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Angst vor der braunen Brühe

Henning Kraudzun / 13.02.2013, 19:16 Uhr
Vetschau (MOZ) Eisenschlamm breitet sich in der Spree und deren Zuflüssen seit Monaten aus. Das Ökosystem im Spreewald ist durch die Altlasten aus Tagebauen bedroht, Anwohner sind in großer Sorge. Jetzt will der Bergbausanierer erste Maßnahmen starten.

Traurig blickt Wolfgang Renner auf das Mühlenfließ in Vetschau (Oberspreewald-Lausitz), auf ein schlammiges Gewässer, das auf den Uferstreifen rostige Spuren hinterlassen hat. "Dramatisch", nennt der 54-Jährige, der zusammen mit anderen Bürgern das Aktionsbündnis "Klare Spree" gegründet hat, den Zustand. Die negativen Auswirkungen für Tourismus und Umwelt könne man noch gar nicht abschätzen.

Renner, seit über 30 Jahren Mitglied der Grünen und Leiter des Naturparks Schlaubetal, fordert von den Behörden, dass sie bei dem Thema ihre "Geheimniskrämerei beenden". Gleichzeitig sind aus seiner Sicht sofortige Gegenmaßnahmen notwendig. Einige hundert Meter von dem Bach entfernt zeigt er eine stillgelegte Grubenwasserreinigungsanlage. "Die könnte man schnell wieder anschließen, aber es passiert einfach nichts."

In der Lausitz sind nicht wenige wütend angesichts der Verockerung der Spree (siehe Stichwort), die sich durch Altlasten aus ehemaligen Tagebauen eingetrübt hat. "Das Problem wurde jahrelang hartnäckig ignoriert", sagt Wolfgang Renner. Der Ärger richtet sich vor allem gegen den Bergbausanierer LMBV. Der hatte zwei Gutachten zur Eisenbelastung der Spree und der Zuflüsse beauftragt. Die Papiere wurden jedoch nur in Auszügen veröffentlicht. Am Mittwoch lenkte der LMBV ein und stellte die Arbeiten komplett ins Internet.

Die darin getroffenen Aussagen bestätigen die Befürchtungen der Anrainer. So hat sich die Eisenbelastung in der Spree zu einem "Dauerzustand" entwickelt. Seit 2007 werde das Problem beobachtet, heißt es in dem Gutachten. Binnen weniger Jahre hat sich zudem der Eisengehalt im Einzugsbereich des Flusses südlich von Spremberg von 40 auf 310 Milligramm je Liter erhöht, in den Fließen wurden bis zu 200 Milligramm gemessen. Die jährlichen Kosten allein für die Grundwasserreinigung werden in einem Gutachten mit bis 9,5 Millionen Euro angegeben. Eine Abdichtung entlang von Altkippen sogar 50 bis 63 Millionen Euro.

Mehrere Tonnen Eisen fließen den Angaben zufolge täglich die Spree hinunter. Im beschaulichen Vetschauer Fließ sind es mehr als 100 Kilogramm, hat Renner errechnet. "Das alles landet im Spreewald und wird das Ökosystem dramatisch verändern." Die Auswirkungen im Tourismus sind schon heute spürbar. "Es ist der absolute GAU für uns", sagt Roland Scherz, der im Lübbenauer Ortsteil Ragow einen Naturhafen betreibt. Die Kahnfährleute erreichen in diesen Tagen besorgte Anrufe von Reiseveranstaltern, in zwei Monaten geht die Saison los. "Dieses Jahr wird ein Totalausfall", glaubt er. Ebenso sei die Tierwelt bedroht: "Fische, Krebse, Eisvögel - wenn der Schlamm bleibt, sind alle weg." Lars Dettmann, Geschäftsführer des Landesfischereiverbandes, sagt ebenfalls: "Es muss etwas passieren."

In Raddusch steht Torsten Seidel vor seinem Hotel. "Die sollen endlich handeln, nicht nur Gutachten in Auftrag geben", sagt der Geschäftsmann. Informationsmaterial auf den Zimmern und an der Rezeption sowie eine Hinweistafel soll Aufklärung leisten. "Was sollen wir sonst tun?" Im Spätsommer sei die Braunfärbung am schlimmsten gewesen.

Handeln wollen jetzt Landesumweltamt und Bergbausanierer. Am Dienstag fand ein Krisentreffen bei Ministerin Anita Tack (Linke) statt, am Mittwoch debattierte der Umweltausschuss des Landtags über das Thema. Im Mai soll die erste Reinigungsanlage bei Vetschau in Betrieb gehen, hieß es in den Behörden. Ein anderes Fließ soll ausgebaggert werden. LMBV-Sprecher Uwe Steinhuber hofft, dass die Eisenfracht zum Spreewald spürbar gesenkt werden kann.

Matthias Freude, Präsident des Landesumweltamtes, spricht von einem "sprunghaften Anstieg" des Grundwassers in den vergangenen Monaten, wodurch das Problem verschärft wurde. An der Talsperre Spremberg wird das Eisen nach seinen Aussagen noch zu 85 Prozent zurückgehalten. Einzige Lösung sei dort eine Vorsperre. Der Auftrag soll in diesen Tagen vergeben werden.

Renner will Druck machen. "Ich trete denen auf die Füße, jeden Tag."

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D. Wolf 14.02.2013 - 09:04:23

d. wolf

Herr Wünsche, geben sie Ihr Trinkwasser , welches aus ihren Hahn kommt, zur Analyse, dann wissen sie es.

D. Wünsche 14.02.2013 - 09:00:18

D. Wünsche

Jetzt ist diese hohe Eisenkonzentration überall in den Fließen und Flüssen zu sehen. Und das ist nur die eine Seite. Wie viel Trinkwasser wird von den Anrainerwasserverbänden als Trinkwasser gezogen. Ich möchte nicht wissen wie hoch die Konzentrationen in unseren Trinkwasserleitungen sind. Wenn es so ist, wird wieder alles beschönigt. Und drehe ich den Wasserhahn auf, riecht es immer mehr nach Chlor. Na dann Prost mit einem gesunden und ganz frischen Gläschen Trinkwasser! Magentabletten kann ich mir rezeptfrei in der Apotheke kaufen. Somit verschone ich die knappen Kassen der gesetzlichen Krankenkassen.

D. Wolf 14.02.2013 - 08:32:42

d. wolf

Eine Verockerung von Gewässern und Brunnen ist nicht neu, sondern seit vielen Jahren bekannt. Das dieses Ausmaß jetzt zu tage tritt, ist nicht Schuld der Behörden, aber das diese Erkenntnis von der LMBV usw. nicht angezeigt wurde, ist unverständlich. Oder haben die Behörden gepennt, wie oft, leider. Ich denke, die Verockerung im Zufluss zu den Vorflutern ist sicherlich technisch möglich, aber teuer. Welche Gefährdung damit einhergeht, habe ich noch nicht verstanden. Oder ist es "nur" eine Veränderung der bisher dargestellten Umwelt. Diese zutage tretende Veränderung ist sicherlich hinnehmbar, wenn keine gesundheitliche Belastung vorliegt. Aber es wird sicherlich BI geben, die wieder "Welle" machen, was verständlich ist, oder auch nicht.

hurra bürger 14.02.2013 - 05:29:55

merkst de was ?!

altlasten aus der ddr und einen flugunfähigen flughafen, der MILLIARDEN KOSTET!!!, aber keinen euro für wichtige dinge in Brandenburg übrig .. Hauptsache herr speer bekommt seine pension und mus nicht für den unterhalt aufkommen .. erst wenn die kommunisten auf natürlich weise ausgestorben sind, können wir daran denken brandenburg wieder aufzubauen .. falls uns der demografische wandel nicht in die quere kommt ..

Fahlisch 13.02.2013 - 21:48:44

Bezeichnend

Wozu haben wir eine Umweltbehörde in Brandenburg, zu der auch ihr Interviewpartner gehört? Hier hatte man 23 Jahre Zeit, in denen man sich auf die zu erwartende Situation hätte einstellen können. Jetzt auf andere zu zeigen lenkt von der eigenen Tiefschlafphase ab, ist jedoch auch äußerst bezeichnend..

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