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Erster Stolperstein mahnt in Fürstenberg

Hat mehr als 38  000 Stolpersteine in Europa verlegt: Künstler Gunter Demnig (mit Ditha Drenckhan) in Fürstenberg. Am Sonntag erhielt er einen Preis für seine Arbeit, die 20 000 Euro Preisgeld investiert er in neue Steine.Foto: Sabine Slatosch
Hat mehr als 38  000 Stolpersteine in Europa verlegt: Künstler Gunter Demnig (mit Ditha Drenckhan) in Fürstenberg. Am Sonntag erhielt er einen Preis für seine Arbeit, die 20 000 Euro Preisgeld investiert er in neue Steine.Foto: Sabine Slatosch © Foto: Sabine Slatosch
Sabine Slatosch / 02.12.2012, 18:50 Uhr
Fürstenberg (sla) Vorsichtig lässt der Künstler Gunter Demnig einen "Stolperstein" niveaugleich in das Pflaster. Die glänzende Messingplatte erinnert an die ehemalige jüdische Einwohnerin der Stadt, Ruth Hamburger.

1906 in Görlitz geboren, lebte Ruth Hamburger mit ihrer Mutter von 1930 bis 1939 in der Röblinseesiedlung. 1931 nahm die gelernte Säuglingsschwester ein drei Monate altes Pflegekind zu sich. Mit den Nürnberger Gesetzen musste sie das "arische" Kind 1935 abgeben. In der Hoffnung, die Anonymität der Großstadt würde sie besser schützen, zogen Mutter und Tochter nach Hamburg. Einem im Sommer 1942 nach Auschwitz abgehenden Vernichtungstransport entzog sich Ruth Hamburger durch Freitod.

Das damalige Pflegekind, Ditha Drenckhan, heute 81 Jahre alt, ist am Sonnabend zur Stolpersteinverlegung mit ihren beiden Töchtern Rebecca und Ruth Drenckhan und dem Sohn Michael Dittmann nach Fürstenberg gekommen. Eine Erinnerung an diese Zeit habe sie nicht, wohl aber Fotografien. Durch ihre Adoptiveltern kam sie ebenfalls nach Hamburg, habe dort 1941 noch die inzwischen verheiratete Ruth Weigert besucht. Mit diesem Namen ist dort ein Stolperstein versehen.

Bereits in den 1960er-Jahren haben die Eltern recherchiert, berichtet Tochter Ruth, und den Bruder von Ruth Hamburger gefunden, dessen Frau sich noch an das Pflegekind erinnerte.

"Es muss eine Auseinandersetzung mit den Geschehnissen geben", so Ditha Drenckhan in ihrer Ansprache, nur die Erinnerung helfe bei der Bewältigung. Die im christlichen Glauben aufgewachsene ehemalige Lehrerin rezitiert ein jüdisches Gedicht. Es endet mit den Zeilen: "So lange wir leben, leben auch sie, denn sie sind ein Teil von uns, wenn wir uns an sie erinnern".

Dass ein Gedenken möglich ist an das Schicksal der in der Zeit des Dritten Reiches neben ihrer Mutter vermutlich einzigen jüdischen Einwohnerin der Stadt, in der es auch ein Konzentrationslager gab, geht auf die Initiative des Regionalen Bürgerbündnisses (RB) unter Beteiligung der Interessengemeinschaft (IG) Röblinseesiedlung sowie des Fördervereins Ravensbrück e.V. zurück. Auslöser für die Initiative waren die Recherchen von Wolfgang Stegemann. Aus gesundheitlichen Gründen nahm er an der Verlegung des Steins nicht teil. Jedoch habe er, so Michael Klose, Sprecher des RB, die Stelle direkt vor dem ursprünglichen Wohnhaus Am Röblinsee 3 ausgewählt.

Ein Jahr hat es gedauert, bis die Idee Wirklichkeit wurde, sagt Klose rückblickend. Denn der Künstler Gunter Demnig ist unermüdlich unterwegs, um immer wieder ein Stolpern der Gedanken und des Erinnerns auf Wegen und Plätzen zu installieren. An Orten, die einst belebt wurden von Menschen, die im Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Über 38 000 Stolpersteine hat er bereits in zwölf europäischen Ländern verlegt. Er will an alle Opfergruppen erinnern, dazu gehörten auch Sinti und Roma. Seine ursprüngliche Intention der Gedenktafeln habe er verworfen. Den ersten Stein ließ Demnig am 16. Dezember 1992, dem 50. Jahrestag des Befehls Heinrich Himmlers zur Deportation der "Zigeuner', vor dem Kölner Rathaus in das Pflaster ein. Über einen Stein müsse man drüber laufen, sagt er, der ist auch nicht so leicht zu entfernen. Nur 110 Stolpersteine seien bislang beschädigt worden. "Da sind aber gleich die Nachbarn vor Ort, die das wieder in Ordnung bringen", berichtet der Künstler.

Erfreut über den Stolperstein für Ruth Hamburger zeigte sich auch Fürstenbergs Bürgermeister, Robert Philipp (parteilos). Nicht im Bauen von Mahnmalen, sondern im Gedenken an der Stätte eines Verbrechens, sieht er eine Form der Mahnung, um Gräueltaten, wie die der Nazis nicht mehr geschehen zu lassen.

Während sich die kleine Gruppe schließlich auflöst, den mit Rosen belegten Ort der Trauer und der Erinnerung verlässt und das Leben weiter geht, begibt sich Gunter Demnig auf den Weg nach Pasewalk, um dort die nächsten neun Steine zu verlegen. Am Sonntag erhielt er in Hamburg den Marion Dönhoff Förderpreis für internationale Verständigung und Versöhnung in Höhe von zwanzigtausend Euro. Seine Freude ist groß, die Vorfreude auf die Verwendung des Geldes noch größer. Davon will Demnig im kommenden Jahr weitere Stolpersteine spenden, und zwar zum 60. Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Ghetto. "Die Stolpersteine sind jetzt mein Lebenswerk", sagt er.

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