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Entführte Jungen armer Eltern enden oft als "Tanzknaben" und Sex-Sklaven

Junge Afghanen Opfer von massenhaftem Missbrauch

Afghanische Kinder stehen in Afghanistan in einem Flüchtlingscamp . Jungen sind in Afghanistan schon lange Opfer von systematischer Gewalt. Während die Kinder reicher Afghanen häufig wie in Herat entführt werden, um Lösegeld zu erpressen, droht Söhnen arm
Afghanische Kinder stehen in Afghanistan in einem Flüchtlingscamp . Jungen sind in Afghanistan schon lange Opfer von systematischer Gewalt. Während die Kinder reicher Afghanen häufig wie in Herat entführt werden, um Lösegeld zu erpressen, droht Söhnen arm © Foto: dapd
dapd / 06.02.2013, 07:47 Uhr
Bischkek (dapd) Als der achtjährige Ali Sina in der westafghanischen Stadt Herat zu Grabe getragen wurde, demonstrierten Tausende. Laut forderte sie Bestrafung der Entführer und Mörder des Jungen. Nach der Beerdigung am Sonntag kündigten Geschäftsleute und Gewerkschaften in der an den Iran grenzenden Handelsmetropole an, solange zu protestieren, bis die Schuldigen gefasst sind. Ali Sina musste sterben, obwohl die vermögende Familie den Entführern umgerechnet an die 70.000 Euro Lösegeld gezahlt hatte. Es ist alles andere als ein Einzelfall.

Missbrauch von Jungen ist alltäglich

Jungen sind in Afghanistan schon lange Opfer von systematischer Gewalt. Während die Kinder reicher Afghanen häufig wie in Herat entführt werden, um Lösegeld zu erpressen, droht Söhnen armer Familien bis zum Beginn der Pubertät die Verschleppung in regelrechte Harems.

Doch anders als das Schicksal des entführten und ermordeten Jungen in Herat können die missbrauchten "Tanzknaben" nicht auf die Empörung durch die afghanische Öffentlichkeit hoffen. Der Missbrauch kleiner Jungen ist in der von Männern dominierten Öffentlichkeit am Hindukusch seit Jahrhunderten Alltag und bis heute ist das "Bacha-bazi", "Knabenspiel", weitverbreitet. Oft werden sie von den jeweiligen Kommandanten auch als Teejunge gehalten.

Selbst die UN ist machtlos

Die Vereinten Nationen (UN) machen immer wieder auf den massenhaften Missbrauch von Jungen in Afghanistan aufmerksam. So prangerte die UN 2010 die afghanische Polizei in einem Atemzug mit afghanischen Kriegsfraktionen an, Kinder zu rekrutieren oder zu missbrauchen. Im Januar 2011 unterzeichneten die afghanische Regierung und die UN zwar einen Aktionsplan, der das unterbinden sollte. Dennoch würden Kindern weiterhin als "Teejungen" und "Boten" in afghanischen Armee- und Polizeieinheiten Dienst tun, heißt es auf der Internetseite der UN-Agentur für Kinder in bewaffneten Konflikten.

Der Missbrauch kleiner Jungen in Afghanistan wurde im Westen 2003 durch den afghanischen Erfolgsroman "Drachenläufer" bekannt und 2010 durch einen afghanischen Dokumentarfilm dargestellt. Oft kaufen oder verschleppen Kommandanten der Armee und Polizei von armen Familien kleine Jungen zu Tanzdarbietungen und sexuellen Dienstleistungen.

Anderes als Frauen können die Männer die Jungen überall in Afghanistan mitbringen und vorzeigen. Mit dem ersten Bartwuchs werden die Jungen verstoßen und landen dann oft in der Prostitution. Das "Bacha-bazi" ist bis in hohe Regierungskreise verbreitet. Ein afghanischer Kommandant, der sich einen oder auch mehrere "Tanzjungen" hält, würde es allerdings weit von sich weisen, homosexuell zu sein. Der massenhafte Missbrauch breitete sich zuletzt stark nach dem Beginn des afghanischen Bürgerkriegs aus. Die Kriegsfürsten der jeweiligen Fraktionen hielten sich ganze Harems.

Taliban beendeten Missbrauch

Erst nach dem Siegeszug der Taliban gingen der Missbrauch der Jungen und deren Zurschaustellung als Tänzer vorübergehend zurück. Als die Taliban 1997 Kundus eroberten, erzählte ein tadschikisch stämmiger Geschäftsmann einem Journalisten, der damals die nordafghanische Stadt besuchte, dass er dank der Taliban seinen Sohn wieder zur Schule schicken könnte. Vorher hätte er ihn aus Angst vor einer Verschleppung nicht auf die Straße gelassen.

Nach dem Sturz der Taliban 2001 stieg der massenhafte Missbrauch der afghanischen Jungen wieder an. "Ihr könnt es mögen oder nicht, da gab es unter den Taliban bessere Gesetze", sagte die UN-Expertin für Kinderschutz in Afghanistan, Dee Brillenburg Wurth, 2010 der "Washington Post". Die Taliban hätten die verbreitete Praxis als Sünde angesehen und in vielen Fällen rabiat gestoppt.

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