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Die Staatssicherheit wusste alles über ihn

andreas mehlstäubl hohen neuendorf zeitzeuge stasi foto: mehlstäubl 120919
andreas mehlstäubl hohen neuendorf zeitzeuge stasi foto: mehlstäubl 120919 © Foto:
Sandra Kurtz / 02.10.2012, 18:37 Uhr
Hohen Neuendorf (MZV) "Als kleiner Junge wollte ich zur See fahren." So beginnt Andreas Mehlstäubl seine Geschichte. Er sitzt auf der Terrasse seines Reihenhäuschens im Mädchenviertel, über ihm ein Dach aus Weinblättern. Irgendwo im Haus liegt sie, seine Stasi-Akte. Tausend Seiten dick, vor zwei Jahren kamen noch ein paar Seiten hinzu. Mehlstäubl hat den Namen seiner ersten Frau angenommen, weil er seinen Vatersnamen nicht mehr ertragen konnte. Der Grund ist in den Akten zu finden: Seit seinem 16. Lebensjahr hat ihn der eigene Vater bespitzelt.

Sach- oder Geldleistungen hat er dafür nicht bekommen. Sein Vater sollte einen "Zuführungsgrund" finden, damit die Staatssicherheit Andreas wegsperren kann. Die Motivation ist für den Sohn bis heute unklar. "Aus den Akten habe ich 2010 erfahren, dass sie fast alles hatten. Mein Vater hatte alles geliefert. Meine Verhaftung stand unmittelbar bevor, der Maßnahmenplan stand."

Doch Mehlstäubl ist vorher geflohen. Über seinen Weg berichtet der 46-Jährige während seiner Führungen auf dem Gelände des ehemaligen Staatssicherheits-Gefängnisses in Hohenschönhausen. Mehlstäubl ist der einzige Zeitzeuge aus Oberhavel, der sich im Internet auf der virtuellen Landkarte des Stasi-Knastes findet. Einer der wenigen, der spricht. Wie schwer es ihm fällt, merkt der Zuhörer, wenn Mehlstäubl ins unpersönliche "Man" wechselt oder nach kurzen Antworten die Hände zum Mund führt, wie um ihn zu verschließen.

1965 wurde Andreas Mehlstäubl in Potsdam geboren, als zweiter Sohn eines Diplom-Archivars und einer Archivarin, "eine ganz unauffällige Familie, nicht mal in der Partei". In Potsdam wuchs er auf. Früh mussten sich die Kinder in der DDR entscheiden, wenn sie zur See fahren wollten. "Ich wollte unbedingt, war aber zu schlecht in der Schule." So wurde Andreas nach der zehnten Klasse Schlosser und arbeitete bei der Reichsbahn, noch immer in Potsdam. Erst mit 19 Jahren zog er bei seinen Eltern aus. "Plötzlich, mit 20, hörte ich von einem Freund, dass man auch als Quereinsteiger auf ein Schiff kommen konnte. Also versuchte ich das. Ich durfte!" Ein paar Monate lang wurde er in Rostock theoretisch geschult. Die erste große Fahrt stand unmittelbar bevor. Dann die Order, sich in der Kaderabteilung in Rostock zu melden. "Da saßen fünf alte Herren, verlangten mein Seefahrerbuch und sagten, dass das nichts werde. Keine Begründung. Ich solle mir eine andere Arbeit suchen."

Erst heute weiß Andreas Mehlstäubl, warum plötzlich Schluss war - er war nicht zur Wahl gegangen, wollte nicht den dreijährigen "Ehrendienst" bei der NVA ableisten und saß auf einer Rumänienreise zufällig mit einem Menschen aus West-Berlin im Schlafwagen. Das alles war bei der Staatssicherheit bekannt. "Ich war damals wie benommen. Ich habe mich entschlossen, das Land zu verlassen und im Herbst 1986 den Ausreiseantrag gestellt." Die typischen Repressalien bekam Andreas Mehlstäubl dann zu spüren - Reisebeschränkungen für das sozialistische Ausland, Rauswurf aus dem Sportverein, Schwierigkeiten in der sozialistischen Brigade. "Die Begründung lautete immer: feindlich negative Einstellung." Immer wieder Einladungen bei der Kader- und Parteileitung, wöchentliche Vorladung beim Rat der Stadt, im Kellergeschoss. Mehlstäubl war unten angekommen im DDR-System. Die Drohkulisse, die aufgebaut wurde, war die Einberufung in die Armee. "Damit wäre ich Geheimnisträger geworden und hätte die DDR nicht mehr verlassen können."

Andreas Mehlstäubl entschließt sich zur Flucht. "Ich habe niemandem davon erzählt, meinen Freunden nicht, meinem Bruder nicht. Ich hatte keine Freundin, keine Kinder. Das war ein großer Vorteil, wie sich später in Hohenschönhausen herausstellte. Ich war nicht erpressbar, konnte niemanden reinreiten."

Mehlstäubl setzte auf den Häftlingsfreikauf, ein Menschenhandel-System, das 1963 eingeführt worden war. Die DDR wurde die Unliebsamen los und bekam dafür harte Devisen aus der Bundesrepublik. Über den Umweg Strafvollzug ging es so Richtung Westen. "Ich hätte mich auch am Bahnhof Friedrichstraße in die Reihe der Rentner stellen und den Grenzern meinen Ausweis vorlegen und um Ausreise bitten können. Dafür wäre ich auch im Knast gelandet, vielleicht für zwölf Monate. Nach der Hälfte der Zeit wäre ich freigekauft worden. Aber dieser Weg war mir wirklich zu blöd."

Mehlstäubl fährt unbehelligt von der Stasi im Juni 1987 nach Prag, kauft sich einen Bolzenschneider, eine Blechschere und Handschuhe, sucht sich auf dem Eisenbahn-Fahrplan den westlichsten Bahnhof im tschechischen Schienennetz aus, fährt hin und läuft los, Richtung Westen. Im Rucksack hat er außer Kekse kein Essen, kein Wasser, nur eine Zahnbürste und ein wenig Kleidung. "Ich hatte so die Nase voll von diesem Land. Wenn es nicht funktioniert, werde ich halt erschossen. Das war mir egal." Frühmorgens um vier trifft er bei Regen auf den Kolonnenweg, er durchschneidet den Maschendrahtzaun, auch den Stacheldrahtzaun. Der Alarm schlägt an, die Grenzer rasen in Jeeps herbei. Mehlstäubl legt sich mit erhobenen Händen auf den Kolonnenweg. "Wenn man gewusst hätte, wie es wird, hätte man den Mut nicht gehabt. Über den Knast reden die Leute nicht, genauso wie unsere Großväter nicht über den Krieg geredet haben." Auch Mehlstäubls Freunde, die es Jahre zuvor aus Lübben nach West-Berlin geschafft haben, mit denen er sich in der Tschechoslowakei regelmäßig getroffen hat, reden nicht über ihre Erfahrungen. Sie zeigen ihm nur den Weg auf - und warten auf ihn in der Freiheit.

Das erste Verhör folgt noch in Domaczlice, ein tschechischer Offizier, der sehr gut Deutsch spricht. Mehlstäubl kommt zehn Tage ins Pilsener Gefängnis, in eine Zelle mit Kleinkriminellen, ohne Wasch- und Duschgelegenheit, in den Klamotten, in denen er durchs Sperrgebiet gerobbt ist. Danach kommt er nach Prag. "In der Zelle lag immer ein Malzgeruch. Die Staropramen-Brauerei lag in der Nähe. Daher wusste ich, wo ich war."

Mit dem Flugzeug fliegt Mehlstäubl Mitte Juni wieder in die DDR zurück. Bei der Landung werden die Fenster verdunkelt, neben ihm sitzt ein Stasi-Mann. Wenige Tage später kommt er mit dem Barkas in Hohenschönhausen an. Keine Bücher, keine Medien, kein Kontakt zu Mitgefangenen, keine Arbeit, kein Papier, kein Stift. Tödliche Langweile. "Das ist ja Sinn des Spiels: Man freut sich, wenn die Tür aufgeht und jemand mit einem spricht. Das Drehbuch für jeden einzelnen steht fest." Die Stasi ist interessiert an Andreas Mehlstäubls sozialem Umfeld. Wer könnte als Nächster fliehen? Wer ist Mittäter? Wer hält im Westen den Kontakt? Die verführerische Post aus dem Westen, die bei den Zurückgebliebenen in Cottbus oder Karl-Marx-Stadt ankommt, mit Fotos vom Urlaub unter Palmen und dem eigenen Mercedes - die soll abgefangen werden. Sonst droht der Nächste zu gehen.

"Die wussten alles über mich, alles. Gewohnheiten, Vorlieben, Interessen. Aber ich war wenig angreifbar." Mehlstäubls Eltern sagen sich während der Inhaftierung schriftlich von ihrem Sohn los. Mehlstäubl wird verlegt. Zirka sechseinhalb Wochen sitzt er in Potsdam ein. Dann kommt er nach Karl-Marx-Stadt. Zuvor wird er einer zehnminütigen Verhandlung zu 18 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Der Richter folgt der Empfehlung der Staatsanwaltschaft, die ihrerseits dem Stasi-Vorschlag gefolgt war. "Ich habe einen verbrecherischen Akt an der Nahtstelle zweier Systeme begangen, der in der Lage war, den Dritten Weltkrieg auszulösen." In Karl-Marx-Stadt wartet er darauf, freigekauft zu werden. Doch im September 1987 schüttelt Erich Honecker die Hand von Helmut Kohl. Es folgt eine Amnestie anlässlich des Staatsbesuchs, die Zeit der Freikäufe war vorbei. "Da stand ich dann im Dezember im Schnee vor dem Gefängnistor mitten in der DDR. Nicht im Westen. Ich hätte heulen können." Andreas fährt nach Hause, will bei der Kirche arbeiten, findet aber nur einen Job als Heizer im Altenheim.

Am 1. März 1988 darf er schließlich mit einer Tasche über den S-Bahnhof Friedrichstraße die DDR verlassen. Seine alten Lübbenauer Freunde ersparen ihm den Neubeginn im Auffanglager, er kann bei ihnen in West-Berlin wohnen. "Ich traf auf Unmengen Ossis. Als DDR-Bürger waren wir da genauso fremd wie heute die Flüchtlinge aus Pakistan oder Iran bei uns."

Erst zwei Tage nach dem Mauerfall geht Mehlstäubl "drüben" gucken. "Am 9. November ließ sich keiner bei mir blicken, am 10. waren es dann umso mehr." Mehlstäubls Freude hält sich angesichts des Mauerfalls in Grenzen. "Jetzt kommen all die rüber, die damals schon das Sagen gehabt haben. Und so ist es leider gekommen. Die juristische Aufarbeitung ist nach hinten losgegangen. Diese Leute leben jetzt unbehelligt, beziehen ihre Rente und genießen die Vorzüge der freiheitlich-demokratischen Grundordnung." Ende November 1989 wird Mehlstäubls Stasi-Akte geschlossen. "Jeder hatte die Möglichkeit, Nein zu sagen. Den Freund, meinen Sportkameraden, meine Familie zu verraten, weil ich dafür einen Studienplatz bekomme - all das gilt für mich nicht. Dann hätte ich den Platz eben nicht bekommen. Dann muss man das in Kauf nehmen. Alles andere ist amoralisches Verhalten." Laut Stasi-Unterlagenbehörde im Jahr 2010 ist es 7 000 Mal belegt, dass IMs ihre eigenen Familie aushorchten.

Durch den Stasi-Knast - erst in Potsdam, dann in Hohenschönhausen - führt Mehlstäubl seit 2009, weil er den Leuten eine Stimme geben möchte, die einsaßen, aber nicht darüber reden können. Die sich nicht vor Schülergruppen stellen können, die auf Abi-Abschluss- oder Kennenlernfahrt in der Hauptstadt sind und den Stasi-Knast zwischen Clubs und Kudamm abhaken. "Da sind viele, die ihr Päckchen tragen, seit Jahrzehnten. Die kriegen Hartz IV, sind arbeitsunfähig und von der Gesellschaft vergessen."

Noch immer hat Mehlstäubl selbst schwarze Flecken, wenn er an seine eigene Haftzeit denkt. "Ich kann mich an bestimmte Zeiträume nicht erinnern." Eine Psychotherapie soll ihm dabei helfen. Ein- bis zwei Mal in der Woche ist Mehlstäubl in Hohenschönhausen. Früher ging er direkt in die Schulen, hat aber kaum positive Erfahrungen gemacht. "Das Ganze ist für die Kids so fremd, dass es im Klassenraum noch schwieriger ist, das klar zu machen." Viel hänge von den Lehrern ab, die ihre Schüler mancherorts katastrophal auf den Zeitzeugen einstimmen. "Einmal fragte mich eine Lehrerin, warum ich denn nicht auch von den positiven Seiten der DDR berichte, die gab es doch schließlich auch."

Heute arbeitet er als Sozialpädagoge. Zu See ist er nie gefahren. Mit seiner ersten Frau zog er raus aus dem staubigen Berlin, nach Hohen Neuendorf - "der Kinder wegen, wie das eben so ist." Inzwischen lebt er mit seiner zweiten Frau zusammen, aus den Kindern sind Teenager geworden. Ob er es in Brandenburg noch lange aushält, da ist sich Mehlstäubl nicht mehr so sicher. "Ich kann die rot-rote Koalition kaum noch ertragen, was Platzeck zu den Linken sagt und all das. Wenn ich im Ruhrgebiet leben würde, wäre das alles wenigstens weit weg."

Mehlstäubls 14-jährige Tochter möchte ihre Großeltern kennenlernen. Mehlstäubls Vater ist 1932 geboren, lebt in Potsdam. "Es gibt da nur ein Problem: Es wird sie niemand begleiten."

Der Besuch der Gedenkstätte ist nur im Rahmen von Führungen möglich. Anmeldungen unter www.stiftung-hsh.de oder (0 30) 98 60 82 - 30, - 32.

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