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Erfurter entdecken wieder Renau und seine Wandbilder

1986 in Erfurt: Josep Renaus Wandbild mit dem Titel "Die Beziehung des Menschen zur Natur und Technik"
1986 in Erfurt: Josep Renaus Wandbild mit dem Titel "Die Beziehung des Menschen zur Natur und Technik" © Foto: dpa
09.10.2012, 10:33 Uhr
Erfurt (DPA) Entfernt, zerstört, vergessen: Dieses Schicksal ereilte viele Wandbilder von Künstlern in der DDR - von Sitte bis Womacka. In Erfurt ist ein Werk des Spaniers Renau in Containern eingemottet. Bürgergeist bemüht sich um eine Lösung.

Zwei unscheinbare Container auf dem städtischen Bauhof in Erfurt bergen eine wertvolle Fracht: Die Glasmosaike vom Wandbild "Die Beziehung des Menschen zur Natur und Technik" des Spaniers Josep Renau (1907-1982). Ab 1979 kündete das 20 Meter lange und 5 Meter hohe Wandbild am Kultur- und Freizeitzentrum im Neubaugebiet Moskauer Platz von einer friedlichen Nutzung von Umwelt und Wissenschaft im Sozialismus. Das einst mit viel Pomp eröffnete Haus ist heute Ruine. Die Pläne von Investoren, dort ein Einkaufszentrum zu bauen, stehen in den Sternen - und somit auch das Schicksal des Wandbildes, das für den Dresdner Kunsthistoriker Paul Kaiser eines der wichtigsten der DDR ist.

Der Erfurter Stadtrat Peter Stampf (Freie Wähler) kämpft für die Rettung des - wie er sagt - stadtbildprägenden Wandmosaiks. "Renaus Mosaik in Erfurt ist kunsthistorisch interessant. Es steht für die experimentelle Seite des sozialistischen Realismus und ist wichtig zum Verständnis der 60er und 70er Jahre in der DDR", sagt Kaiser, einer der drei Kuratoren der am 18. Oktober mit Spannung erwarteten Ausstellung "Abschied vom Ikarus. Bildwelten in der DDR - neu gesehen."

Sie will bis zum 3. Februar im Neuen Museum in Weimar mit neuen Forschungen zur immer wieder aufflackernden Debatte um DDR-Kunst beitragen. Es soll auch eine Art Wiedergutmachung sein für die Ausstellung "Aufstieg und Fall der Moderne", die 1999 im Weimarer Kulturstadtjahr für erbitterten Streit sorgte. Auf grauen Planen hingen lieblos und distanzlos dicht an dicht die Bilder. Politiker und Künstler kritisierten auch die geringe Distanz zwischen den NS- und DDR-Ausstellungsteilen.

Der Spanier Renau, der 1958 aus mexikanischem Exil in die DDR umsiedelte, wird mit sechs Hauptarbeiten, zumeist Entwürfen für große Wandbilder, zu sehen sein. Darunter ist "Der zukünftige Mensch im Sozialismus". Das Werk ist wie alle anderen eine Leihgabe der Stiftung Instituto Valenciano de Arte Moderno in Valencia, der Geburtsstadt des Malers. Es sei interessant, dass im Osten Deutschlands Museen Renau nicht besitzen, sagt Kaiser. In seiner Heimat sei der Spanier, der im Bürgerkrieg im Geiste des Agitprop Propagandamaterial für die republikanischen Truppen entwarf, bekannt und beliebt. 1937 organisierte er den spanischen Pavillon für die Weltausstellung in Paris und bestellte bei Pablo Picasso ein Bild. Es wurde "Guernica", das zum Inbegriff des Leids von Mensch und Tier bei Krieg und Gewalt weltweit wurde.

Renau flüchtete über Frankreich 1939 nach Mexiko, um einem Todesurteil zu entgehen. Dort traf er mit David Alfaro Siqueiros zusammen, einer der Großen der mexikanischen Wandmalerei. Der Spanier "brachte diese Wandbildidee mit in die DDR und belebte sie neu", erklärt Kaiser. Halle-Neustadt wurde das bekannteste Experimentierfeld dieser Kunst am Bau, nicht nur für Renau. In Suhl wurden Willi Sitte und Willi Neubert mit ihren Wandmosaiken bekannt, in Berlin Walter Womacka mit seiner "Bauchbinde" am "Haus des Lehrers".

Nach 1989 wurden viele Kunstwerke an und in Ministerien, Schulen, Polikliniken oder Tagungsstätten mit der Spitzhacke zerstört, verhängt oder verschwanden mit dem Abriss der Gebäude ganz. Darunter war Renaus "Marsch der Jugend in die Zukunft" in Halle - obwohl es wie andere auf der Denkmalsliste stand. Andere Werke wurden wie in Suhl demontiert. "In den letzten zehn Jahren hat sich die Stimmung gedreht", resümiert Kaiser. Womackas Bild in Berlin wurde restauriert. Sittes Suhler Bild, das in 150 Kisten im Stadtmuseum lagert, wird wohl an einem anderen Gebäude zum neuen Leben erweckt.

Renaus Wandbild in Erfurt konnte durch Bürgerengagement im Sommer an einen bewachten Ort gebracht werden. Zuvor standen die Container mit einfachen Vorhängeschlössern gesichert auf dem Baugelände für jeden zugänglich. "Es ist das wertvollste Bild, was wir haben", sagt Abgeordneter Stampf. "Damit kann man nicht so blauäugig umgehen." Er weiß Stadtverordnete und auch den Baubeigeordneten Ingo Mlejnek (CDU) hinter sich. Das Problem: Das Bild ist Eigentum des Investors. Ein Signal wäre für Stampf, das Bild der Stadt zu schenken. Für Mlejnek gehört es zu Erfurt, es sei für Erfurt gemacht worden und werde hier bleiben. Und sollte dies nicht gelingen: Das Museum in Valencia soll schon Interesse bekundet haben.

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