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Jugendliche erforschen Weltkriegsschicksale / "Zeitensprünge" unterstützt Flugzeugwracksuche im Luftfahrtmuseum

Auf der Spur eines Todespiloten

Ausstellung im Hangar: Calvin (15, v. l.), Markus und Klaudia gehören zu der Gruppe Jugendlicher, die das Schicksal des Todesfliegers Hans Grapenthin im Luftfahrtmuseum Finowfurt noch einmal neu aufarbeiten wollen. Zur Seite stehen ihnen dabei Werkpädagog
Ausstellung im Hangar: Calvin (15, v. l.), Markus und Klaudia gehören zu der Gruppe Jugendlicher, die das Schicksal des Todesfliegers Hans Grapenthin im Luftfahrtmuseum Finowfurt noch einmal neu aufarbeiten wollen. Zur Seite stehen ihnen dabei Werkpädagog © Foto: MOZ/Ellen Werner
Ellen Werner / 28.05.2013, 04:15 Uhr
Finowfurt (MOZ) Jugendliche vom Eberswalder Schulverweigererprojekt des Arbeiter-Samariterbundes gehen im Luftfahrtmuseum Finowfurt Kriegsschicksalen nach. Sie arbeiten die Ausstellung um das Wrack einer Focke Wulf 190 neu auf. Bei der Bergung saß der tote Pilot noch im Cockpit.

Eine Geldbörse mit Banknoten und Hartgeld fand sich noch in seiner Lederjacke. Außerdem eine Uhr und die Fahrkarte nach Berlin. Und zwei Zigarettenetuis - eines versehen mit den Initialen "EK".

Es war das Kürzel ihrer Mutter Evelyn Kramer, der Verlobten des toten Piloten, konnte eine Frau aus Münster im Luftfahrtmuseum Finowfurt glaubhaft machen. Vor zwei Jahren hatte sie sich dort gemeldet, wo die Fundstücke aus dem 1996 geborgenen Flugzeugwrack aufbewahrt sind. "Die Frau will ich herbringen", sagt die 15-jährige Klaudia selbstbewusst. Zwischenzeitlich ist der Kontakt zwischen der Zeitzeugin und dem Museum abgebrochen. Mit dem Programm "Zeitensprünge" und den anderen Jugendlichen vom Schulverweigererprojekt des Arbeiter-Samariter-Bundes will die junge Eberswalderin die Spur in die Vergangenheit neu aufnehmen.

Die Verlobte Hans Grapenthins, so scheint es, hat Phantasie und Interesse der Gruppe besonders angeregt. Überhaupt ist die Ausstellung mit dem Wrack der Focke Wulf 190 eines der publikumsträchtigsten Objekte auf dem Museumsgelände. 1996 haben Hobbyhistoriker es mit vielen Helfern aus dem Schloss-See bei Alt Zeschdorf (Märkisch-Oderland) gezogen. Das Flugzeug wurde Augenzeugenberichten zufolge abgeschossen.

Das Schicksal des Todespiloten von damals werde im Museum stark nachgefragt, sagt Museumsleiter Klaus-Peter Kobbe. "Die Aufklärung ist schon hochgradig vollzogen worden. Aber wir haben uns darüber verständigt, dass wir zwei, drei Wege noch einmal neu gehen wollen." Hans Grapenthin flog demnach am 15. Februar 1945 in den Tod. Der gerade 22 Jahre alte, zuletzt in Strausberg stationierte Jagdflieger war in besonderer Mission unterwegs: Er flog einen Selbstopfereinsatz. "Nach durchschnittlich vier bis viereinhalb Kampfeinsätzen waren die Kamikazeflieger tot", sagt Kobbe.

Auch Grapenthin flog nicht den ersten Einsatz. Vier Wochen vor seinem Tod sei er schon einmal abgeschossen und verletzt worden. "Er kam an seinem Sterbetag aus dem Lazarett in Pasewalk." Dort lernte er eine Krankenschwester kennen, die sich später ebenfalls beim Luftfahrtmuseum gemeldet hat - auch als einstige Verlobte des Piloten.

Ob Hans Grapenthin tatsächlich zwei Verlobte hatte, werden die Schulverweigerer nur am Rande ihrer Recherchen im Luftfahrtmuseum ergründen. Ihr Ziel ist es, das gesammelte Material neu darzustellen. "Wir wollen jetzt einen Film machen, der dann ständig statt der großen Tafeln in die Ausstellung integriert werden soll", sagt Museumschef Kobbe.

Die Schüler wollen zudem die Ausstellung zu Grapenthin in der Baracke und den begehbaren Schaukasten mit dem Wrack im Hangar zusammenführen. "Unser Weg ist das Ziel", sagt Werkpädagoge Michael Schatz. In der Lern- und Lehrwerkstatt des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) sollen Acht- und Neuntklässler, die monatelang die Schule geschmissen hatten, wieder Lust auf Unterricht und den Start ins Berufsleben bekommen. Der starke Praxisbezug führt den Kurs regelmäßig ins Luftfahrtmuseum. "Wir unterstützen uns gegenseitig", sagt Schatz. Den Ehrenamtlern im Museum kommt Hilfe gelegen. So hat der 16-jährige Markus schon mitgeholfen, Hangars aufzuräumen. "Und unsere Schüler haben keinen Geschichtsunterricht", erklärt Schatz.

Seit April arbeiten die Schulverweigerer gezielt am Projekt "Flugzeug-Wracksuche". Es ist eins von 31 Vorhaben im Land Brandenburg, die über das Jugendprogramm "Zeitensprünge" von der Stiftung Demokratische Jugend gefördert werden. "Das Ziel ist, dass Jugendliche sich besser in ihrer Heimatregion auskennen", sagt Sandra Brenner, Ansprechpartnerin für das Programm, die den Eberswaldern jetzt bei einem Planungstreffen über die Schulter geguckt hat. Herausragen kann das Finowfurter Projekt daher nicht. "Lokale Geschichte ist immer besonders", sagt die Koordinatorin.

"Ganz ehrlich, ich wär' auch dabei gewesen, wenn wir so ein Ding ausgegraben hätten", sagt Calvin (15). Mit diesem Vorhaben Wracksuche waren die Projektpartner ursprünglich angetreten. Suchen, recherchieren, ausgraben - das alles passe jedoch nicht in den zeitlichen Rahmen, sagt Klaus-Peter Kobbe. "Unseren Erfahrungen nach dauert so etwas drei bis vier Jahre." Eine Vorort-Suche sollen die Jugendlichen dennoch miterleben können. "Wir sind ja dabei, am Üdersee einen amerikanischen Bomber auszugraben."

Bevor zum Schicksal des Todespiloten Grapenthin ein Film entsteht, will Michael Schatz mit den Schülern erst einmal an Plakaten für eine Wanderausstellung arbeiten. Mit ihren Ergebnissen fahren die Jugendlichen dann im November zum Jugendgeschichtstag in Potsdam.

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