Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Rocker-Problem offensiv angehen

Dirk Wilking Geschäftsführer Demos Institut für Gemeinwesen Potsdam war früher beim Mobilen Beratungsteam Referat in Hennigsdorf über Rockerszene
Dirk Wilking Geschäftsführer Demos Institut für Gemeinwesen Potsdam war früher beim Mobilen Beratungsteam Referat in Hennigsdorf über Rockerszene © Foto: MZV/rol
Roland Becker / 11.01.2013, 16:58 Uhr
Hennigsdorf (MZV) Rocker von Hells Angels, Bandidos oder des Gremium MC erschrecken in Kleinstädten nicht nur durch ihr martialisches Äußeres. Sie sind Teil national und international agierender krimineller Banden. Das unterstrich Dirk Wilking bei einem Vortrag am Donnerstag in Hennigsdorf.

Für das vom Hennigsdorfer Aktionsbündnis Lebendige Teilhabe (Halt) organisierte Referat war auf Wilkings Bitte hin nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda geworben worden. Der Referent, Geschäftsführer des Demos-Instituts für Gemeinwesen Potsdam, hatte befürchtet, dass eine Zeitungsankündigung die Rocker selbst auf den Plan rufen könnte. Obwohl so noch nie erlebt, "habe ich Angst, dass Rocker erscheinen, und keiner kommt durch die Tür", sagte er unserer Zeitung.

Gekommen waren daher vor allem Verwaltungsmitarbeiter, einige Abgeordnete, Bürgermeister und Schuldirektoren. Ihnen gab der Rockerexperte den Rat: "Man sollte das Problem, das man haut, laut formulieren. Wer das frühzeitig einräumt, hat die wenigsten Probleme. Man sollte die Schmuddelmilieus seiner Stadt kennen."

Als ein solches sieht er den Sitz der Hennigsdorfer Bandidos an der Neuendorfstraße an. Zwar hat sich der Club nach der Großrazzia vom Juni 2012 offiziell aufgelöst. Doch Wilking geht davon aus, dass die Mitglieder des Chapters weiterhin aktiv sind. Hat sich eine solche kriminelle Rockerclique erst einmal in einer Stadt niedergelassen, setzt diese ihre Duftmarken. Hier ein neues Tattoo-Studio, da ein Buttersäure-Attentat auf eine Kneipe und dort ein Treffpunkt zum Vertickern von Drogen. Lehrern und Eltern rät Wilking daher, genauer hinzuschauen, woher ein Jugendlicher etwa sein neues Tattoo hat. Je offener das Klima einer Stadt sei, umso eher könne auch eine Öffentlichkeit gegen kriminelle Aktivitäten eines Rockerclubs geschaffen werden.

"Fast alle scheuen sich, das Thema anzugehen", behauptet der Experte. So habe er vor Jahren beobachtet, wie in Spremberg eine Skinhead-Gruppe von der Bildfläche verschwand, um wenig später auf Motorrädern wieder aufzutauchen - nun als Gremium MC, einem Rockerclub, der laut Wilking lange Zeit als deutschnational galt. Einer der Spremberger Ex-Nazis habe ihm seinen Wechsel zum Rockerclub so erklärt: "Als Skinhead hast du kein Geld und keine Frauen."

Dass Rocker wissen, wie sie zu Geld kommen, bewies Wilking ebenfalls am Beispiel Spremberg. Dort sei einer Boutique-Besitzerin über Nacht der Laden ausgeräumt worden. Kurz darauf sei bei der Frau ein Rocker erschienen. Er könne die Klamotten wieder besorgen und für Sicherheit im Laden sorgen. "Danach bezahlte die Boutique-Besitzerin 150 Euro pro Monat - steuerlich absetzbar - an einen Sicherheitsdienst, der sie vor seinen eigenen Leuten beschützt hat."

In Hennigsdorf, so äußerte sich Vize-Bürgermeister Martin Witt, sei man mit dem Auftauchen der Bandidos offensiv umgegangen: "Wir haben das im Stadtparlament nichtöffentlich behandelt, haben fürs Stadtfest ein Kuttenverbot erlassen, und wir haben die Möglichkeit, in Zusammenarbeit mit den Schulen Aufklärung zu betreiben." Letzteres war zumindest nicht in allen Schulen möglich. Sybille Kutsche-Stange, bis Juni 2012 Direktorin der Schweitzer-Oberschule, sagte später, dass sie zu keinem Zeitpunkt vom Rathaus über die Ankunft der Bandidos informiert worden sei.

Dass Rocker für ein Gefühl der Angst in einer Stadt sorgen können, ist für Wilking nur die eine Seite ihres Agierens. Die andere: Sie organisieren auf lokaler, nationaler und internationaler Lage den Drogenmarkt, betreiben Frauenhandel und Geldwäsche. In manchen Städten würden sie sich ein soziales Mäntelchen umhängen, indem sie beliebte Veranstaltungen organisieren. Er sprach von den Hells Angels, die in Hannover mehrmals eine Schlagerparade ähnlich der Loveparade organisiert haben, bei der Schlagerstar Jürgen Drews in einer Kutte der Höllenengel aufgetreten sei.

"Jeder kriminelle Rockerclub verfügt über Schusswaffen, die nicht im Vereinsheim zu finden sind, sondern in einer Waffenkammer an geheimem Ort", behauptet der Experte. Dass sich manche Ortsgruppen aufgelöst haben, wertet der Szenekenner nicht als Zeichen eines generellen Rückzugs. Er geht eher davon aus, dass sich länderübergreifende Gruppen bilden. Wenn ein solcher Club etwa über Landesgrenzen hinweg in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt agiere, "ist ein Verbotsverfahren viel langwieriger".

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG