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Schulanfänger dürfen künftig nur noch in Gramzow lernen / Betroffene Familien fordern Entscheidungsfreiheit

Zichow beseitigt Elternwahlrecht

Oliver Schwers / 14.02.2013, 07:23 Uhr
Zichow/Passow (os) Grundschüler aus Zichow sollen künftig nicht mehr in Passow zum Unterricht gehen. Das hat die Gemeindevertretung von Zichow gegen den Willen von betroffenen Eltern in dieser Woche beschlossen. Nach mehreren heftig geführten öffentlichen Diskussionen kündigten die Abgeordneten mehrheitlich die bisher bestehenden öffentlich-rechtlichen Verträge mit der Gemeinde Passow. Damit endet das bislang existierende Wahlrecht der Eltern. Aufgrund des früheren Zichower Amtswechsels von Oder-Welse nach Gramzow konnten sie frei entscheiden, ob sie ihre Erstklässler in die Anna-Karbe-Grundschule Gramzow oder in die Cornelia-Funke-Grundschule Passow schicken.

In der umstrittenen Entscheidung wurde deutlich, dass beide Einrichtungen ab 2017 mit weniger Einschülern rechnen müssen. Nach vorliegenden Statistiken der Meldeämter betrifft das vor allem Passow. Ohne die Zichower Kinder käme die Grundschule im Jahre 2018 nur noch auf zehn Schulanfänger.

Doch viele Eltern aus den Ortsteilen Golm, Fredersdorf und Zichow wollen weiterhin ihre Kinder in Passow unterrichten lassen. Neben traditionellen Bindungen, Vereinszugehörigkeiten und Busverbindungen spielen auch Geschwisterkinder eine Rolle, die hier lernen. Man möge daher nicht wegen "irgendeiner Amtszugehörigkeit" entscheiden, sondern zugunsten der Einwohner, so die Meinung der Eltern. Sie pochen weiter auf ihr Wahlrecht.

Dem schließen sich auch der Ortsbeirat von Golm und der Zichower Ortsvorsteher Dietrich Giersch an. Bürgermeister Martin Röthke sieht dagegen das Überleben der im Amt befindlichen Gramzower Grundschule. "Den Gemeinden geht es gut in einem gesunden Amt. Und zum Amt gehört eine gute Schule."

Röthke, Giersch und auch der Gramzower Amtsdirektor Reiner Schulz warfen der benachbarten Amtsverwaltung Oder-Welse Konzeptionslosigkeit bei der Schulstruktur vor. Um die beiden Standorte in Passow und Pinnow zu sichern, müsste rechtzeitig eine Zusammenarbeit geklärt werden. Der Gramzower Amtsausschuss habe sich längst mit dem Thema im eigenen Raum beschäftigt, so Schulz.

Doch auch die Finanzen haben zur Aufkündigung des amtsübergreifenden Schulbezirks beigetragen. Eine Auflistung der Schulkosten gestattet den Vergleich. Demnach muss Zichow pro Kind und Jahr 1700 Euro als Beitrag an die Passower Grundschule entrichten. Die Gramzower Einrichtung kostet nur 1100 Euro pro Schüler. Betrachtet man die Schülerzahlen und die sechsjährige Grundschulzeit, ergibt sich allein bis zum Jahre 2018 ein Mehraufwand für Zichow von über 100 000 Euro.

Ausgelöst wurde die Debatte durch die Kommunalaufsicht des Landkreises. Die hatte plötzlich das seit dem Zichower Amtswechsel bestehende Elternwahlrecht in Frage gestellt. Daraufhin reagierte die Gramzower Amtsverwaltung mit einer neuen öffentlich-rechtlichen Vereinbarung zwischen Gramzow und Zichow.

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A. Schäwel 27.02.2014 - 22:58:42

A. Schäwel

Es ist schon traurig, das nicht im Interesse der Eltern entschieden wurde. Aber bei Geld hört sprichwörtlich die Freundschaft auf. In Zichow orientiert man sich schon lange nur am eigenen Sinn. Da hat der Ortsbeirat von Golm keine Chance. Ich mag gar nicht daran denken, wie es werden soll, wenn es nach den Wahlen im Mai keinen Ortsbeirat mehr in Golm geben soll. Da fällt doch die eine Stimme vom Ortsvorsteher kaum ins Gewicht und wir können uns sprichwörtlich gleich zusch..... lassen. Hauptsache in Zichow muß sich nichts ändern, egal wie viel es kostet.

K. Görlich 14.02.2013 - 21:29:24

Familienfreundlichkeit kein kommunalpolitisches Interesse?

Als betroffene Mutter aus der Gemeinde Zichow bin ich von meinen Gemeindevetretern enttäuscht. Unabhängig davon, ob die Kommunalaufsicht mit ihrer Änderungsaufforderung recht hatte und die Änderung notwendig war, ist es in meinen Augen für die Gemeinde Zichow nicht nötig gewesen, die bestehenden Verträge mit Passow zu ändern. Man hätte sich gemeinsam gegen die Änderungsaufforderung zur Wehr setzen oder sich ausschließlich dem Schulträger Passow zuordnen können. Man musste dem Drängen des Amtes Gramzow nicht nachgeben, das vermutlich in Eigeninteressen für die dortige Schule begründet liegt. Für Hunderttausend Euro auf fünf Jahre gerechnet, hat man entscheidend an Familienfreundlichkeit und Zukunft in der Gemeinde Zichow eingebüßt. Dieses Geld ist die verminderte Lebensqualität für Familien nicht wert. Das gilt besonders für Golm. Einem Ort, der zwar geringfügig aber doch näher an Passow liegt, und in dem bisher 100% der Schüler die Grundschule Passow besuchen. Dies tun sie aus gutem Grund - die Schule dort ist kleiner, gut und näher an dem Arbeitsort vieler Eltern, dem industriellen Schwedt. Um in Zukunft keinen langen Umweg, der bei den hiesigen Entfernungen wertvolle Familienzeit raubt, über Gramzow zu nehmen, stehen für uns Eltern nun Behördengänge mit ungewissem Ausgang bevor. Dies kann ich meinen Gemeindevertretern schwer nachsehen. Hier wurde nicht im Sinne der Bürger entschieden. Für Golm kann ich sagen, dass inzwischen Familien mit Kindern mindestens die halbe Einwohnerzahl ausmachen. Wohl eher wurde im ur-eigenen Sinne der Abstimmenden entschieden - nämlich dem von Kommunalpolitkern, deren finanzieller Spielraum schon so eng ist, dass jede kleine Euro-Summe gegen den laut erklärten Elternwillen organisiert wird. Gemeinde, Ämter und Kreis sollten gemeinsam an einem familienfreundlichen Leben auf dem Land arbeiten, stattdessen werden Einzelinteressen gesehen, wird separiert und das Leben vor Ort verkompliziert. Das ist kein Weg nach vorn.

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