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Die Wunderwelt der Geometrie

Dirk Bunsen / 19.02.2013, 17:22 Uhr
(MOZ) Er reiste mit seinen modernen Visionen von Architektur um die Welt. Seine Ideen sind legendär. Einar Thorsteinn, der in Island geboren ist und seit etlichen Jahren in Brieselang wohnt, versucht die Grundmuster des Lebens in seine geometrischen Körper und Modelle zu übertragen. Immer mehr wird der Architekt dabei zu einem Künstler der geometrischen Formen.

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Das Atelier – oder besser die Experimentierstube, oder vielleicht doch das Forschungslaboratorium – ist klein. Einar Thorsteinn sitzt in seinem Arbeitsstuhl und ist umgeben von einer Unmenge an geometrischen Körpern und Zeichnungen sowie von Konstruktionen, die an die Modelle vom chemisch-physikalischen Aufbau von Elementen erinnern. Die Regale sind vollgestellt von den Gebilden aus Papier, Pappe und Holz. Manche von ihnen scheinen wissenschaftlicher Herkunft zu sein, andere gleichen modernen Kunstobjekten. Oder beides. Genau in diesem Spagat bewegt sich der 70-Jährige, der in Island aufgewachsen ist und viele Jahre in Deutschland lebte, einst als Student, später häufiger zum Arbeiten, seit 13 Jahren dauerhaft. Wie soll er einem Schreiber seine Welt beschreiben, seine wundersame Welt der Geometrie, der geometrischen Architektur, der mathematischen Kunst?

Immer wieder fällt der Begriff der fünffachen Symmetrie. Immer wieder nimmt er mal das einen, mal das andere seiner Papp-Modelle in die Hand, Modelle, die wie gleichmäßig geschnittene Kristalle aussehen, und versucht, den Übergang von der vierfachen Symmetrie in die fünffache zu erklären, diese allmähliche Annäherung von einem Würfel zu einer Kugel. Dies ist so etwas wie sein Lebenswerk, sein Forschungsgegenstand, seine Vorstellung von moderner Architektur, von Kunst. Es ist faszinierend, wie Einar Thorsteinn seine zusammengesetzten Modelle auseinandernimmt und in verschiedenen Varianten wieder ineinanderfügt, wie neue Gebilde entstehen, wie er mit den Kanten der Körper spielt. Dann beginnen die Augen des Mannes mit dem weißgrauen Zopf zu glänzen. Und einmal in Fahrt, versucht er seinem ungläubigen Zuhörer auch mit Humor seine Welt zu erklären und darüber zu philosophieren.

„Eigentlich hatte ich in der Schule mit Mathematik nicht viel am Hut“, blickt er in seine Zeit in Reykjavik zurück. Doch dann kam der Tag, an dem er ein Kepler-Museum besuchte. „Das war wie ein Donnerschlag.“ Die Welt der Planeten, der Körper, der Formen, des Raumes und der Kräfte begann ihn zu faszinieren. Er suchte nach einer Möglichkeit, sich mit all dem zu beschäftigen – und fand dies in der Architektur. „Es war damals in meiner Gymnasialzeit eine Modeerscheinung, Architektur zu studieren, allein aus meiner Klasse begannen sechs Leute damit“, erzählt er.

Zum Studium verließ er allerdings seine Heimatinsel und zog nach Hannover und Stuttgart, wo er sich zwischen 1963 und 1969 dem Architekturstudium widmete und mit Frei Paul Otto, einen der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts, als Lehrmeister hatte. Dieser konstruierte beispielsweise die Seilnetzdächer des Münchener Olympiastadions und erhielt 2006 den „Nobelpreis der Künste“. Frei Otto hatte den damals gut 20-Jährigen maßgeblich geprägt. Von 1973 bis zum Jahr 2000 pendelte er zwischen Island, Dänemark und Deutschland, arbeitete als Architekt und Designer. Er kooperierte mit der innovativen dänischen Möbelfirma Montana und entwickelte futuristische Körper, aus denen Möbel entstanden. Er projektierte Energieeffizienzhäuser für ökologische Dorfprojekte und gründete ein Konstruktionslabor. Immer wieder hinterfragte er den Zustand, dass Häuser lediglich als Würfel und Quader gebaut werden, „immer mit einem rechten Winkel – wie ein ewiges Gesetz. Aber warum?“

Er reiste um die Welt, begegnete bekannten Architekten, forschte, gab selbst Workshops und schrieb mehr als 300 Aufsätze und Bücher – nicht nur über Architektur, sondern auch über sich überschneidende Themen wie Stadtplanung, Umweltdesign, ökologische Gebäudetechnologien oder biologische Einflüsse auf Wohnungswesen. „Mit dem ersten Sputnik ins All 1957 und Gagarins Flug um die Erde 1961 hat sich der Blick auf die Welt und die Dimension des Raumes verändert, auch bei mir“, sagt er. Architektur ist für ihn die Verbindung mit der Chemie und der Physik und der Frage: Wie funktioniert die Welt, was ist die wahre Struktur?

Seit 2000 agiert er zunehmend im Bereich der Modernen Kunst, kreiert Skulpturen, die er aus ihrer statischen Sichtweise heraus betrachtet. Seine erste große Ausstellung von mathematisch-physikalischen Objekten zeigte er im Berliner Felleshus der Nordischen Botschaften, weitere im Ausland, unter anderem in Lateinamerika, folgten. Und er berät Künstler in Fragen der Statik von Skulpturen.

Er ist in der ganzen Welt ein gefragter Architekt. So hatte er schon lange vor den Olympischen Spielen in Peking 2008 die Idee von einem riesigen, scheinbar verworrenen Stahlgeflecht, das sich um das Innere eines Stadions legt, veröffentlicht. „Vogelnest“ nennen die Chinesen ihr Nationalstadion. „Sie haben mir diese Idee einfach geklaut“, sagt er.

Die architektonischen Utopien von Einar Thorsteinn sind mittlerweile legendär, vor allem seine fünffach-symmetrischen Gebäude. 2011 hatte das Konzerthaus Harpa in Reykjavik wiedereröffnet – mittlerweile ein Wahrzeichen der isländischen Hauptstadt. Die Hülle, eine wabenartige Struktur, wird dem Star-Architekten Olafur Eliasson zugeschrieben, mit dem Einar Thorsteinn seit vielen Jahren in einem Berliner Studio eng zusammenarbeitet und viele Projekte realisiert hat.

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