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Einst arbeitete er mit Thomas Langhoff zusammen. Heute stellt Erhard Grüttner seine Plakate in Amerika aus und wird zum Unterrichten nach China eingeladen / Von Uwe Stiehler

Kunstpreis: Die Kunst der Empörung

Erhard Grüttner
Erhard Grüttner © Foto: MOZ/Uwe Stiehler
Uwe Stiehler / 13.05.2013, 15:29 Uhr
Blankenfelde (MOZ) Wenn es für die Kunst der Verknappung Medaillen geben würde, Erhard Grüttner hätte eine goldene dafür verdient, wie er den zweiten Teil von Goethes Faust in einer Minimalformel zusammenfasst: ein Bruchstrich, darüber ein Plus-, darunter ein Minuszeichen. Weiß auf schwarzem Grund. "Dieses Theaterplakat ist eine meiner knappsten Lösungen", sagt er. "Da habe ich auch eine Weile dran gesessen." Er trifft damit nicht nur Dr. Faust an dessen sensibelster Stelle, sondern jeden Menschen, der "strebend sich bemüht", wie es bei Goethe heißt. Weil es bisher immer so war, dass der Fortschritt die Verhältnisse nicht nur veredelt, sondern an Stellen, wo niemand hinsehen will, auch beschädigt. Grüttners Bilanz sieht also so aus: Wo ein Plus steht, gibt es immer ein Minus. Nirgendwo hat er das so deutlich beobachtet wie in China. In den Monaten, in denen er dort unterrichtete, sah er ein Land, das sich im Raketentempo entwickelt - und durch rücksichtslosen Raubbau "selbst zerstört".

Beobachten, Schlüsse ziehen, sie auf den Punkt bringen. Grüttner kommentiert die Dinge, die seinen Widerspruchsgeist kitzeln, mit Worten nicht viel anders, als er das mit seinen Plakaten macht. Er nennt es "auf die Zeit eingehen, ohne dem Zeitgeist zu verfallen".

Gelernt hat er das von Bernhard Heisig, bei dem er an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig studierte und der Grüttners Vorstellungen von der Rolle eines Kunsthochschul-Professors geprägt hat. Wenn Grüttner heute sagt, er habe seine Studenten als "Moderator, Kommentator, Kritiker und Diskussionspartner" begleiten wollen, so erlebte er bei Heisig ganz Ähnliches. Anfang der 60er-Jahre lernt er in Heisigs Meisterklasse, "im Kopf Klarheit zu schaffen". Das hilft ihm nicht nur beim Studium, das hilft ihm auch, sich von seinem Lehrer, von dessen Stil er sich maximal entfernen will, abzunabeln. Grüttner möchte Gebrauchsgrafiker werden, was Heisig nicht versteht, Wolfgang Mattheuer - noch so ein Halbgott der Leipziger Schule - jedoch unterstützt. Er erkennt Grüttners Talent fürs Plakat: Schon als Student gewinnt der Künstler die ersten Wettbewerbe auf diesem Gebiet. Ähnliche Erfolge werden sich später, als er für Verlage, Theater und das Kino arbeitet, wiederholen.

Nach seinem Abschied von Leipzig wendet er sich Richtung Berlin, lässt sich in Blankenfelde nieder, ist seit 1969 freischaffend und davor einige Jahre Chef des grafischen Ateliers des Progress Film-Verleihs. Da entwirft er Kinoplakate für Defa-Klassiker wie "Der Untertan" und "Spur der Steine". Als die SED diesen Film verbietet, wird alles überklebt, was an ihn erinnert. Auch Grüttners Arbeiten.

Der testet danach immer wieder die ideologischen Schmerzgrenzen des Regimes aus, vor allem wenn er für eine von Thomas Langhoffs Inszenierungen wirbt. Das Verhältnis zu diesem Superhelden der Ostberliner Theaterszene beschreibt Grüttner als "fantastisch". Dieser Regisseur sei ein Partner gewesen, wie ein Künstler ihn sich erträumt. Er half, Kreativlawinen loszutreten, mischte sich aber nie in das ein, was Grüttner daraus machte. Wenn er davon erzählt, wie er und Langhoff durch geschickte Manöver die Aufmerksamkeit des Zensors vernebelt haben, wenn sie zur Audienz bestellt waren, klingt das wie eine Eulenspiegelei. Die Realität war ernster und deutlich humorloser. Als Grüttner für Volker Brauns Text "Die Übergangsgesellschaft" ein Plakat mit einer bröckelnden Pyramide zeichnet, darf diese Arbeit nicht veröffentlicht werden. Der Künstler ist den wahren Zuständen in der altersschwachen DDR zu nahe gekommen.

Ihr Dahinscheiden hat ihn nicht unkritischer gemacht. Neben seiner Arbeit fürs Theater entwirft er politische Plakate, mit denen er zu Ausstellungen in Europa und Amerika eingeladen wird. Sie zeigen, wie zerschlissen der Demokratiebegriff inzwischen ist, warnen mit bittere Ironie "Augen auf beim Frauenkauf" oder zitieren Stéphane Hessel ("Empört Euch!").

Wie man als Grafiker solche Botschaften in Bilder gießt, die ins Auge springen, versucht Grüttner, seinen Studenten mit einem von ihm entwickelten didaktischen Konzept weiterzugeben. Von 1995 bis 2007 ist er Professor für Grafik-Design an der Hochschule Anhalt in Dessau, die gerade in der Kunst eine Verbindung zu ihrem Vorläufer, dem Bauhaus, sucht. Es nur zu kopieren, hält Grüttner für Unsinn. Das Bauhaus, das sich 1933 auflöste, sei Geschichte, sagt er. Doch vieles von dem, was Johannes Itten und andere damals zur Kunstausbildung vordachten, hält er für so gut, dass er es weiterentwickelt hat. Als ein chinesischer Kollege bei einem Besuch in Dessau diese Arbeitsweise kennenlernt, ist er davon so gefesselt, dass er Grüttner ins Reich der Mitte einlädt. Dort doziert dieser vor 2000 Studenten. In Dessau sind es nur einige Dutzend.

Noch etwas ist anders. In China lernt er talentierte, hoch motivierte junge Leute kennen. In Dessau dagegen betrachtet Grüttner das Niveau der Studenten zunehmend mit Sorge. Wegen deren Zukunft und wegen der Zukunft seiner Kunst. "In unserem Metier", sagt der 75-Jährige, ohne selbstherrlich zu wirken, "ist kein Platz für Dilettanten."

Der RBB widmet Erhard Grüttner ein Filmporträt, Sonnabend, 19.30 Uhr, "Brandenburg aktuell".

Die Märkische Oderzeitung hat Künstlerinnen und Künstler eingeladen, sich für den Brandenburgischen Kunstpreis 2013 zu bewerben. Über die Vergabe der in Kooperation mit der Stiftung Schloss Neuhardenberg zu verleihende Auszeichnung entschied eine Jury unter Leitung von Chefredakteur Frank Mangelsdorf. Der Preis für Malerei geht in diesem Jahr an Helge Leiberg für "Dante, Divina Commedia". In der Kategorie Grafik siegte Matthias Friedrich Muecke mit seinem originalgrafischen Buch "Surabaya-Johnny"; Knuth Seim bekam die Auszeichnung im Bereich Bildhauerei für seine Sandsteinarbeit "Wohin?". Die Preisverleihung findet am Sonntag, 23.Juni, 11Uhr, im Schloss Neuhardenberg statt und ist mit einer Ausstellung ausgewählter Arbeiten verbunden. Im Rahmen der Preisverleihung wird zum sechsten Mal der Ehrenpreis des Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg, Matthias Platzeck, für ein Lebenswerk verliehen. Preisträger ist der Rangsdorfer Maler Ronald Paris. Zudem hat die Ministerin für Kultur, Sabine Kunst, zum zweiten Mal einen Förderpreis ausgelobt. Die Auszeichnung wird als Stipendium vergeben.

Mehr zu diesem Thema: www.moz.de/kunstpreis

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