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Ich bin ein Slubfurter

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Heinz Kannenberg / 30.10.2009, 17:31 Uhr
Der Stadtbote will mit der Serie "Nachdenken über Frankfurt" eine Debatte über Chancen und Perspektiven der Oderstadt anregen. Autoren geben aus ihrer Sicht Anstöße für die Stadtentwicklung. Heute Teil 24: Michael Kurzwelly, Aktionskünstler.

Mein erstes Bild von Frankfurt war der Bahnhof, im Oktober 1989, auf der Durchfahrt von Bonn nach Poznan, wo ich von 1990 bis 1998 leben sollte. Es war schon Nacht, der Bahnhof war nur spärlich beleuchtet, wirkte düster und ebenso bedrohlich, wie die barschen Herren in ihren grauen Uniformen, die mich kontrollierten. Ich hätte damals im Traum nicht daran gedacht, dass dieser Ort am Ende der Welt eines Tages meine Wahlheimat werden würde.

1993 lernte ich in Poznan Andreas Billert kennen, der mich als Sanierungsbeauftragter von Altberesinchen mit folgenden Worten nach Frankfurt einlud: "Poznan ist doch langweilig, eine große Stadt, wie jede andere. Du musst nach Frankfurt (Oder) kommen, dort ist noch alles möglich." Er führte mich durch den bis dahin noch heruntergekommenen Kiez von Altberesinchen, von Haus zu Haus - vorne rein und durch Hinterhöfe wieder heraus. Im "Königs Fritzen" blieben wir stehen. Einige Monate später bespielte ich das noch immer leer stehende Gebäude zusammen mit acht weiteren Künstlern aus Poznan als "Gast-Stätte".

Mit der Zeit verschwanden die äußerlich sichtbaren Spuren der Zeit und auch das Eckhaus am Dresdner Platz wurde zu einer Praline in Altrosa. Nach mehreren Spagatversuchen entschied ich mich im Herbst 1998 von Poznan nach Frankfurt zu ziehen. Ausschlag gebend war die Grenzlage der Stadt zwischen Poznan und Berlin, sozusagen in Polen und in Deutschland gleichzeitig. Das entsprach ganz meinem inneren Lebensgefühl: zuhause im Dazwischen.

Als Mensch und Künstler war die alte Dürer-Frage "Wer bin ich?" schon lange mein existentielles Thema. Als ich etwa 16 Jahre alt war, wollte ich nicht mehr Deutscher sein. In der Schule beschäftigten wir uns mit dem Holocaust und unsere Geschichtslehrerin hatte uns die Hausaufgabe mit auf den Weg gegeben, unsere Großeltern zu fragen, was sie während der Nazizeit gemacht hatten. Meine Großeltern waren empört über die Lehrerin. Ihre Reaktionen machten sie verdächtig, mitgewirkt zu haben. Meine Großeltern, die ich so liebte? Die haben das geduldet oder sogar mitgemacht? Steckt das auch in mir?

Ich verweigerte den Wehrdienst und leistete Ersatzdienst mit "Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste" in Frankreich. Die normannischen Bauern überzeugten mich, dass ich als junger Mensch nicht für die Taten der Generation meiner Großeltern verantwortlich bin. Trotzdem bin ich weiterhin der Überzeugung, dass aus der deutschen Vergangenheit für mich eine besondere Verantwortung für mein Handeln erwächst. Vor allem in dieser Beziehung bin ich Deutscher. Ich blieb drei Jahre in Frankreich. Dort habe ich verstanden, dass Offenheit für das Fremde eine wichtige Voraussetzung ist, um meiner geschichtlichen Verantwortung gerecht zu werden. So war ich vorbereitet für meinen Umzug 1990 nach Poznan. Dort habe ich acht Jahre gelernt, die Menschen in Polen zu verstehen und auch Deutschland durch ihre Augen zu sehen.

Vom polnischen Gesichtspunkt aus lebt man in Deutschland noch immer wie "die Made im Speck". Ganz habe ich mich an diesen Überlebenskampf in Polen  nie gewöhnt. Sicher war das einer der Gründe, weshalb ich gerne die Einladung des Frankfurter Kunstvereins wahrnahm, hier mein erstes großes deutsch-polnisches Kunstprojekt im städtischen Raum zu realisieren. Der zweite Grund: Ich genieße es bis heute, hin und her über die Brücke zu fahren und in beiden Kulturen zu baden.

Es gab damals eine Diskussion in Frankfurt, in der es hieß, man müsse erst einmal die eigene, regionale Identität entwickeln, bevor sich Frankfurt und Slubice näher kommen könnten. Denn auf beiden Seiten der Oder leben Entwurzelte, die durch die 1945 auf Jalta beschlossene Ost-West Verschiebung der polnischen Grenzen ihre Heimat verloren hatten. Wie ihnen also ein Gefühl von Heimat zurückgeben? Das war für mich der Anlass, mich der Frage nach Identität von meinem Standpunkt aus zu stellen und ihn zu visualisieren.

So entstand Slubfurt als "parallele Realität", seit zehn Jahren meine Heimat. Die Grenzen sind nur in unseren Köpfen. Diese Erkenntnis wächst bei mir von Projekt zu Projekt. Deutschland, Polen und der Begriff "regionale Identität" basieren auf Wirklichkeitskonstruktionen. Freiheit bedeutet, so frei zu sein, die eigene Wirklichkeit im Kopf zu verändern und die Verantwortung dafür zu übernehmen. Wenn ich heute Touristen durch Slubfurt führe, dann glauben viele daran, dass es diese Stadt tatsächlich gibt.

Unaufhaltsam werden Frankfurt und Slubice in Europa zusammen wachsen. Es ist nur eine Frage der Zeit, denn meines Erachtens ist das das wichtigste Alleinstellungsmerkmal unserer beiden Städte und die Zukunftskonferenz im Juni 2009, bei der über 200 BürgerInnen beider Städte an einer gemeinsamen Vision gearbeitet haben, ist der beste Beweis dafür. Die Auszeichnung, die das Projekt in Brüssel erhalten hat, macht deutlich, dass gerade jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen ist, uns auf den Weg zu einer europäischen Modellstadt zu machen. Ich wünsche uns, dass wir diese Chance nutzen. Das funktioniert nur, wenn sich auch die Bürger beider Städte einmischen und nicht den Politikern alleine das Feld überlassen. Die Zukunftskonferenz mit den gemeinsam entwickelten Handlungsstrategien, das Slubfurter Parlament mit seiner humorvollen Basisdemokratie und die Bürgerinitiative "pro tram" als Netzwerk von Leuten, die sich gemeinsam für die Stadtentwicklung einsetzen, sind dafür Beispiele, denn alle drei Foren denken den Stadtraum gemeinsam sowohl aus deutscher, wie aus polnischer Perspektive.

Es ist nicht möglich, allein aus der Schwere der Vergangenheit heraus Zukunft zu entwickeln. Deshalb ist Slubfurt ein Raum, der uns aus der Zukunft humorvoll entgegen lacht.

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