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Mit Hündin Scarlett ab ins Ruppiner Land

Alles wurde mit der Kamera aufgenommen: Lena Braun (rechts) unterhielt sich am Mittwoch mit Kerstin Zietz, der Besitzerin des alten Bahnhofs in Fehrbellin
Alles wurde mit der Kamera aufgenommen: Lena Braun (rechts) unterhielt sich am Mittwoch mit Kerstin Zietz, der Besitzerin des alten Bahnhofs in Fehrbellin © Foto: MZV/Melzer-Voigt
Judith Melzer-Voigt / 05.12.2012, 18:23 Uhr
Fehrbellin (MZV) Heruntergekommen. Dieses Wort trifft den Zustand des Gebäudes in der Berliner Straße 44 in Fehrbellin am besten. Künstlerin Lena Braun sieht das anders: Sie will dort ein Effi-Briest-Haus einrichten. Am Mittwoch begleitete sie ein Kamerateam bei den Umzugsvorbereitungen.

Die Eingangstür hängt etwas schief, die Kälte ist längst in jedes Zimmer gekrochen und die Decken sind viel zu tief. Es gibt keinen Strom, alles ist dunkel und verwinkelt - das ist der Zustand des Hauses an der Berliner Straße. Doch die Berliner Journalistin, Künstlerin und Kuratorin Lena Braun, Vorsitzende des Solaris Kunst-Fördervereins, sieht das anders. Wenn sie die verlassenen Räume sieht, hat sie Bilder im Kopf: Von den Orten, in denen sich Theodor Fontanes Romanfigur Effi Briest einst aufhielt. Lena Braun will eine Nachbildung dieser Zimmer in Fehrbellin schaffen, ein begehbares Tagebuch der Effi Briest.

"Wo hat sie gern gesessen? Was waren ihre Möbel?", fragte sich Lena Braun. Alles soll möglichst so sein, wie Fontane es in seinem Buch beschrieben hat. Ein Exemplar davon ist immer dabei, wenn Braun reist. "Ich habe Stellen angestrichen, in denen ich etwas über die Umgebung erfahre, in der Effi gelebt hat." Danach hat sie sich den Grundriss des Fehrbelliner Hauses in Abteilungen eingeteilt: Die rechte Wohnung könnte die werden, in der Effi Briest mit ihrem Mann gelebt hat. Die Areal oberhalb der Treppe könnten Möbel schmücken, die eher fürs Elternhaus üblich waren. In der zweiten Wohnung im Haus will Braun die Berliner Zeit nachbilden - die Jahre der Verbannung, nachdem Effi Briest Ehebruch begangen hatte. Die Männer, die das Leben von Fontanes Romanfigur geprägt haben, sollen im Dachgeschoss verewigt werden - durch verschiedene Accessoires.

Das begehbare Tagebuch soll Interessierten offen stehen, aber nicht nur das: Lena Braun will selbst dort wohnen und ein Kreativressort schaffen. Gedacht ist es für die "gestressten Großstadt-Künstlerinnen". Braun kann sich vorstellen, dass ihr Haus ein guter Platz für diese Frauen wäre, um sich zu entspannen, wieder zu sich selbst zu finden und vor allem ihre Kreativität wieder zum Leben zu erwecken. "Bei mir könnten sie dann an ihren Projekten weiterarbeiten oder neue entwickeln." Spezielle Arbeiten zu Effi Briest wären möglich. "Ich lasse Künstlerinnen auch die Möglichkeit, den Stoff des Buches zu aktualisieren." Schließlich seien Hoffnung, die sich nie erfüllt haben, immer ein Thema - wie die Effi Briests nach einem Neuanfang. "Effis Haus möchte ein Rückzugsort, eine Quelle der Inspiration, aber auch eine Begegnungsstätte sein", erklärte Braun. Daher wird es zweimal im Jahr ein Fest geben, im Sommer und im Herbst. Der Termin für die erste Veranstaltung steht schon fest, es wird der 20. Juli sein.

Braun hat viele Ideen, nur am Geld mangelt es noch. Das kleine Haus würde ohne die notwendigen Renovierungen 18 000 Euro kosten - was das Budget der Künstlerin übersteigt. Daher ist sie anfangs auch ganz anders an die Suche nach einem Haus herangegangen: Sie hat per Anzeige Ausschau nach einem gehalten, das verschenkt werden soll. "Ich habe gedacht, das funktioniert", so Braun. Doch außer dubioser Angebote gab es nichts für sie. "Aber ich hatte natürlich einen Plan B." Also suchte Braun parallel nach günstigen Gebäuden - und wurde im Ruppiner Land fündig. "Während ich mich immer mehr in die Region eingefunden habe, kam in mir plötzlich der Geruch von Weihnachtsplätzchen hoch", erzählte sie. Eine vergessene Erinnerung nahm Gestalt an: die an die Schwestern der Großmutter, die in Neuruppin lebten und zu den Feiertagen immer Leckereien schickten.

Damit war die Sache besiegelt. Die Anzeigen allerdings waren nicht ganz umsonst, denn durch die ungewöhnliche Bitte nach einem kostenlosen Haus wurde die Produktionsfirma DOKFilm auf Lena Braun aufmerksam. Die Idee der kreativen Großstädterin, die aufs Land zieht, begeisterte die Macher - und passte wunderbar in die neue Serie namens "Volle Packung Umzug", die die Firma für den rbb produziert. Dabei wird der Umzugsprofi Ilona Küster den Menschen zur Seite gestellt und ihnen verraten, wie man alles noch etwas preiswerter, erfolgreicher und effizienter über die Bühne bringen kann. "Lena Braun ist unsere Wundertüte", sagte Cornelia Schulze von DOKFilm am Mittwoch. Denn eigentlich hat die Künstlerin das Haus ja noch gar nicht gekauft, weil sie noch nicht genug Geld hat. Dass es während der Dreharbeiten, die noch bis Januar dauern, voraussichtlich nicht zu einem Umzug kommt, stört die Macher der Serie aber nicht. "Das ist eine Geschichte, die ist bunt", so Schulze. "Das passt in unser Konzept." Ab dem 23. Januar die Serie auf dem rbb, die Folge mit Lena Braun wird im Februar zu sehen sein.

Am Mittwoch wurde auch der alte Bahnhof in Fehrbellin zum Drehort. Besitzerin Kerstin Zietz ist nämlich auch ein Profi, schließlich hat sie die aufwendige Sanierung erst vor kurzem abgeschlossen und konnte somit Lena Braun einige Tipps gehen. "Mach es und lass dich nicht entmutigen", riet sie. Der Zuspruch war wichtig für die Künstlerin, denn das fehlende Geld bereitet ihr Sorgen. Sie ist auf Spenden angewiesen - und hofft, dass sie neben Fördergeldern auch Unterstützung aus der Region bekommt. Jeder Spender ist ihr willkommen. Doch die Interessierten sollen keinesfalls ohne Gegenleistung ihr Geld geben. Über die Seite www.startnext.de/effis-haus-4 können sie beispielsweise für 75 Euro eine Karte fürs Sommerfest buchen. Dazu gibt es ein von Lena Braun handgedrucktes und signiertes Plakat. Es gibt weitere Geschenke sowie einen Link, der direkt auf die Internetseite des Solaris-Vereins führt. Auch dort bekommt man einen Kontakt, um Sachspenden, Fachwissen oder mehr weiterzugeben.

Als das Filmteam am Mittwoch Sequenzen am Haus an der Berliner Straße aufnahm, schaute auch Fehrbellins Ortschronist Kurt Müller am Drehort vorbei. Er hatte einiges über das Gebäude herausgefunden - sehr zur Freude von Lena Braun. Unter anderem war es einst ein Torfstecherhaus. Erbaut wurde es um 1730.

Während Ilona Küster am Mittwoch gleich sicher war, dass es einiges an Renovierungsbedarf am Haus gibt, war Lena Braun schon ganz heimisch, schaute in den Briefkasten und rief Hündin Scarlett, benannt nach einer Figur aus dem Film "Vom Winde verweht", zu sich: "Komm schon, in Fehrbellin wartet Rhett Butler", rief sie.

"Volle Packung Umzug" läuft am Mittwoch, 23. Januar, um 21 Uhr das erste Mal im rbb, danach wöchentlich zur selben Uhrzeit.

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