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Marmor aus Italien fürs Erbbegräbnis

Am Ende der kleinen Lindenallee: Da befindet sich das Grabmal der Fabrikantenfamilie Bohm, die neben dem Rüdersdorfer Kalksteinwerk wichtigster Arbeitgeber in der Region war.
Am Ende der kleinen Lindenallee: Da befindet sich das Grabmal der Fabrikantenfamilie Bohm, die neben dem Rüdersdorfer Kalksteinwerk wichtigster Arbeitgeber in der Region war. © Foto: MOZ Gerd Markert
Margrit Höfer / 12.10.2012, 07:08 Uhr
Fredersdorf-Vogelsdorf (MOZ) An die 20 interessierte Männer und Frauen folgten am Mittwoch der Einladung von Märkischer Oderzeitung und Heimatverein, den evangelischen Friedhof in Fredersdorf-Süd näher kennen zu lernen. Gleich vier Heimatfreunde warteten mit Informationen auf.

Kurzweilig, teilweise recht amüsant, überraschend und vielmals von den Besuchern mit Ausrufen wie "Ach, ja, stimmt. Das hatte ich ja fast vergessen." begleitet, führten Doris Tauscher, Gisela Wiechert-Falk, Hans Keller und Dieter Kromphardt vom Heimatverein die Gäste bei kalten sieben Grad Celsius über den herbstlichen Gottesacker.

Seit etwa 1825, berichtete Pfarrer i. R. Kromphardt, gibt es diesen Friedhof, der viermal erweitert wurde. Jedes Mal gab es deshalb Streit. Selbst heute noch. Denn die spannende Frage bei allen Erweiterungen war immer, gehört das Land der Gemeinde oder ist es Kircheneigentum? Wer darf hier begraben werden und wer bezahlt das, könnte man die Streitereien zusammenfassen.

Ein besonders prekäres Beispiel, bei dem Gemeindeverwaltung, Kirchenrat und Gutsbesitzer Verdries erst nach langen Gesprächen einen Vergleich fanden, hat mit dem Tod des Fabrikanten Carl Gottlob Bohm zu tun. Denn der ließ eine Familiengruft bauen und zwar genau am Ende der kleinen Lindenallee. Aus rotem, schwedischen Granit. Nicht von ungefähr erinnert das Grabmal - in der Gruft stehen sieben Särge und eine Urne - an die Siegessäule in Berlin. Bohm hatte eine Steinschleifmaschine entwickelt, die bei der Siegessäule eingesetzt wurde. Gutsbesitzer Verdries störte sich an der Größe und Lage des Grabmals. Erst nach einem Vergleich kehrte Ruhe ein.

Margarete Kalweit (1917-1995), berichtete Doris Tauscher, war engagierte Junglehrerin. Sie brachte den Kindern das Handballspielen bei. "Und war zum Leidwesen der Schüler nie krank", erinnerte sie. Zu den alteingesessenen Familien in Fredersdorf gehören die Schützes und Hörnickes, aber auch die Looses. Einer von ihnen war Amtsvorsteher, der u. a. in der Schule Gartenstraße seine Amtsgeschäfte ausübte.

Barthel, Koch, Quaschning und Neumann waren Bauunternehmer vor Ort, die u. a. auch vom Siedlungsbau profitierten. Barthel, erinnerten sich viele, war immer mit dem Fahrrad unterwegs. Und seinen Baustoffhandel hatte er direkt gegenüber vom Friedhof. August Kalb (1884-1955) hingegen war zu Wohlstand gekommen. Einige erinnerten sich, dass er bei Öl-Weiße arbeitete. Er hatte auch das erste Auto in der Gemeinde. Wie er so reich wurde, dass er sich für sein Erbbegräbnis Marmor aus Italien liefern lassen konnte, ist allerdings nicht belegt.

Ganz persönliche Erinnerungen erzählte Hans Keller über das Schlächterehepaar Wilhelm (1889-1970) und Hedwig (1893-1976) Hilgner. ""Hans Keller isst de Wurscht vom Teller', hat sie immer gerufen, wenn ich das Geschäft in der Langen Straße betrat. Das war peinlich", erinnert sich der heute Hochbetagte. Auf dem Grabstein sind in Sütterlin-Schrift auch die Kinder Alice und Ewald verewigt. Die kleine Tochter verunglückte mit neun Jahren, der Sohn fiel im Krieg.

Wie sinnlos vor allem der Zweite Weltkrieg seine Opfer kurz vor dem Ende forderte, erzählte Keller an den zwei Gedenksteinen. Im hinteren Teil des Friedhofs sind 31 Keramikplatten, zum Großteil mit Namen, verlegt. Auch im alten, dem vorderen Friedhofsteil gibt es einen Stein, dort sind fünf Namen vermerkt. Die Männer starben am 20. bzw. 21. April 1945. Noch trauriger stimmt der Grabstein für Heinz Christoph. Der 24-Jährige war desertiert und hatte sich in einer Turnhalle versteckt. Er wurde entdeckt und am 2. Mai 1945 erschossen. Seine Mutter Hedwig (1894-1958) hat ihren Jungen von Adorf nach Fredersdorf überführen lassen und hier begraben.

Sehenswert ist die Kapelle auf dem Fredersdorfer Friedhof, die erst vor Kurzem saniert wurde. Leider ist nicht bekannt, wann sie gebaut wurde, bedauerten die Mitstreiter vom Heimatverein. Ein dickes Lob gab es, allen voran von Dieter Kromphardt, für die Pflege des Friedhofs durch Ramona Albrecht und ihre Saisonkräfte. "Das sieht hier immer toll aus", sagte Kromphardt.

Sehenswert ist auch das Erbbegräbnis der Familien Schmidt und Sebastian. Der Grabstein ähnelt in seiner Form dem Eingang zur Friedhofskapelle. In der Mitte steht die Thorwald-Figur Segnender Christus, eine Rarität in dieser Region.

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Bernd Tack 12.10.2012 - 11:07:44

Friedhöfe und Kirchen in unserer Region

Vielleicht könnte unsere MOZ einmal eine Broschüre (ähnl. Brandenburger Blätter) über die Entwicklung mehrerer Friedhöfe und Kirchen in unserer Umgebung (Randberlin/Strausberg) und eventuell eine Übersicht der Anschriften der Friedhöfe und Objekte gestalten ? Geschichtlich und auch wirtschaftlich / kulturell / politisch interessant, wären Ausschnitte über einige Persönlichkeiten unserer Vorfahren, die eine Rolle der hiesigen Entwicklung spielten. Sicherlich ein vielseitiges Vorhaben ? Doch es gibt gerade noch einige Zeitzeugen aus der Zeit der Inflation, der Weimarer Republik und dem 2. Weltkrieg, sowie der ersten Jahre danach, die uns vielleicht aus Überlieferungen, Erfahrungen und ihren "Tagebüchern" von den Personen auf unseren Friedhöfen berichten können ! Der Anfang ist jedoch gemacht. Prima ! Leider war ich in Bollensdorf zum erst genannten Termin, der verschoben wurde, nur ein "einzelner" Gastbesucher ! Zu den anderen aufgerufenen Rundgängen terminlich gehindert. Wo geht es das nächste mal hin ?

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