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Schluss mit der Humanitätsduselei

Martialische Jugendbewegung: der namenlose Lehrer (René Schwittay) zwischen seinen militanten Schülern (Arne Gottschling, Eddie Irle, Friedemann Eckert und Florian Schmidtke, v.l.)
Martialische Jugendbewegung: der namenlose Lehrer (René Schwittay) zwischen seinen militanten Schülern (Arne Gottschling, Eddie Irle, Friedemann Eckert und Florian Schmidtke, v.l.) © Foto: HL BOEHME
Uwe Stiehler / 05.12.2012, 20:19 Uhr
Potsdam (MOZ) Versprechen die Zeiten Unheil, erinnert sich der Mensch an Gott. Und die Bühnen im Lande machen das nun auch. Am Staatstheater Cottbus hadert gerade der gute Mensch von Sezuan mit überirdischen Mächten, die Missstände schönreden, als wären sie Generalsekretäre einer Volkspartei. Und am Potsdamer Hans Otto Theater hatte jetzt Ödon von Horváths "Jugend ohne Gott" Premiere. Beide Stücke klagen über die Verkommenheit der Welt und suchen nach den Verantwortlichen für die Miesere. Weder Brecht noch Horvath sind sich zu schade, um dabei auch über die simpelste und einfältigste Antwort nachzudenken: Gott ist Schuld. Denn er lässt ja offensichtlich das schlimmste Unrecht zu. Nun hat Gott aber keine Gaskammern gebaut, und den Rassismus hat er genauso wenig erfunden wie die Dummheit, dass es Kriege gibt, die heilig sein sollen. Er sagt stattdessen, du sollst nicht töten, du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst und wer das Schwert erhebt, wird durch das Schwert umkommen. In seinen Schriften steht nicht, wenn du in Europa geboren bist, bist du ein Mensch, kommst du aus Afrika, bist du keiner.

Aber in genau diesen Irrsinn versteift sich die Jugend ohne Gott, über die Ödon von Horváth in seinem 1937 in Amsterdam erschienenen Text schreibt. Da proben Halbwüchsige den Aufstand, weil ihr Lehrer ihnen erklärt, es sei falsch zu denken, "dass es auf die Neger nicht ankommt, ob sie nämlich leben können oder nicht. Auch die Neger sind doch Menschen." Mit dieser eher halbherzigen Verteidigung des Gleichheitsideals beginnen die Probleme des Pädagogen, den René Schwittay als innerlich abgekämpften Richter über ein durch und durch verdorbenes System spielt. Der Vater eines Schülers beschwert sich über die "Humanitätsduselei" von der Gleichheit aller Menschen, mit der die Seelen der Jungen vergiftet würden. Der Direktor, der einst ein Friedensbotschafter war und nun kräftig in die Kriegsposaune bläst, erinnert seinen Kollegen daran, dass in der neuen Zeit, in der sie leben, die offiziellen Töne nachpfeifen muss, wer seine vollen Pensionsansprüche behalten möchte.

Diese neue Zeit: Horváth hat sie an keiner Stelle in Zahlen gefasst, er spricht nie von Nazis, nie von Hitler, und doch war für seine damaligen Leser klar, gegen welchen "Oberplebejer" er anschreibt.

Weil dieser Text sich nicht an konkrete Historismen klammert, funktioniert er heute noch genauso wie vor 75 Jahren. Und die Stärke der Potsdamer Inszenierung von Alexander Nerlich ist, dass sie diese Zeitlosigkeit unterstreicht. Denn die Fragen, was junge Menschen empfänglich macht für gewalttätige Ideologien und woher sie lernen, das Leben zu verachten und andere bis auf den Tod zu hassen, beschäftigen uns in den Tagen rechtsradikalen Terrors genau so, wie sie damals Ödon von Horváth aufgewühlt haben. Er hat da die Schuld nicht allein bei einer verirrten Generation gesehen, sondern auch bei einer Gesellschaft, die den jungen Menschen Parolen wie "Recht ist, was der Sippschaft frommt" ins Hirn meißelt. Dieses Recht des Stärkeren kennt keine Moral. So geben Florian Schmidtke, Eddi Irle, Friedemann Eckert und Arne Gottschling die Jugend ohne Gott verroht, martialisch, heuchlerisch, kriecherisch, egoistisch und feige. Die Jungs aus besserem Hause wollen zeigen, was sie für Kerle sind. Und verstecken unter ihren schwarzen Uniformen die Verstörtheit von Kindern.

Mannhafter boxt sich da Eva durch, die Anführerin einer Räuberbande, die die Klasse des Neger-Lehrers bestiehlt, als die zu einem Zeltlager ausrückt, um Krieg zu spielen. Würde der dafür abkommandierte Feldwebel (Axel Sichrovsky) nicht bayrisch fluchen, könnte das ebenso gut ein GST-Wehrlager sein. Auch das betont diese sich nicht im Plakativen verlierende Inszenierung: Junge Menschen zu indoktrinieren, sie zur Munition zu machen, darauf hat keine bestimmte Diktatur ein Monopol, darauf verstehen sie sich alle.

In diesem Zeltlager kommt es nun zur Katastrophe. Einer der Schüler wird erschlagen. Aus Rache, wird vermutet, weil er angeblich das geheime Tagebuch eines anderen gelesen haben soll. Der Tagebuchbesitzer wird verhaftet und mit ihm Eva (schön spröde: Juliane Götz), die ihn bei Mondschein vernascht hatte. Als ohnehin kriminelles Subjekt gerät sie automatisch unter Verdacht.

Aber der Lehrer war's, der das Kästchen mit dem Tagebuch aufbrach, um darin zu lesen. Aus reiner Neugier. Nur schweigt er bis zur Gerichtsverhandlung. Und warum er dann doch redet, darüber wischt das Stück zu oberflächlich hinweg. Im Buch macht sich dieser Mann bewusst, was es bedeutet vor Gericht bei Gott zu schwören, dass er die Wahrheit sagt. Daraus spricht die Sehnsucht nach einem moralischen Fundament, das auch in den finstersten Zeiten bestand hat. Im Buch ist das ein Leitgedanke, der in der sonst bemerkenswerten Bühnenfassung nicht zu Ende geführt wird, auf deren Videounterstützung man in Potsdam gut hätte verzichten können. Da ist Nerlich mehr Vertrauen in die eigene Regie und seine durchweg bestechend präsenten Darsteller zu wünschen. Schon wenn Meike Finck (Nelly, Frau T, Frau Z) ins Mikrofon flüstert, hat das mehr Effekt, als die meist nichtssagenden Leinwandbilder erzeugen.

Vorstellungen: 19.12. und 3.1., 19.30 Uhr; 23.1., 18 Uhr, Hans Otto Theater, Tel. 0331 98118

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