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Ergotherapeut Martin Raschke stellt Lichtinstallationen aus alten Kartons her / Konstruktionen schmücken Feiern

Der Pappenschneider von Werneuchen

Marc Schütz / 09.03.2013, 07:10 Uhr
Werneuchen (MOZ) So vielseitig wie der Barnim sind auch seine Menschen. In unserer Serie wollen wir Gesichter des Barnims vorstellen. Bekannte und unbekannte, aber alle haben sie interessante Geschichten zu erzählen. Heute: Martin Raschke.

Martin Raschke steht in seiner spärlich beleuchteten Backstein-Garage in Werneuchen und überlegt. Es riecht nach frisch gesägtem Holz. In einer Ecke kämpft ein gusseiserner Ofen gegen die winterliche Kälte. Pling, pling, pling: Funken fliegen von innen an die Ofentür. Martin Raschke trägt Schwarz: Hose, Jacke, Haare - alles schwarz.

Der Mann mit dem Nasenring ist erstaunlich still. Für gewöhnlich redet er schnell und viel. Nun lässt er konzentriert seinen Blick wandern und prompt hat er eine Leiter in der Hand. Klappern. Drei Stufen hoch. Schon wühlt der Ergotherapeut auf dem Dachboden herum.

Jede Menge Pappe ist von unten sichtbar, als ein großes buntes Ding auf den Boden knallt. Martin Raschke hat gefunden, was er braucht: Einen Karton, in dem früher ein Fernseher steckte. "Cinema 3D" steht auf dem Rand, ein Rennauto ist unter einer Staubschicht zu erkennen. Daraus wird der Mann in Schwarz eine Lampe schnitzen. Oder besser gesagt: Er wird einen Schriftzug in den Karton ritzen, ihn lackieren und eine Glühbirne einbauen. "Wenn wir feiern, soll es schön aussehen", sagt er und lacht. Das Piercing in seiner Nase wackelt.

"Wenn wir feiern" müsste eigentlich heißen "wenn wir alle Freunde zu uns einladen und eine Band für jeden kostenlos spielt." Im Hintergrund leuchten dann häufig seine Konstruktionen aus Pappe. Und die können sich sehen lassen. Manchmal sind die Logos, die Martin Raschke in den Karton ritzt, meterhoch. Nicht selten gibt es Schulterklopfer von den gebauchpinselten Musikern.

Zu Beginn der 1970er-Jahre in Bernau geboren, in Werneuchen aufgewachsen, zog es den jungen Martin wie viele andere Jugendliche in der DDR auf den Bau. Aber die Zimmermannslehre hielt nicht, was sie versprach. Und das Land auch nicht. Kurz bevor die Mauer fiel, setzte sich der frischgebackene Geselle in einen Zug nach Budapest und verließ seine Heimat. "Republikflüchtig", sagt er, als gäbe es den "Arbeiter-und-Bauern-Staat" noch. Dabei blickt Martin Raschke nicht einmal hoch. Seine Stimme ist ernst.

Den Karton vor sich platziert, fängt er an zu schneiden. Langsam zeichnen sich erste Buchstaben im schwachen Neonlicht ab.

Über Ungarn nach München, folgte im "goldenen Westen" schnell die Ernüchterung. "Es war eine gute Erfahrung, mehr nicht." Martin kehrte wieder zurück. Aber so richtig Lust verspürte er nicht, sein Leben lang Dachstühle oder Wendeltreppen zu zimmern. Bis aus ihm schließlich der Therapeut wurde, der er heute ist, vergingen noch fast zwei Jahrzehnte. "2003 brachte mich meine Frau darauf, eine Ausbildung in diese Richtung zu machen." Die Idee gefiel ihm. Und vier Jahre später hielt er das offizielle Dokument in den Händen, das ihm heute erlaubt, mit schwer erziehbaren Kindern oder Jugendlichen mit Handycap zu arbeiten. Deren Eltern stehen manchmal etwas irritiert in seiner Praxis, wenn die Sprösslinge auf der dortigen Schrankwand rumklettern. Aber Martin Raschke sagt: "Meine Patienten, meine Regeln."

Das Cutter-Messer durchfährt zielsicher den Karton. Ritsch, Ratsch. Plötzlich springt der zweifache Vater zurück. "Autsch!" Er schüttelt die rechte Hand und inspiziert seinen Finger. Ein sauberer Schnitt. Das Blut lässt sich Zeit, um nach außen zu treten. Handschuhe an. Weiter.

Das, was sich in der Garage gerade abspielt, ist so gesehen das Ergebnis aus Martin Raschkes Überlegungen, mit seinen Patienten nicht nur zu reden, sondern auch praktische Dinge zu tun. So bastelte er die ersten Kisten, knetete Masken und lackierte Holz. Immer gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen: "Ich habe nach Medien gesucht, in die ich Dinge verpacken kann, etwa das Erlernen oder Wiedererlernen der Feinmotorik." Natürlich steckt auch seine Vergangenheit als Handwerker in jedem geschnitzten Unikat.

Fertig geschnitten: Martin Raschke hält eine Sprühdose in der Hand und bedeckt den Karton in schnellen Handbewegungen mit schwarzer Farbe. Es dauert keine zwei Minuten, bis weder das rote Rennauto noch der Schriftzug auf der Kiste überhaupt noch zu erahnen sind. Das wohlige Holzaroma ist dem beißenden Geruch aus der Sprühdose gewichen.

Obwohl der Lack noch nicht getrocknet ist, stellt der Werneuchener eine Lampe in sein Werk. "Toy Dolls" ist zu lesen. Keine Band, die er eingeladen hat. Aber eine, die er mag.

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