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Vater wegen Beihilfe zu langjähriger Haftstrafe verurteilt

Weiteres Urteil im Mordfall Arzu Ö.

Der Vater der von ihren Geschwistern getöteten Kurdin Arzu Ö. , Fendi Ö. , sitzt in einem Verhandlungssaal im Landgericht in Detmold neben seinem Anwalt Torsten Giesecke.
Der Vater der von ihren Geschwistern getöteten Kurdin Arzu Ö. , Fendi Ö. , sitzt in einem Verhandlungssaal im Landgericht in Detmold neben seinem Anwalt Torsten Giesecke. © Foto: dapd
dapd / 04.02.2013, 18:20 Uhr
Detmold (dapd) Im Fall der ermordeten Kurdin Arzu Ö. muss ein weiteres Familienmitglied ins Gefängnis. Das Landgericht Detmold verurteilte am Montag den Vater der jungen Frau zu einer Freiheitsstrafe von sechseinhalb Jahren. Nach Überzeugung des Gerichts hat sich Fendi Ö. der Beihilfe zum Mord durch Unterlassung sowie der gefährlichen Körperverletzung und Freiheitsberaubung schuldig gemacht. Wegen Fluchtgefahr wurde der 53-Jährige sofort in Haft genommen. Der Vorsitzende Richter Michael Reineke blieb mit dem Urteil unter dem von der Staatsanwaltschaft geforderten Strafmaß von acht Jahren und neun Monaten.

Richter: Ohne Einwilligung des Vaters ging nichts

Sein Urteil begründete Reineke damit, dass ein Wort vom Vater ausgereicht hätte, um seine Kinder zu stoppen. "In einer patriarchalischen Familie geht nichts ohne die Einwilligung des Vaters. Fendi Ö. war darüber informiert, dass fünf seiner Kinder Arzu entführt und in ihre Gewalt gebracht hatten. Es wäre fern jeglicher Realität zu glauben, dass er sich nach dieser Information zurückgezogen und mit dem weiteren Verlauf der Tatnacht nichts mehr zu tun gehabt habe, führte der Richter aus. Es habe Telefonate von einem Handy gegeben, das sich in der Tatnacht im Haus von Fendi Ö. befunden habe. "Es ist auszuschließen, dass der Vater als Familienoberhaupt in einer solchen Situation nicht an das Handy gegangen ist."

Gleichzeitig forderte Reineke, dass in traditionell geführten Familien ein Umdenken stattfinden müsse. "Die traditionell-patriarchalische Einstellung passt nicht zu den in Deutschland gelebten Werten. Es ist hier das Recht einer jeden Frau, ein selbstbestimmtes Leben führen zu dürfen. Alles andere hat keinen Platz."

Arzu Ö. war in der Nacht zum 1. November 2011 von fünf ihrer Geschwister entführt und auf einem Golfplatz in der Nähe von Lübeck durch zwei Kopfschüsse ermordet worden. Die Familie hatte Arzus westlichen Lebensstil und ihre Beziehung zu einem Deutschen nicht geduldet. Die vier Brüder und eine Schwester wurden wegen der Tat bereits im vergangenen Jahr zu Strafen zwischen fünfeinhalb Jahren und lebenslänglicher Haft verurteilt.

Die Staatsanwaltschaft hatte in dem jetzigen Verfahren den angeklagten Vater als "das uneingeschränkte Oberhaupt der Familie" bezeichnet. "Ohne seine Duldung wären die Handlungen der Kinder nicht möglich gewesen", so Oberstaatsanwalt Christopher Imig. Die Ehre der Familie und besonders des Vaters sei - aus Sicht der jesidischen Familie - durch Arzus Lebensweise verletzt worden. "Die Kinder wollten die Ehre der Familie und besonders des Vaters wieder herstellen. Fendi Ö. hat sie nicht gestoppt."

Verteidigung kündigt Revision an

Verteidiger Torsten Giesecke kündigte an, gegen das Urteil Revision einzulegen. In seinem Plädoyer hatte er lediglich eine Verurteilung wegen schwerer Körperverletzung gefordert. Der Angeklagte hatte bereits zum Prozessauftakt zugegeben, seine Tochter geschlagen zu haben. Die Vorwürfe der Freiheitsberaubung sowie die Beihilfe zum Mord durch Unterlassung seien durch keinerlei Beweise belegbar und nicht mehr als Vermutungen.

In dem Prozess hatten die verurteilten fünf Kinder von Fendi Ö. die Aussage verweigert. Auch weitere Familienmitglieder äußerten sich nicht. Beendet ist der Fall Arzu Ö. aber noch nicht, denn nach einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Hamm wird nun auch gegen die Mutter Anklage erhoben. Ihr soll wegen Mittäterschaft demnächst vor dem Amtsgericht Detmold der Prozess gemacht werden.

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