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In Milmersdorf entsteht die erste Wohnanlage für Mensch und Tier auf einem alten Stallgelände

Hunde mit Sofa-Genen

Therapie mit Haustieren: Elke Grabowski (l.) und Tochter Anne wollen vor allem pflegebedürftigen Menschen die Sorge um Hund und Katze nehmen.
Therapie mit Haustieren: Elke Grabowski (l.) und Tochter Anne wollen vor allem pflegebedürftigen Menschen die Sorge um Hund und Katze nehmen. © Foto: Oliver Schwers
Oliver Schwers / 27.01.2013, 07:57 Uhr
Milmersdorf (os) Viele Vermieter verbieten Haustiere in Wohnungen. Genau das Gegenteil passiert jetzt in Milmersdorf. Hier baut Familie Grabowski die erste Wohnanlage für Mensch und Tier. Das ungewöhnliche Projekt hat therapeutische Wirkung für Pflegebedürftige.

Auslöser war Omas Katze. Das niedliche Tier saß plötzlich allein und traurig da, als Oma zum Pflegefall wurde. Was tun, sorgte sich die Familie. Elke Grabowski nahm ihre Mutter zu sich nach Hause, vergrößerte das Einfamilienhaus in der beschaulichen Feldrand-Siedlung von Milmersdorf. Die Katze durfte mit. Sie lebt inzwischen nicht mehr. "Oma hält wacker durch", erzählt Elke Grabowski zufrieden.

Doch die Geschichte mit dem Tier hat die Juristin seitdem nicht mehr losgelassen. Denn der Fall ist keine Seltenheit. Was wird aus Tieren von alten und pflegebedürftigen Menschen, die ihre Lieblinge nicht ins Krankenhaus oder Heim mitnehmen dürfen? "Niemand will ein altes Tier aufnehmen", sagt Elke Grabowski. "Und für Frauchen oder Herrchen verschwindet unfreiwillig ein geliebtes Familienmitglied aus dem Leben."

Ungerecht, dachte die couragierte Milmersdorferin. Und sprach mit ihrer Familie darüber. Immer öfter. In diesen Gesprächen ist Felix Tempus entstanden. Das heißt nicht etwa "flinker Felix". Die lateinische Übersetzung bedeutet "glückliche Zeit". Und zwar für Mensch und Tier. Felix tempus ist die erste direkte Wohnanlage für Familien oder Alleinstehende mit Hund oder Katze in der Uckermark, womöglich sogar in ganz Brandenburg oder Deutschland. Wo andernorts der Vermieter die Nase rümpft, findet Frauchen hier offene Ohren und sogar Betreuung für den wuffenden, piepsenden oder miauenden Liebling.

Noch wächst auf dem geplanten Gelände von Felix tempus am Ortsrand von Milmersdorf Unkraut. Drei völlig abgewrackte Stallgebäude der DDR-Landwirtschaft bieten höchstens streunenden Katzen Jagdrevier. Doch schon zum Jahresende sollen hier acht Wohnungen in einer idyllischen Umgebung stehen. Für ältere und pflegebedürftige Menschen eingerichtet. Und tierpfotengeeignet.

Der Traum von Elke Grabowski ist teuer. Rund 700 000 Euro muss sie den Bankern abtrotzen, die erstmal skeptisch die Augenbrauen heben. Doch die 50-Jährige baut kein Luftschloss aus Spinnerei oder um Geld zu versenken. "Wenn ich das abgezahlt habe, bin ich 80", lacht sie. "Meinen Kindern will ich eine dauerhafte Perspektive bieten, gepaart mit Nächsten- und Tierliebe." Und vielleicht will sie auch etwas Handfestes hinterlassen. So wie einst die Wohnblöcke aus ihrer Lehrzeit als Baufacharbeiter, die immer noch in Neubrandenburg stehen.

Wie ein Virus greift die Idee von der Wohngemeinschaft zwischen Mensch und Tier in ihrer Familie um sich. Alle machen mit. Ehemann Ralf hat den kaufmännischen Teil übernommen. Sohn Lutz studiert Architektur und zeichnet die Visionen aufs Papier. Tochter Anne hat Pflegemanagement studiert und inzwischen mehrere Arbeiten über die therapeutische Wirkung der Mensch-Tier-Liebe geschrieben. "Wer sich um einen Hund kümmert, muss sich bewegen", sagt die 26-Jährige. "Der ist auch nicht so allein." Das hilft gegen Bluthochdruck, beugt Depressionen vor, verringert die Medikamentennutzung. "Stadt macht auf Dauer krank", sagt Anne. Sie ist mit ihrem Sohn in die Uckermark heimgekehrt, womit nicht einmal ihre Mutter gerechnet hat.

Jetzt leben vier Generationen unter dem Dach des gepflegten Einfamilienhauses. Mittendrin drei Hunde, sechs Katzen, drei Tauben, eine Schildkröte und viele Fische. Die meisten stammen aus Tierheimen, haben ein Trauma hinter sich. So wie die Galgo-Hündin aus Spanien, die zuerst jedem Mann auswich, jetzt aber zufrieden ihren Kopf aufs Knie des Besuchers legt. Die stark an Magersucht erinnernde Windhundrasse trägt gewissermaßen ein "Sofa-Gen" in sich. So erklärt Elke Grabowski das träge Herumlümmeln ihrer Vierbeiner auf den Sesseln. Doch genau diese Gemütlichkeit würzt das WG-Leben in Felix Tempus.

Drei Ehepaare mit Hund und Katze warten bereits auf den Baustart. Wenn sich das Projekt herumspricht, will Familie Grabowski weitere acht Wohnungen bauen. Mit kleinen Wohnzimmern, dafür aber großen Bädern, Küchen und Schlafzimmern für Rollis, Pflegebetten oder Rollatoren. Der Pflegedienst muss Platz haben, erklärt die Projektchefin. Genau der fehlt in vielen herkömmlichen Altenheimen oder Seniorenresidenzen. Außerdem entsteht ein eigenes Tierhaus auf dem weitläufigen Gelände.

Und wenn tatsächlich einer der menschlichen Bewohner die Augen schließt, weiß er, dass Felix, Bello oder Nicki dann zwar traurig, aber in guten Händen sind.

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