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Viele Eltern wollen ihre Kinder beim Abitur nicht dem Leistungsdruck am Gymnasium aussetzen

Gesamtschule steigt in der Beliebtheitsskala

© Foto: Michael Benk
Andreas Wendt / 04.06.2013, 20:41 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Die Gesamtschulen steigen in der Beliebtheitsskala. Immer mehr Eltern schicken nach Beobachtung des Landeselternrats ihre Kinder zum Abitur lieber dorthin, weil sie ein Jahr mehr Zeit haben und nicht einem so großen Leistungsdruck ausgesetzt sind wie am Gymnasium.

"Es ist ein Gehetze durch den Stoff", gibt Lutz Wegener, Schulleiter des Cottbuser Leichhardt-Gymnasiums, zu. Seinen 600 Schülern bleibe bei einer 36-Stunden-Woche in der zehnten Klasse kaum noch Zeit für soziale Aktivitäten. "Das bleibt alles auf der Strecke, wenn man Hausaufgaben, Vor- und Nachbereitung des Unterrichts sowie die Anfahrt von bis zu 45 Minuten mit berücksichtigt", sagt Wegener.

Wegener gilt als Kritiker des zwölfjährigen Abiturs am Gymnasium und fühlt sich in seiner Ansicht auch durch das Wahlverhalten der Eltern bestätigt. Gymnasien sinken demnach in der Schülergunst. In Eisenhüttenstadt (Oder-Spree) beginnt das neue Schuljahr am Albert-Schweitzer-Gymnasium drei- statt vierzügig. Die knapp 500 Meter entfernte Gesamtschule dagegen kann sich vor Anmeldungen kaum retten. "Noch vor drei Jahren wurde für die Gesamtschule 3 die Prognose auf drei bis vier Klassen je Jahrgang festgelegt. Jetzt nehmen wir bei zurückgehenden Schülerzahlen in und um Eisenhüttenstadt sechs Klassen auf", freut sich Schulleiter Torsten Tappert. Aus vielen Gesprächen weiß er: Eltern finden es sehr gut, dass in einer Schule alle drei Bildungsstrecken - Haupt-Real-Gymnasium - bedient werden. Die zuständige Ministerin Martina Münch (SPD) teilt diese Auffassung: "Die Gesamtschule ist bei vielen Eltern und Jugendlichen sehr beliebt, weil sie eine Vielzahl von Bildungsgängen anbietet", sagte Münch vor wenigen Tagen.

Die Gesamtschule, glaubt auch Wolfgang Seelbach, Vorsitzender des Landeselternrats, habe unheimlich Sympathien gewonnen und inzwischen ein gutes Image, nicht nur weil Schülern hier ein Jahr mehr Zeit für das Abitur bleibt. "Leider haben die Schüler in vielen Regionen Brandenburgs aber gar keine Wahlmöglichkeit", bedauert Seelbach. In der Uckermark, sagt Sigrid Bartholomé vom Landeselternrat, gebe es nur eine Gesamtschule, und die steht in Schwedt. Nicht viel anders ist es in Frankfurt (Oder). Am dortigen Liebknecht-Gymnasium setzt die Abwanderungsbewegung erst nach der zehnten Klasse ein - zum beruflichen Gymnasium am Oberstufenzentrum. Zählt man alle Abtrünnigen zusammen, bleiben von sechs Klassen nur noch fünf übrig. "Das passiert uns zum ersten Mal", sagt der stellvertretende Schulleiter Frank Kosmala. Das Land, fordert der Vereinsvorsitzende Seelbach, müsse auf die Monotonie des Abitur-Bildungsgangs reagieren. Er schlägt für den ländlichen Raum vor, Oberschulen und Gymnasien zu Gesamtschulen zu fusionieren und mit dem Bau von weiteren Gesamtschulen im Speckgürtel Berlins auf die veränderte Nachfrage zu reagieren.

Noch gerät die Bildungswelt nicht aus den Fugen: Von gut 8000 Schülern, die jetzt in den Abiturprüfungen sind, lernen laut Bildungsministerium 6000 an den 100 Gymnasien und nur etwas mehr als 1000 an 31 Gesamtschulen (Rest: berufliche Gymnasien, Förderschulen, zweiter Bildungsweg). Zwölf Jahre hier, 13 Jahre da - für Ministeriumssprecherin Antje Grabley ist es gerade ein Brandenburger Vorteil, dass Eltern beide Wege wählen können. "Schüler lernen verschieden. Einige wollen schnell fertig werden, andere können sich lange nicht entscheiden", sagt sie.

Seelbach nimmt den Trend weg vom Gymnasium seit Jahren wahr. Die Eltern hätten sich einst für ihre Kinder mit dem Abitur nach zwölf Schuljahren einen schnelleren Abschluss erhofft, inzwischen stehe das Abi am Gymnasium aber vor allem für zusätzlichen Stress und vollgestopfte Lehrpläne. "Früher", erinnert sich der Cottbuser Schulleiter Lutz Wegener, "gab es Lehrplankommissionen, wo gesagt, wurde, was wichtig ist." Heute würden viele Experten definieren, was Schüler können müssen. Die Folge: Manche Inhalte kommen gleich in mehreren Fächern vor.

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