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Soziologen kommen in Brandenburg zu ernüchternden Ergebnissen/Teil der Menschen bleibt ausgeschlossen

"Den Osten als eigene Welt gibt es nicht mehr"

Heinz Bude, Soziologe, Leiter des Arbeitsbereichs „Die Gesellschaft der Bundesrepublik“ am Hamburger Institut für Sozialforschung, beschäftigt sich u.a. mit „Ausgeschlossenen“
Heinz Bude, Soziologe, Leiter des Arbeitsbereichs „Die Gesellschaft der Bundesrepublik“ am Hamburger Institut für Sozialforschung, beschäftigt sich u.a. mit „Ausgeschlossenen“ © Foto: Bodo Dretzke
Andrè Bochow / 25.03.2013, 07:12 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Im Jahr 2010 haben Sie und Ihre Kollegen das Projekt: „Überleben im Umbruch“ abgeschlossen. Fast drei Jahre lang wurden die Auswirkungen des industriellen Zusammenbruchs in der Stadt Wittenberge an der Elbe untersucht. Welche Ihrer Erwartungen haben sich erfüllt und welche nicht?

Wir haben eigentlich so etwas erwartet, wie es österreichische Soziologen 1930 in Marienthal vorgefunden haben. Eine ermüdete Gesellschaft, die resigniert hat und in der sich nichts mehr bewegt. Die Überraschung war: Dieses Bild, das wir durch die berühmte Studie über Marienthal im Kopf hatten, trifft auf Wittenberge nicht zu. Uns hat beeindruckt, wie vielgestaltig diese Stadt ist, die mittlerweile statt 30000 Einwohnern noch 19000 hat. So vielgestaltig, dass man feststellen muss: Die einzelnen Teile passen gar nicht mehr zusammen.

Keine Schicksalsgemeinschaft also?

Nein. Stattdessen erleben wir eine fragmentierte Gesellschaft. Es gibt eine Gruppe, der geht es recht gut. Dazu gehören diejenigen die im Ausbesserungswerk der Deutschen Bahn oder anderswo eine anständig bezahlte Arbeit haben. Noch besser geht es manchen „Alteliten“, die schon immer wussten, wie man das Beste aus einer Lage macht und jetzt vielleicht ein Autohaus betreiben. Dazu kommt das Heer der Pendler. Aber es gibt auch eine große Gruppe von Menschen, die zu den Ausrangierten des Systemwechsels gehört.

Und die sich aufgegeben hat?

Das gibt es. Aber wir haben auch fast schon wahnwitzige Versuche des wirtschaftlichen Überlebens gesehen. Da kann man beim Videothekenbetreiber Fisch räuchern lassen und der Hersteller von Autoanhängern vermittelt in seiner Partnerbörse ukrainische Frauen.

Entscheidend aber ist, dass die verschiedenen Gruppen nichts miteinander zu tun haben und nichts miteinander zu tun haben wollen. Solidarität ist Mangelware. Wir sprechen da von einer wechselseitigen Abstandsnahme oder sogar von einer wechselseitigen Vergleichgültigung.

Das gibt es doch auch anderswo.

Selbstverständlich. Solche Erscheinungen findet man auch im Ruhrgebiet, in Wales oder in Kalabrien. Nur: Wir haben in Wittenberge erlebt, dass es mit dem hoch gelobten ostdeutschen Wir-Gefühl nicht weit her ist.

Sie behaupten sogar, die Fragmentierung der Gesellschaft sei im Osten größer als im Westen. Meinen Sie das ernst?

Ja. Denn im Osten Deutschlands fehlt es vielerorts an Bindungsstrukturen. In Wittenberge spielt dieVolkssolidaritäteine wichtige Rolle. Aber die Bindung an Kirchen, Gewerkschaften, Parteien oder Vereine ist gering. Allerdings ist die Bindungsschwäche in Wittenberge besonders groß. In der nicht weit entferntenehemaligen Residenzstadt Ludwigslust mit Schloss und katholischem Krankenhaus sieht das schon wieder etwas anders aus.

Sie beschreiben eher traditionelle Bindungen. Gibt es keine neuen?

Doch die gibt es. Die Heimkehrer mit ihren Ideen von anderswoher spielen eine wichtige Rolle. Die schaffen zum Beispiel mit einem Hockeyverein oder mit einem Kinderklub neue Orte für Begegnungen. Das ist aber ein komplizierter Prozess, weil gerade die Heimkehrer die Erfahrung machen, dass sie keineswegs immer mit offenen Armen empfangen werden.

Dazu kommen diejenigen, die Kollegen von mir als „Raumpioniere“ bezeichnen. Also Zugezogene aus Westdeutschland oder mittlerweile auch aus Holland. Auch die versuchen Neues zu schaffen und werden nicht gleich geliebt dafür. Aber wenn sie Erfolg haben – und das kommt vor – dann helfen sie dabei die Stadt lebenswert zu machen.

Nur – und das ist wichtig – alle in Wittenberge müssen begreifen, dass sie auch in Zukunft ohne industrielle Basis auskommen müssen.

Wenn die Ostdeutschen schon keine Schicksalsgemeinschaft mehr bilden, ist dann nicht nach wie vor die gemeinsame Vergangenheit verbindend? Jedenfalls bei den Älteren. Hinzu kommt, dass auch der Großteil der Industrie, der Handels und der Immobilien in Westhänden bleiben wird.

Es gibt so etwas wie das situative Ausrufen des Wirs.

Sie meinen, wenn es zum Beispiel um Fördergelder geht, dann wir die leidendeOstgemeinschaft beschworen?

Zumindest gibt es eine politische Dimension. Deswegen hören ja auch Politiker in den ostdeutschen Bundesländern nicht gern, wenn jemand sagt, den Osten als eigene gesellschaftliche Welt gibt es nicht mehr. Entscheidend für die Menschen in Wittenberge und anderswo ist aber immer weniger die DDR-Erfahrung, sondern die Erfahrung des langen Wartens. Etwa auf den Investor, der alles richten wird.

Der aber nicht kommt.

Genau. Viele Ostdeutsche haben drei Phasen nach dem Ende der DDR erlebt. Zunächst war da der Aufbruch voller Hoffnung, dann kam das Warten und nun wächst die Einsicht, dass man mit dem zurechtkommen muss, was da ist.

Das ist bitter.

Ja. Aber gleichzeitig ist diese dritte Phase auch so etwas wie eine stolze Lebensinventur. Das kann heißen: „Wir wissen jetzt, wie es funktioniert, lassen uns nicht mehr belügenund machen etwas aus dem, was wir haben“. Natürlich sind auch negative Reaktionen möglich. Trotzige Nostalgie zum Beispiel.Da macht man die Schotten dicht.

Wie hat man eigentlich in Wittenberge, die Dauerbeobachtung durch die Wissenschaft aufgenommen?

Unterschiedlich. Viele haben uns komplett abgelehnt.Man hat uns unser Budget von 1,8 Millionen Euro vorgeworfen. Der Bürgermeister hatte die Sorge um das Image der Stadt. Auf der anderen Seite haben viele Auskunft gegeben, sich an Projekten beteiligt oder uns ins Haus gelassen.

Sie haben sich mit einem gläsernen Büro auf dem Marktplatz regelrecht zur Schau gestellt.

Mit voller Absicht. Wir wollten nicht heimlich forschen. Wir haben die Auseinandersetzung gesucht. Und wir haben überlegt, wie wir der Stadt etwas zurückgeben können. Zum Projekt gehörte Kunst. Das Maxim Gorki Theater war zum Beispiel mit einer Inszenierung von Armin Petras präsent. Außerdem haben wir in der Bahnhofs-Mitropa den Leuten Interviews ihrer Mitbürger vorgestellt. Selbstverständlich wurden die Besucher ordentlich in der Mitropa platziert.

In Wittenberge ist Ihnen außerdem eine Gruppe von Menschen begegnet, die es natürlich auch anderswo gibt, und die sie die Exkludierten, die Ausgeschlossenen oder sogar die Überflüssigen nennen. Wer gehört zu den Überflüssigen?

Das sind Menschen, deren Lebenszuschnitt nicht mehr zur Soziallandschaft passt. Die machen sich dann häufig unkenntlich, tauchen ab.Ein Beispiel: Der Sozialismus in der DDR hat den Facharbeiter in der Landwirtschaft geschaffen. Von denen wurde nach der Wende auf den zur GmbHs gewordenen LPGs vielleicht noch ein Fünftel gebraucht. Der stolze, neue agrarische Typ passt im Übrigen nicht ins renovierte Landleben. Der macht keinen Reiterhof auf und braucht keine Radfahrwege.

Und was soll mit diesen Menschen geschehen? Von denen es ja nicht wenige gibt.

Die Jobcenter sagen uns: Ungefähr 1,5 Millionen Menschen sind mit den Mitteln des aktivierenden Sozialstaates nicht zu erreichen. Nicht wenige sind in Maßnahmen verschwunden. Da bleibt nur noch Teilhabe durch Konsum. Wir haben die Unterscheidung zwischen „Discounting“ und „Shopping“ getroffen: Rechnerisches Durchkommen im Alltag und romantisches Erlebnis, wenn man sich was leistet.

Das klingt deprimierend.

Aber es gehört zum Handwerk des Lebens.

Vom Proletariat zum Prekariat?

So einfach ist das nicht. Es ist ein neues „Dienstleistungsproletariat“ bei den privaten Paketzustellern oder bei den Sicherheitsdiensten entstanden. Die arbeiten 40 bis 50 Stunden in der Woche für 900 oder 1000€ Netto. Davon zu unterscheiden sind die „Grenzgänger am Arbeitsmarkt“, die mal eine Arbeit haben, mal sich in Qualifizierungsmaßnahmen befinden, mal im Transferbezug sind. Die ersten sind im postindustriellen Zeitalter angekommen, die zweiten träumen vielfach noch von der Arbeitswelt der Schornstein und Werkbänke.

Und im Ruhrgebiet träumt der ehemalige Bergmann von den Zeiten in der Zeche?

So ist es. Insgesamt ist es so, dass bestimmte Wertschöpfungszentren wie München, Stuttgart oder neuerdings auch Berlin Menschen, vor allem junge Menschen anziehen. Dort gibt es auch kein demografisches Problem. Das aber hat sich gleichzeitig anderswo natürlich verschärft. Wer dann wegkommt aus einem Ort, in dem es kaum Arbeit gibt, der wird rasch überflüssig. In Ost und West. Allerdings, so wie die Dinge liegen, ist der Anteil der Exkludierten in Ostdeutschland besonders hoch.

Auf der anderen Seite des Spektrums haben wir wachsenden Reichtum bei anhaltendem Unwillen Steuern zu zahlen. Ist das Bild von der wachsenden Kluft zwischen arm und reich zu simpel?

Ich denke ja. Es gibt auch unter den Privilegierten viele, denen das Gemeinwohl am Herzen liegt. Viele von denen wollen allerdings mitbestimmen, was mit ihren vielen Steuern geschieht. Nur ist darauf der Steuerstaat nicht vorbereitet. So kann man studieren, wie die Steuermoral sinkt und dafür dieser merkwürdige Charity-Kult wächst. Auf der Stecke bleibt, was man Solidarität nennt.

Aber ist nicht gerade jetzt im Wahlkampf ständig von Gerechtigkeit die Rede. Bei praktisch allen Parteien.

Ja. Aber Gerechtigkeit und Solidarität sind nicht dasselbe. Gerechtigkeit betrifft den Anteil der einem zusteht, Solidarität die Verpflichtung, der man sich gemeinsam unterstellt.

Dr. phil. Heinz Bude, geb 1954 in Wuppertal, ist einerder bekanntesten deutschen Soziologen. Er ist Leiter des Arbeitsbereichs "Die Gesellschaft der Bundesrepublik" am Hamburger Institut für Sozialforschung sowie Inhaber des Lehrstuhls für Makrosoziologie an der Universität Kassel. Das Projekt "Überleben im Umbruch" untersuchte die Auswirkungen des ökonomischen Zusammenbruchs einer Industriestadt auf die Bevölkerung. Eingebunden waren Theaterprojekte und Interviewvorführungen in den Räumen der örtlichen Mitropa.

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