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Aufarbeitung versinkt im Chaos

Grenzen der Aufklärung: Forscher der Berliner Humboldt Universität wurden bei der Aufarbeitung der deutschen Doping-Vergangenheit nach eigener Aussage ausgebremst.
Grenzen der Aufklärung: Forscher der Berliner Humboldt Universität wurden bei der Aufarbeitung der deutschen Doping-Vergangenheit nach eigener Aussage ausgebremst. © Foto: dpa
Mathias Hausding und Daniel Drepper / 02.11.2012, 20:03 Uhr - Aktualisiert 04.11.2012, 22:27
Stuttgart (MOZ) „Doping in Deutschland von 1950 bis heute“ – viel mehr kann ein Projekttitel kaum versprechen. Berliner und Münsteraner Forscher sollten seit 2009 die dunkle Vergangenheit des Sports aufklären, das Innenministerium stellte eine halbe Million
Euro Steuergeld bereit. Drei Jahre später versinkt das Projekt in Merkwürdigkeiten.

Wenn das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) am Dienstag im Bundespresseamt neueste Ergebnisse zur Dopingforschung vorstellt, wird der wichtigste Teil fehlen. Während Münsteraner Forscher vor allem Medienberichte über Doping analysieren, hatte man echte Enthüllungen von den Berlinern erwartet. Doch die sind nicht dabei. Die Gruppe habe sich „aufgelöst“ schreibt das Bundesinstitut in seiner Einladung zur Veranstaltung. Die Berliner Forscher sagen, sie seien ausgebremst worden. Vieles deutet darauf hin, dass sie mit dieser Interpretation richtig liegen.

Vor gut einem Jahr hatten die Wissenschaftler der Humboldt Universität für einen Paukenschlag gesorgt. In ihrem zweiten Zwischenbericht sprachen sie von systemischem Doping in Westdeutschland. Sie beschuldigten BISp, Innenministerium und den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), in den 70er- und 80er-Jahren von Doping gewusst, es sogar geduldet und teils gefördert zu haben.

Die Forscher berichten, dass sie über den gesamten Zeitraum Probleme hatten, die dann größer wurden. Seit Ende März 2012 forschen sie überhaupt nicht mehr. Große Teile der letzten Projektphase, der Jahre 1990 bis 2007, sind bis heute nicht bearbeitet.

Streit gibt es vor allem ums Geld: Im Sportausschuss des Bundestages berichtete BISp-Direktor Jürgen Fischer Ende November 2011, dass die Finanzierung des Projektes lediglich bis März 2012 gesichert sei. Er bemühe sich um einen Nachschlag, damit die Berliner Gruppe zu Ende arbeiten kann. Diesen Nachschlag hat es nie gegeben. BISp und DOSB behaupten auf Anfrage, es sei Geld für weitere Forschungen vorhanden gewesen, die HU Berlin hätte dieses Geld aber nicht abgerufen.

Die HU Berlin erklärt, die Mitarbeiter seien zum 30. März aus dem Projekt ausgeschieden, da „keine verbindlichen Zusagen über die Bereitstellung weiterer Mittel vorlagen“. Dass kein Angebot vorlag, räumt auch das BISp ein. Erst am 15. Juni 2012 und damit fast ein halbes Jahr zu spät gab es eine schriftliche Offerte über zusätzliche 25 000 Euro. Die beteiligten Forscher waren zu diesem Zeitpunkt teilweise schon für neue Arbeitgeber aktiv. Dem Auftraggeber BISp muss klar gewesen sein, dass mit Drittmitteln bezahlte Wissenschaftler weg sind, sobald kein Geld mehr fließt.

Zuvor hatten die Forscher bereits vergeblich darum gekämpft, dass 10 000 Euro, die sie 2011 nicht verbraucht hatten, in das nächste Jahr übertragen werden können. Mehrere Wochen zusätzliche Arbeit an der Studie wären möglich gewesen, doch das BISp lehnte mit Verweis auf sein Haushaltsrecht ab.

Der DOSB greift nun die Berliner Forscher an. Die Gruppe sei nicht verlässlich genug gewesen und habe sich aus „nicht nachvollziehbaren Gründen aufgelöst“, heißt es. Und das Bundesinnenministerium deutet in einer Stellungnahme an, dass man mit der wissenschaftlichen Qualität der Arbeit nicht einverstanden war. Von „äußerst vagen und wissenschaftlich nicht hinreichend belegten“ Feststellungen ist die Rede. Das Ministerium bezieht sich dabei auf die Meinung „einiger Beiratsmitglieder“. Norbert Müller, Historiker im Beirat des Projektes, teilt diese Auffassung nicht: „Ich war regelrecht begeistert von der Arbeitsweise der Berliner“, sagt er. Die Berliner Forscher selbst weisen die Unterstellungen ebenfalls zurück. „Eine Veröffentlichung unserer Forschungsergebnisse macht transparent und nachprüfbar, dass wir fachlich sauber gearbeitet haben“, sagt Professor Giselher Spitzer. Dann könnten auch Fachkollegen „und nicht nur Beauftragte des BISp“ die Arbeit beurteilen.

Auch andere Aspekte wirken, als wolle der deutsche Sport etwas für sein Image tun, zucke aber zurück, sobald es ans Eingemachte geht. Neben den finanziellen Problemen hatten die Forscher auch mit hohen rechtlichen Hürden zu kämpfen. Im Februar 2011, also eineinhalb Jahre nach Projektstart, unterschrieben HU und BISp eine Vereinbarung zur Auftragsdatenverarbeitung. Durch diese Vereinbarung dürfen die Forscher nichts veröffentlichen, was nicht vom BISp abgesegnet ist.

Die hohen Datenschutzstandards verwundern auch den Münsteraner Projektleiter, Professor Michael Krüger. „Das habe ich noch nicht erlebt, dass mit so großer Sorgfalt auf den Datenschutz geachtet wird. Das war manchmal schon übertrieben, nicht mehr verständlich“, sagt er. Das BISp verlangt, dass die Berliner Forscher für jeden einzelnen Namen juristisch begründen, warum dessen Veröffentlichung unerlässlich ist. Die Forscher weigern sich, dies zu tun. Sie sehen die Freiheit der Wissenschaft gefährdet.

Das BISp argumentiert, es habe sich mit der Auftragsdatenverarbeitung stets an die geltenden Gesetze gehalten. Welche Namen konkret genannt werden können und welche nicht, wollte das BISp auf Nachfrage nicht beantworten. Das ergebe sich aus den gesetzlichen Bestimmungen.

Auch beim Aktenstudium hatten es die Forscher nicht einfach. Während der DOSB seine Archive vorbildlich öffnete, waren im BISp den Forschern zufolge zahlreiche wichtige Dopingakten nicht mehr vorhanden, sondern offenbar schon vor Jahren vernichtet. Wenig Interesse an einer offensiven Zusammenarbeit hatte auch die Nationale Anti Doping Agentur NADA. Die Berliner Forscher waren in Bonn zu Besuch, suchten Dokumente aus dem Archiv und baten, diese nach Berlin zu senden. Doch es kam nie etwas an.

NADA-Geschäftsführerin Andrea Gotzmann bedauert: Die Leitung der NADA habe zuletzt mehrfach gewechselt, die Berliner hätten einfach nochmal Nachfragen sollen. Die Forscher hatten aber genau das getan: Sie hatten Ex-NADA-Chef und Sportrechtsprofessor Martin Nolte im Jahr 2011 erneut gebeten, die Akten zu übersenden. Dieser hatte diese Bitte direkt an Gotzmann & Co. weitergegeben. Passiert ist nichts.

Gar nicht erst ins Archiv hinein kamen die Forscher beim Deutschen Schwimmverband (DSV). Auf Anfragen habe der Verband nicht reagiert, so die Forscher. DSV-Generalsekretär Jürgen Fornoff sieht darin kein Problem. Die Forscher aus Münster habe man schließlich ins Archiv gelassen, schreibt er auf Anfrage. Warum die Türen für die Berliner zu blieben, begründet er nicht. Auch der Deutsche Fußball Bund zeigte sich wenig kooperativ, die Fußball-Funktionäre griffen die Forscher sogar mit einem eigens beauftragten Gegengutachten an.

Im Bundesinstitut für Sportwissenschaft geht indes wegen der Rumpf-Präsentation am Dienstag angeblich schon Panik um. „Das Bundesinstitut hat Angst vor der Presse und davor, dass ihm das ganze Projekt um die Ohren gehauen wird“, sagt der Münsteraner Projektleiter Michael Krüger. „Wir finden es extrem bedauerlich, dass die Berliner nicht dabei sind.“

Die Berliner Forscher tragen ihre Erfahrungen mit dem Projekt nun am 8. November auf einem Symposium an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) vor.

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Hungriger Bernd 08.11.2012 - 13:47:15

@Dr. Peter Tiedke

Bin da auch deiner Meinung Ich bin zwar noch jünger jedoch hat die DDR damals den Sport einfach sensationell gefördert und wenn heutige Spitzensportler immer wieder behaupten, dass der Sport nicht genug gefördert wird.

Dr. Peter Tiedke 03.11.2012 - 10:59:24

Staatsplanmäßiges Chaos

Was hier wie eine Sensation daherkommt, pfiffen seit Jahrzehnten schon die Spatzen von allen Dächern, allerdings spiegelte sich das Wissen um flächendeckendes, staatlich gefördertes Doping in der BRD nicht in den dominierenden Medien wieder, die hatten mit der Aufarbeitung der DDR-Sportgeschichte zu tun, wollte und sollte man doch belegen, dass die überlegenen Leistungen des DDR-Sports allein auf Doping (und natürlich Stasi) beruhten. Nun wollte man aus aktuellem Anlass "beweisen, dass man die Dopingpraxis in Westdeutschland mit der gleichen Verve (Leidenschaft-P.T.) aufzuklären bereit war...". Dieser Beweis - es war zu erwarten - ist grandios gescheitert. "Sportführer" (schöner Begriff aus alten Zeiten!) behinderten die Arbeit, was konkret heißt: Der staatliche Geldhahn wurde zugedreht, als die zutage tretenden Fakten mit den Propagandaabsichten der Auftraggeber kollidierten. Übrigens hieß der Innenminister, der so vehemend 1972 medizinischen Beistand bei der Olympia-Vorbereitung einforderte, H.-D. Genscher, kein schwarzes Schaf, sondern eines aus der großen Herde. Dr. Peter Tiedke 15328 Golzow

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