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23 Jahre nach der Schließung erobern Besucher gespannt die Welt hinter den Mauern

Riesiges Interesse am Militärgefängnis

Großer Andrang: Am Wochenende kamen mehrere Hundert interessierte Schwedter und Auswärtige zu den öffentlichen Führungen auf dem Gelände des ehemaligen Militärgefängnisses. Zu sehen ist eine der Gruppen, die vom ehemaligen Insassen Detlef Fahle geführt wu
Großer Andrang: Am Wochenende kamen mehrere Hundert interessierte Schwedter und Auswärtige zu den öffentlichen Führungen auf dem Gelände des ehemaligen Militärgefängnisses. Zu sehen ist eine der Gruppen, die vom ehemaligen Insassen Detlef Fahle geführt wu © Foto: Stefan Csevi
Michael Dietrich / 18.03.2013, 23:56 Uhr
Schwedt (MOZ) Die Schlange von Besuchern wollte nicht abreißen. Hunderte kamen am Sonnabend zur Führung im ehemaligen Militärgefängnis Schwedt. 23 Jahre nach der Schließung steht kaum noch etwas von den Anlagen, dennoch ist das Interesse riesig, vor allem von Schwedtern.

"Wir sind überwältigt, ein so großer Andrang ist uns völlig unerklärlich. Es ist doch kaum noch was zu sehen", wundert sich Thomas Welz. Ein Wachturm, ein Stück der Mauer. Die Gefängnisbaracken sind abgerissen. In einem Teil der alten Disziplinareinheit wohnen Obdachlose. Wo einst Drill, Strenge und Einschüchterung herrschten, stehen jetzt Spielgerüste und Fußballtore vor den Blöcken. Der Ort des Schreckens, den der Mythos Schwedt verbreiten sollte, ist nicht mehr sichtbar.

Auch deshalb hat der Berliner mit acht Mitstreitern am Sonnabend den Verein DDR-Militärgefängnis Schwedt gegründet. Er selbst hat vor zwei Jahren seinen Frieden mit dem Knast geschlossen. Damals stand dort, wo heute ein Solarpark Strom produziert, noch eine der Baracken des Militärstrafgefängnisses.

Nach Dreharbeiten für ein Fernsehteam, dem Welz etwas vom Alltag im Militärgefängnis berichtete, schloss er als Letzter das Tor hinter sich. "Mir war, als konnte ich damit die Geschichte für mich abschließen. Ich hab von dem Objekt, in dem ich Monate drangsaliert wurde, das Tor zugemacht. Von außen", erzählt Thomas Welz heute völlig unaufgeregt und lächelt dabei.

Er und andere Insassen des Militärgefängnisses und der Diszi-plinareinheit der NVA haben der Forderung nach Aufarbeitung und Erinnerung an beide Einrichtungen am Sonnabend eine Stimme und Adresse gegeben: Verein DDR-Miliärgefängnis Schwedt, c/o Stadtmuseum, Jüdenstraße 19. "Das große Interesse zeigt ja, dass es hier einen Erinnerungsort braucht und dass man zeigen muss, was hier passiert ist. Das wird noch ein langer Weg. Jetzt gibt es aber zunächst einmal eine Betroffenen-Vertretung, die Ansprechpartner für Interessierte ist", sagt Thomas Welz. Im Hinterkopf hat er aber schon das Ziel, so etwas wie ein Museum einzurichten.

Die vielen Hundert Schwedter lauschten vor allem den Schilderungen der ehemaligen Insassen bei den Führungen und von Museumsleiterin Anke Grodon, die bereits mit vielen Zeitzeugen sprechen konnte. Von Doppelzäunen ist die Rede, zwischen denen ganz früher Hunde patrollierten. Die Strafarbeit der Gefangenen wurde geschildert. Zum Beispiel wurden Lampen gebaut, Gepäckträger für Mopeds. Die Inhaftierten arbeiteten im PCK, in den Papierfabriken, im Betonwerk oder bei Hilfseinsätzen in Schwedt, zum Beispiel in kalten Wintern. Die Schwedter hatten in der Regel nichts mit dem Militärgefängnis zu tun und kamen natürlich nicht hinein. Eine ganze Reihe von Beziehungen gab es dennoch: etwa eine Patenschule, die Bauleute, die mit den Gefangenen zusammen arbeiteten. Jeder Schwedter, der über die Republik verstreut seinen Dienst bei der NVA geleistet hatte, hörte überall nur, wie schrecklich es in Schwedt sein muss. Gemeint war der Armeeknast, den er meist nicht einmal gesehen hatte.

Das aktuelle Interesse, diese Stätte kennenzulernen, in der insgesamt mehr als 6000 Inhaftierte entweder eine Militärstrafe verbüßten oder zur Disziplinierung nach Vergehen in ihren Einheiten kamen, erklärt sich das Museum auch mit der Unterschutzstellung 2012. Kurz nach der Wende gab es daran kein ausreichend starkes Interesse. Heute finden hier sogar damalige Täter und Opfer zusammen und reden miteinander.

Der Termin für die nächste öffentliche Führung steht bereits. Für den 8. September innerhalb des Tages des offenen Denkmals bereiten das Museum und der Verein Schwedt Führungen vor.

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motzkowski 25.11.2013 - 14:59:46

Märchenzeit und Verklärung!!

Das man erst 23 Jahre nach dem Scheitern des "DDR-Versuchslabors",genannt Sozialismus drauf kommt ein Militätgefängnis von innen und außen zu besichtigen, ist schon traurig!!Nicht allein des Themas wegen, was-(wie meine Vorkommentatoren schon anklingen ließen!) heute viel zu spät ist, es zu erhalten!!Das hätte man längst tun müssen, gleich 1990 als sämtliche Dinge noch erhalten waren, wie Schlösser und Zubehör eines "Militärknastes!"...nein man ließ erst alles rausschleppen,zerschlagen, etc.Nun nach über 20 jahren besinnt sich die Stadt ihrer nicht ganz so RUHMreichen ORTsgeschichte!!Ich find es nur Jämmerlich wie wir OST-Deutschen insgesamt mit unserer Nachkriegsgeschichte;auch hier in der Uckermark,umgehen.Erst leugnen, sich verkriechen,alles TOTschweigen...nach Jahrzehnten besinnt man sich dann wieder.... redet fast alles schön-verklärt die Tatsachen...Und rühmt sich seiner Originellen Ideen, noch dazu die Verklärung. Als wäre es nicht Schlimm genug gewesen Junge Menschen,Angehörige derNVA geistig und ideologisch zu manipulieren, sie in ihrem ganzen Wesen brechen zu wollen, nur weil sie dem Regime -jener Honecker & Mielke Diktatur kritisch o. ablehned gegenüber standen. Willkommen im Club der Märchenerzähler....Schön, dass das Museum der Stadt und die Stadt selbst,endlich aus dem Dornröschenschlaf erwachen!! 133 Schwedt hatte zu meiner Zeit bei der NVA eine immense Abschreckungsmentalität....Vor vorgehaltener Hand sickerte dennoch das eine oder andere durch, von denen die es durchlebten,trotz das es streng verboten war es in die Öffentlichkeit der DDR zu tragen,die Verpflichtung zur Verschwiegenheit musste man sogar unterschreiben...selbst stand ich noch 14 Tage vor meiner Entlassung(1981/82 Torgelow/Spechtberg;Eggesin), fast vor dem Einzug auf das Gelände des Militärknastes- zum Glück kam es nicht soweit; zum Glück!!! Einen Vorteil hätte das ganze gehabt: Ich wäre in meiner Stadt SDT gewesen...nur ohne Ausgang!!Fakt ist eines: Ein Erholungsheim mit KURcharakter war das hier in Schwedt garantiert nicht!Also, nicht immer alles schönerreden als es real war!!

Schwe67 19.03.2013 - 11:53:04

Die Erinnerung wach halten ja,

aber dann auch ehrlich. Man hat ja geradezu das Gefühl, die waren alle unschuldig da drin. Jedenfalls ab der Übernahme durch die NVA dürfte das nicht mehr der Fall gewesen sein. Die ca. 3000 Insassen in den 80-er Jahren zum Disziplinieren (das wären ca. 300 im Schnitt pro Jahr), bei ca. 120.000 NVA-Soldaten pro Jahr zeigen schon deutlich, wie übertrieben argumentiert wird. Der Besatz schwankte im Laufe des Jahres sogar so stark, daß es Zeiten mit 1 bis 3 Insassen gab. An ganz wenigen EInzeltagen soll es sogar gar keine Insassen gegeben haben. Diese aus der einschlägigen Fachliteratur stammenden Fakten möchte ich dann aber auch lesen und keine Märchen mit Schlägen mit den Pistolenschäften. Pistolen durften nämlich gar nicht getragen werden wegen der Möglichkeit des Entwendens und den anwesenden Zivilangestellten. Letztere werden ja auch durch ganz Kluge abgestritten. Sicher müssen die 60-er und 70-er Jahre unter der Stasi anders betrachtet werden. Aber das Restgelände unter Denkmalschutz zu stellen, erachte ich als unnütz. Außer Büchern und einem Modellnachbau in einer Ecke in einem Museum bedarf dieses Objekt nicht der Erhaltung. Gedenken werden sowieso nur die Betroffenen. In 150 Jahren wird man sich wahrscheinlich wahre Horrorgeschichten von einem Militätgefängnis erzählen, welches jede Armee in jedem Land der Welt betreibt.

Leser 19.03.2013 - 10:37:48

Militärgefängnis Schwedt/Oder

Ich finde es richtig das so etwas unserer Nachwelt weitergegeben wird. Es gehört doch zu unserer Geschichte der DDR und sie muss aufgearbeitet werden.

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