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Selbst ernannte Raumpioniere verlassen Wolfswinkel / Immobilienmakler sucht Käufer für Industrieruinen

Wagenburg löst sich Ende Juli auf

Abschied und Neubeginn: Susanne Nitzsche (links) lebt noch in ihrem Wohnwagen auf dem Wolfswinkel. Sie ist sich mit Ilona Frank einig, dass Eberswalde für alternative Wohnprojekte reif ist.
Abschied und Neubeginn: Susanne Nitzsche (links) lebt noch in ihrem Wohnwagen auf dem Wolfswinkel. Sie ist sich mit Ilona Frank einig, dass Eberswalde für alternative Wohnprojekte reif ist. © Foto: MOZ/Sven Klamann
Sven Klamann / 25.06.2014, 06:58 Uhr - Aktualisiert 26.06.2014, 23:57
Eberswalde (MOZ) Nur noch bis Ende Juli wird die Wagenburg auf dem Areal der ehemaligen Papierfabrik Wolfswinkel geduldet. Das alternative Wohnprojekt steht vor dem Aus. Doch die selbst ernannten Raumpioniere sind zuversichtlich, in Eberswalde Spuren hinterlassen zu haben.

Den ersten Umzug haben die zehn Frauen, Männer und Kinder bereits absolviert, die sich zum Teil seit mehr als fünf Jahren in der parkähnlichen Anlage an der Bundesstraße 167 zu Hause fühlen, die keinem Ortsfremden auffällt und nur wenigen Eberswaldern bekannt ist. Mit ihren acht Bauwagen sind sie auf eine betonierte Fläche näher am Eingang und weiter weg von den Villen und Produktionsgebäuden des seit kurz nach der Wende in Liquidation befindlichen Betriebes gezogen, die scheinbar unaufhaltsam verfallen. Für die unter Denkmalschutz stehenden Industrieruinen sucht eine in Berlin ansässige Immobilienfirma europaweit Käufer - im Auftrag der Liquidatorin und eines sie beratenden Erbenermittlers aus Osnabrück (Niedersachsen). Das Geschäft soll innerhalb der kommenden zwei Jahre vollzogen sein, heißt es.

Die Wagenburgler, die anfangs selbst Kaufabsichten hegten, werden nicht mitbieten. Das liegt nicht nur an den für sie unvorstellbar hohen Preisen, die für die einzelnen Gebäude und Grundstücke verlangt werden. "Unsere Sicht auf die Dinge hat sich verändert", sagt Susann Nitzsche (29), die an der Eberswalder Hochschule arbeitet und als Sprecherin der Gruppe fungiert, die lange nach einem Ausweichstandort gesucht hat. Mit Unterstützung aus dem Eberswalder Rathaus, das allerdings selbst keine Flächen anbot. Aber ohne Erfolg, obwohl es an Industriebrachen in Eberswalde nicht mangelt. Vor allem auf einen leichten Zugang zu Strom und Wasser wären die Raumpioniere angewiesen, wenn sie ihre Bauwagen anderswo platzieren würden. Doch keine der dafür in Frage kommenden Grundstücke war verfügbar. "Hinzu kommt, dass die Bedingungen auf dem Wolfswinkel für unser Projekt, das Wohnen und Arbeiten in fast dörflichen Strukturen vereinen sollte, nahezu ideal waren", berichtet Susann Nitzsche. Überall sonst hätten die Wagenburgler Abstriche in Kauf nehmen müssen. "Da ist bei den meisten von uns die Bereitschaft gesunken, Eigentum zu erwerben und sich auf Dauer an Eberswalde zu binden", erklärt die Sprecherin, die selbst zu denen gehört, die mit ihrem Bauwagen in der Stadt ein Eckchen sucht, das sie mieten oder pachten kann.

"Wir werden uns vereinzeln", sagt Susann Nitzsche. Dennoch glaube sie daran, dass ein Wagenplatz Eberswalde bereichern würde. Die Bewohner hätten im vergangenen halben Jahr ungemein viel Zuspruch gefunden - aus der Verwaltung, aus der Politik und vor allem von interessierten Einwohnern. Die Stadt sei reif für alternative Wohnprojekte.

Das findet auch Ilona Frank (22), die an der Hochschule im zweiten Semester Ökolandbau studiert und zu den Initiatorinnen für ein Eberswalder Bündnis zum selbstbestimmten Wohnen gehört. "Wir setzen uns dafür ein, dass auch im Stadtzentrum nicht jedes Mietshaus so aufwändig saniert wird, dass sich die Bewohner eine neue Bleibe suchen müssen", sagt sie. Gebraucht werde zum Beispiel die Möglichkeit, Zeitverträge für Wohnungen in Gebäuden abzuschließen, die erst perspektivisch aufgewertet werden sollen. Ein solches Bündnis, betont Ilona Frank, könnte auch Projekte wie das der Wagenburg unterstützen.

Die Gruppe der Raumpioniere nimmt wehmütig Abschied vom Wolfswinkel. "Hier konnten wir unseren Traum von einem nachhaltigen Leben in Einfachheit wahr werden lassen", sagt Susann Nitzsche. Dies sei eine tolle Erfahrung gewesen.

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Thomas 25.06.2014 - 11:44:01

@ Insider, Maik, Timo Beil

Frage mich in was für einer Wolke die Vor-Kommentatoren leben. Habe selten so einen zusammenhangslosen Unfug gelesen. Tickt ihr wirklich so hohl oder schrebt ihr den Unsinn irgendwo ab?

Insider 25.06.2014 - 11:16:08

Genau.

Wir leben in einer westlichen und geordneten Welt und nicht im Busch. Diese Verwahrlosung muss endlich aufhören. Die Stadt ist nicht reif für alternative Wohnprojekte, sondern für gerechten und sozialen Wohnungsbau ohne künstlich hochgetriebenen Mietspiegel.

Timo Beil 25.06.2014 - 08:51:56

Die Wagenburg müsste sich nicht auflösen....

sie würde zweifelsfrei weiter geduldet, würden jetzt Menschen mit Migrationshintergrund einziehen und ein Bleiberecht fordern.

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