entfernt und überlastet", sagte die Sozialpädagogin Barbara Kavemann gestern auf einer Fachtagung des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerks in Berlin. Nach ihren Angaben gibt es in Brandenburg nur neun Psychotherapeuten auf 100000 Einwohner, das Land ist damit Schlusslicht im bundesweiten Vergleich. In Berlin sind es 48 Therapeuten.

Sigrid Richter-Unger berichtete von einem verstärkten Fortbildungsbedarf an Schulen, Kitas und in Sportvereinen, den ihre Kollegen kaum noch leisten könnten. "Wir stehen an der Grenze der Kapazität", sagte die Leiterin der Einrichtung "Kind im Zentrum", die seit 25 Jahren Opfer sexueller Gewalt berät. "Lehrer lernen in ihrer Ausbildung zu dem Thema weiterhin nichts", kritisierte sie. Und in Sportvereinen, wo wiederholt Missbrauchsfälle bekannt wurden, tun sich Verantwortliche aus ihrer Sicht schwer, Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen.

Uwe Sielert bemängelt, dass Sexualkunde im Unterricht vernachlässigt werde. "Das spielt nur eine kleine Rolle im Fach Biologie", sagte der Kieler Pädagogik-Professor. Jugendliche müssten lernen, über Sexualität zu reden. Erzieher wiederum sollten die Begriffe der Jugendsprache kennen, um Warnsignale richtig deuten zu können. "Es gab Fälle, bei denen Hilferufe völlig falsch gedeutet wurden."

Der Kinderpsychologe Uwe Fegert hat zudem beobachtet, dass Missbrauchsfälle "im Feld der Medizin verdunkelt" werden. Kliniken würden zwar von Missbrauchsopfern zuerst aufgesucht, allerdings gebe es eine schlechte Zusammenarbeit mit Behörden und Krankenkassen. Schnelle Aufklärung werde durch Bürokratie erschwert, sagt er. "Hier hat der Gesetzgeber schlecht gearbeitet."

Nach seinen Erkenntnissen begeben sich seit Jahren immer mehr Opfer in eine Behandlung. Auch Unger-Richter registriert einen steigenden Beratungsbedarf - in ihrer Berliner Beratungsstelle sind es jährlich 1400 neue Anfragen. Bundesweit wurden im Vorjahr rund 12400 Fälle sexuellen Missbrauchs von der Polizei registriert, knapp fünf Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Bei Erwachsenen, die in ihrer Kindheit missbraucht wurden, sei die Hemmschwelle jedoch nach wie vor groß, bevor sie sich outen, sagt Barbara Kavemann. "Mitunter werden sie dann wie Aussätzige behandelt, soziale Kontakte brechen ab", so die Berliner Sozialpädagogin.

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