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Bürgermeister Jürgen Polzehl leitet seit sieben Jahren die Geschicke der Stadt / Heute wird der Zützener 60 Jahre alt

Netzwerker auf dem Chefsessel

Arbeitsplatz Rathaus: Jürgen Polzehl an seinem Schreibtisch im Büro des Bürgermeisters. Der 60-Jährige will zur Bürgermeisterwahl im Herbst erneut antreten und für eine zweite Amtszeit gewählt werden.
Arbeitsplatz Rathaus: Jürgen Polzehl an seinem Schreibtisch im Büro des Bürgermeisters. Der 60-Jährige will zur Bürgermeisterwahl im Herbst erneut antreten und für eine zweite Amtszeit gewählt werden. © Foto: Stefan Csevi
Michael Dietrich / 18.01.2013, 07:23 Uhr
Schwedt (MOZ) Jürgen Polzehl ist seit sieben Jahren Stadtoberhaupt von Schwedt. Er gilt als Kümmerer um Fördermittel, Stadtumbau-Projektierer, erster Wirtschaftsförderer der Stadt. Privat ist über Jürgen Polzehl wenig bekannt. Er macht kaum Aufhebens darum. Am Freitag feiert er seinen 60. Geburtstag.

Aus Sachsen, Sachsen Anhalt oder Thüringen hergezogen, Neubauwohnung, PCK und mit der Wende neue Verantwortung in der Stadt - solche Schwedter Lebensläufe gibt es viele. Der von Jürgen Polzehl verlief anders. Als Sohn des Strommeisters aus Zerpenschleuse am Finowkanal kommt er 1957 als Vierjähriger nach Schwedt. Und er wohnt vor der Stadt, im Dienstsitz des Strommeisters jenseits der Stadtbrücke. Da war er wer, unter den Halbstarken der Knabenschule in der Paul-Meyer-Straße. Oft waren die Jungs bei ihm, stromerten oder zelteten in den Polderwiesen, setzten mit Kähnen vom Juliusturm über. Schulbanknachbar Hans-Henning Herms erinnert sich noch gern an "heute würde man Party dazu sagen" im Hausschiff, das in der Dienststelle im Kanal vor Anker lag.

Einzelkind Jürgen ist kein Draufgänger oder Klassenprimus. Seine Klassenlehrerin in der Polytechnischen Oberschule "Käte Duncker", Edith Gelhaar, erinnert sich an einen "sehr ruhigen, aber ausgesprochen fleißigen Schüler", aber auch an wunderbare Jahre und einen tollen Zusammenhalt. "Die Schüler laden mich noch heute zu ihren Treffen ein", freut sich die Vorsitzende des Schwedter Schlossgittervereins. Dann wird an Erlebnisse aus Ferienlagern, Jungenstreiche an der Schlossruine oder an die Tour des radsportbegeisterten Jürgen bis ins Sperrgebiet von Honeckers Domizil in der Schorfheide erinnert. "Jürgen war zwar eher zurückhaltend, mitgemacht hat er aber immer", erinnert sich die Lehrerin mit einem Schmunzeln.

Es ist eine Aufbruchzeit in Schwedt. Der Schüler Jürgen wird vom Vater mitgenommen, als Bulldozer die Erdölleitung unter der Oder hindurch ziehen. Das Erdölwerk braucht Leute. Tausende. So etwas wie eine Schnellläuferklasse ab der 8. Jahrgangsstufe macht Jürgen Polzehl und andere in der Berufsschule zu dringend benötigten Chemiefacharbeitern. Wissbegierig geht Jürgen Polzehl zum Studium nach Köthen und wird Verfahrenstechniker. Während des Studiums lernt er seine Frau Marika kennen, damals Lehrerstudentin. Das junge Paar findet, ungewöhnlich für jene Zeit, in Brandenburg an der Havel einfacher Job und Unterkunft als in Schwedt. Fünf Jahre bleibt der Absolvent in einem Betrieb für Gasherstellung, lernt Betriebsabläufe kennen, erste Verantwortung als Schichtleiter. Als die Familie mit zwei Kindern 1978 in seine Heimat Schwedt zurückkehrt, weiß sie vom eigenen Erleben, was die Neubauwohnung im Schillerring im Vergleich zur Altbauwohnung mit Ofenheizung wirklich bedeutet. Polzehls richten sich ein: Wohnung, Garten am Igelphuhl. Sie unterrichtet Mathematik und Chemie, er arbeitet im PCK in der Projektierung, lernt dort die Methode des Arbeitens, die er noch heute pflegt. Rapport mit Verteilung der Aufgaben, Festlegung von Verantwortlichen, Terminen und regelmäßiger Kontrolle. Heute nennt Polzehl seine Beratungen im Rathaus etwas anders, sie laufen aber genauso ab.

Die politische Wende erlebt Jürgen Polzehl schon aus der Stadtverwaltung heraus. Die Partei rief geschichtlich gesehen Sekunden vor dem Mauerfall und holte ihn an die Stelle eines Mitarbeiters der Plankommission, der sich in den Westen abgesetzt hatte. Wenige Wochen später leiten Demos und Kundgebungen auch in Schwedt das Ende der Planwirtschaft ein. Jürgen Polzehl ist einfach schon da, als Wendebewegte wie Peter Schauer und andere frühere Kollegen im Schwedter Rathaus das Zepter in die Hand nehmen.

Der zuständige Mitarbeiter für Wirtschaftsförderung fällt hinter den charismatischen Dezernenten wenig auf, ist aber überall dabei. Er knüpft Netzwerke, lernt die Arbeitsebene hinter den Leitern und Ministern kennen. Er fliegt mit Bürgermeister Peter Schauer nach Alabama und China, ist in Schottland dabei, als sich Schwedt Ansiedlungen und Heil von dort verspricht. Als Wirtschafts- und Finanzdezernentin Barbara Rückert 2002 geht, tritt er in ihre Fußstapfen, wird Vize-Bürgermeister und drei Jahre später, von der SPD nominiert, mit fast 75 Prozent zum neuen Schwedter Bürgermeister gewählt.

Kaum startet er seinen neuen Job, droht das Schwedter Kino zu schließen. Seither hat Jürgen Polzehl unentwegt damit zu tun, aufzuhalten oder zu kompensieren, was mit dem Bevölkerungsschwund droht, in der Stadt wegzubrechen. Geld für Hafen, Schulen, Klubs, Sportanlagen, Freizeitstätten, Parks u.a. organisiert er geschickt über Programme von Land, Bund, Pomerania, wie er es als Wirtschaftsförderer gelernt hat. So erfolgreich, dass er schon mal als Fördermittel-Bürgermeister kritisiert wird. "An so viel Geld muss man aber erst mal rankommen", verteidigt er seine Strategie, so viel Geld wie möglich nach Schwedt zu holen. Wie viel Arbeit und Zeit er dafür investiert, sagt er nicht. Parteifreunde kritisieren das gern. "Du musst Dich besser verkaufen!" Dafür ist Jürgen Polzehl eher nicht bekannt. Vielmehr dafür, Probleme im Vorfeld zu besprechen, sich zu beraten, Mitstreiter zu gewinnen, im Stillen, ohne Tamtam und Basta. Sachlich, unaufgeregt, kommunikativ und bisher ohne große Skandale lenkt der Verfahrenstechniker die Geschicke der Stadt. Dieser kollektive Arbeitsstil bringt ihm nicht nur Anerkennung ein. Mancher vermisst das Machtwort, wertet sein Harmoniebedürfnis als Kritikunfähigkeit. Mitarbeiter kommen bei der Frage, ob er überhaupt schon mal laut geworden sei, schon mal ins Grübeln.

Sein Büro im Rathaus ist bitterkalt, wenn er um 7.30 Uhr mit weit aufgerissener Balkontür den Arbeitstag beginnt, egal, ob er am Vorabend vom Empfang in Potsdam erst kurz vor Mitternacht nach Hause kam. "Das ist Abhärtung, ich will ja nicht krank werden im Wahljahr", scherzt er. Stimmt, krank war er fast nie.

Technikbegeistert ist er geblieben. Seinen alten Leder-Terminplan hat längst ein iPhone ersetzt. Auf dem iPad liest er Wirtschaftswoche, Zeit und Bild. Und Jürgen Polzehl ist noch immer begeisterter Radfahrer, unternimmt mit seiner Frau ausgedehnte Urlaubs- und Wochenendtouren. Auf einer großen Wandkarte im Keller seines Eigenheims in Zützen hat er markiert, wo beide schon radeln waren. "Da sind nur wenige Stellen noch weiß", erzählen Bekannte. Auch mit dem Auto ist die Familie oft zu Wochenendausflügen an die Ostsee oder in Wellness-Hotels unterwegs.

Nur die Zützener, die den Zugezogenen 2005 mit 83 Prozent gewählt haben, hatten sich damals wahrscheinlich mehr erhofft vom Nachbarn Bürgermeister. Im Ortsteil, erzählt man im Gasthof "Zum Winkel", kommen Polzehls kaum vor. Dort ist der Bürgermeister einfacher Bürger der Stadt, der vor der Arbeit den Schnee zur Seite schiebt und sich über die rutschige Straße auf dem Weg ins Rathaus ärgert.

An seinem 60. Geburtstag gibt Bürgermeister Jürgen Polzehl einen kleinen Empfang in dem Haus, in dem schon er zur Schule ging und seinen beruflichen Werdegang startete, im Haus der Bildung und Technologie, seiner alten Berufsschule.

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bundesarchivbesucher 01.03.2013 - 15:11:35

Stadtverwaltung?

Müsste es, wenn es denn so gewesen wäre, nicht heißen: "aus dem Rat der Stadt heraus"? Dachte immer, die Staatliche Plankommission sei direkt dem Ministerium unterstellt. Egal. Wenn man das hier liest, könnte man meinen: Zur rechten Zeit am rechten Ort. Perfektes Timing und Personalmanagement. Hört sich an wie ein Märchen. Von einem, der auszog, das Projektieren zu lernen. Schade um den Lernort.

Leser 21.01.2013 - 11:52:10

Jubel beenden !

Keine Kommentare sagen auch etwas aus ! :D

Burkhard Krüger 18.01.2013 - 12:58:42

Netzwerker

Herzlichen Glückwunsch und weiterhin alles Gute.

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