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"Ruhige Nacht mit netten Leuten"

Vor der Silvestertour: Jürgen Lange von der Strausberger Eisenbahn. Die Richtungsanzeige gab es so aber nicht
Vor der Silvestertour: Jürgen Lange von der Strausberger Eisenbahn. Die Richtungsanzeige gab es so aber nicht © Foto: Uwe Spranger
Uwe Spranger / 01.01.2013, 18:19 Uhr
Strausberg (MOZ) Arbeiten, wenn andere feiern - das müssen zum Beispiel Beschäftigte der Verkehrsbetriebe. Jürgen Lange von der Strausberger Eisenbahn hat in der Neujahrsnacht eine ganze Reihe von Fahrgästen zur Party oder zurück gebracht.

Gegen 20 Uhr beginnt für den 57-Jährigen die Silvesterschicht. Er löst einen Kollegen ab, der Neujahr wieder in den Dienst geht. Denn zwischen zwei Einsätzen müssen zwölf Stunden Pause liegen, so schreiben es Verordnungen vor.

Kurz vor 22 Uhr hat Jürgen lange selbst erst einmal Pause, kann im Straßenbahner-Raum im Pavillon am Lustgarten einen Kaffee trinken. Alkohol ist für die Fahrer auch Silvester tabu. "Für uns gilt 0,0 Promille", so der Strausberger, der seit 1984 bei der Straßenbahn ist. Der einstige Kabelwerker aus Köpenick hatte damals einen zehnjährigen Dienst bei der Armee beendet und in der Werkstatt der Strausberger Eisenbahn als Schlosser angefangen. Nach der Wende wechselte er in die Verwaltung, bevor er 2001 in die Fahrerkabine stieg. "Ich hatte früher gedacht, das muss ja ziemlich langweilig sein - immer die gleiche Tour. Aber wenn man nicht gerade ein Muffel ist, macht es Spaß. Man hat mit Menschen zu tun, und jeder Tag ist anders."

22.26 Uhr startet die erste Runde nach dem Sonderfahrplan in der Neujahrsnacht. Sechs Touren in jede Richtung werden seit einer 2004 erfolgten Einschränkung der Betriebszeiten zusätzlich gefahren. Jürgen Lange bekommt den Schlüssel von seinem Kollegen, nimmt sein Handy und inspiziert den Zug. An einem Sitz stehen leere Biermix-Flaschen, bei einem anderen ein benutzter Bockwurstpappteller. Da kommt nicht gerade Freude auf. "Warum machen die Leute das", fragt sich der Fahrer und wirft den Abfall in die Behälter an der Station. Am schlimmsten seien Taschentücher in den Ritzen. Die findet er diesmal zum Glück nicht. Dafür sind schon erste Konfetti-Ladungen auf dem Boden verstreut. "Und das, wo ich heute auch noch die Bahn fegen muss", kommentiert er.

Dann setzt er sich ans Fahrerpult und startet den Tatra-Zug. Der rollt womöglich das letzte Silvester durch Strausberg. Im Frühjahr kommen die neuen Flexity-Bahnen. "Die Leute freuen sich schon sehr darauf, dass es dann im Winter warm ist und sie keine Stufen mehr steigen müssen. Sie identifizieren sich damit, sprechen alle von ,unserer Bahn'", erzählt Lange.

Viel Betrieb ist bei dieser Fahrt nicht mehr. Die meisten sitzen längst bei ihren Feiern. Deshalb gibt es auch direkt um Mitternacht keine Tour mehr. Die Bahn wird zwischenzeitlich sogar vor das Depot gefahren, um nicht Zielscheibe von Knallerei zu sein. "Das hat sich bewährt", sagt Betriebsleiter Uwe Kunath.

Wenngleich schon mal eine Flasche gegen eine Scheibe geflogen ist, sind die Strausberger nach den Erfahrungen von Jürgen Lange ziemlich vernünftig. Gerade Silvester hätten die meisten gute Laune, auch wenn der eine oder andere Fahrgast vielleicht mal etwas mehr getrunken habe. "Himmelfahrt ist schlimmer", erzählt der 57-Jährige.

Die Minuten um den Jahreswechsel selbst verbringt der Alleinstehende ganz in Ruhe am Lustgarten, ohne Telefonate oder SMS. "Das habe ich alles vorher erledigt", sagt er. Ein kleines Familientreffen gibt es aber kurze Zeit später: Bei der ersten Fahrt nach Neujahr winken ihm seine beiden Söhne an der Haltestelle Heinrich-Heine-Straße zu. Sie haben in der Nähe gefeiert.

Nach dem Jahreswechsel wird die Bahn wieder voller. Die meisten Fahrgäste gibt es zwischen 1 und 2 Uhr in Richtung Vorstadt. Am S-Bahnhof sind inzwischen auch die ersten aus Berlin zurück.

"Es war eine ruhige Nacht mit netten Leuten", resümiert Jürgen Lange zum Dienstschluss. Gegen 4.30 Uhr kann er sich schließlich ins Bett legen und ein paar Stunden schlafen. So lange ihn sein Kater lässt. Heute Nachmittag steht dann für ihn die nächste Schicht auf der Linie 89 an.

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