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Die Verleihung des zehnten Brandenburgischen Kunstpreises wurde auch zu einem Appell an die Gesellschaft, Versuch und Irrtum zuzulassen

Kunstpreis-Verleihung: Ein Lob dem Spielerischen

Stephanie Lubasch / 23.06.2013, 19:42 Uhr - Aktualisiert 24.06.2013, 09:27
Neuhardenberg (MOZ) Mit drei Ehrungen hatte es 2004 bescheiden angefangen. Mittlerweile werden im Rahmen des Brandenburgischen Kunstpreises fünf Auszeichnungen vergeben, kombiniert mit einer Ausstellung im Schloss Neuhardenberg. Am Sonntag war dort zur zehnten Verleihung der Trophäen geladen worden.

Ronald Paris nahm's heiter - unerwähnt lassen konnte er es dann aber wohl doch nicht. Nun also sei auch noch eine Parallele zu seinem bereits gestorbenen Bildhauer-Onkel Roland Paris gezeichnet worden, meinte der 79-Jährige Maler charmant in Richtung der brandenburgischen Kulturministerin Sabine Kunst (parteilos), die ihn in ihrer Laudatio zur Verleihung des Ehrenpreises des Ministerpräsidenten für ein Lebenswerk konsequent mit dem falschen Vornamen angesprochen hatte. Matthias Platzeck (SPD) selbst konnte die von ihm gestiftete Auszeichnung aus Krankheitsgründen an diesem Sonntag nicht selbst im Schloss Neuhardenberg überreichen. Und so war es an Sabine Kunst gewesen, statt seiner die Arbeiten des Rangsdorfers zu loben - Werke, die, wie sie sagte, "niemanden kalt lassen" und "unseren Blick erweitern".

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Paris, 1933 im thüringischen Sondershausen geboren, ist der sechste Künstler, dem der im Rahmen des Brandenburgischen Kunstpreises vergebene Ehrenpreis zuerkannt worden ist. Und er habe ihn, gestand der Maler in einem bei der Preisverleihung ausgestrahlten Video, "schamlos angenommen": "Ich habe das Gefühl, etwas getan zu haben."

Bekannt geworden nicht zuletzt durch große Wandgemälde, war es denn auch ein solches, an das er in seinen Dankesworten am Sonntag noch einmal erinnerte.

Zum zehnten Mal ist dieses Jahr der Brandenburgische Kunstpreis der Märkischen Oderzeitung ausgelobt worden.  Den Preisträgern wurde die Auszeichnung am 23. Juni in Neuhardenberg überreicht.
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Kunstpreis 2013

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Mit "Respekt vor Ihrem Leben, Ihrem Werk, Ihrem Eigensinn und Ihrer Eigenständigkeit" gratulierte Bernd Kauffmann, Generalbevollmächtigter der Stiftung Schloss Neuhardenberg Ronald Paris zu seiner Ehrung - und zwar, im Lande Kleists, "auf den Knien meines Herzens". Wie Paris seine Arbeit erklärt, wenn er zum Beispiel davon spricht, "das Feld erst mal auszuprobieren", schlug wiederum den nahezu perfekten Bogen zur Rede Kauffmanns, der sich aus aktuellem Anlass des Themas Kindheit angenommen hatte.

Ausgehend vom Zensus, der Brandenburg und Berlin weniger Einwohner bescheinigt als gedacht, der zunehmenden Abwanderung und der nur begrenzten "Zeugung weiterer Exemplare unserer Spezies", warf er die Frage auf, was unter Kindheit eigentlich zu verstehen sei. Und zeigte sich von der Antwort, die zum Beispiel das Programmheft des gleichnamigen Themenjahres der Kampagne Kulturland Brandenburg gibt, in ihrer "ungreifbaren soziologischen Coolness" eher enttäuscht. Statt Kindheit als "gesellschaftliches Konstrukt im Kontext jeweiliger Rahmenbedingungen" zu sehen, definiert Kauffmann sie lieber als Phase von "Zuwendung, von Geborgenheit und Liebe, von Freiheit und Grenzen, von Regel und Übertretung", ja nicht zuletzt von "Versuch und Irrtum". Sein anschließender Exkurs über das bröckelnde Bild von Kindern als Hoffnungsträger, in einer Zeit, in der der Konsum offenbar die einzige noch vorhandene Konstante sei, über Bildungsarmut, die "Rechtschreibkatastrophe" und Erziehungslethargie lief am Ende auf eines hinaus: "Wir sind ... fast ausschließlich von der Arbeit und ihren Strukturen, von der Ökonomie und der ,Diktatur des vermeintlich Nützlichen' geprägt."

Entstehen und Werden, Spielen und Verwerfen, Erleben und Riskieren - das sind im Gegensatz dazu die Kategorien kindlicher Fantasie. Und hier, ganz klar, ist man ganz schnell wieder bei der Kunst angelangt. "Eine Gesellschaft, die das Spielpotenzial der Kunst, das Neugier- und Frageverhalten von Künstlern nicht ermutigt und sich nicht nutzbar macht, unterlässt Entscheidendes für die eigene Daseinsfürsorge."

Den Mut zu haben, Dinge auszutesten und, schlagen sie fehl, den nächsten Versuch zu starten: Knuth Seim, der in diesem Jahr den Kunstpreis in der Kategorie Kleinplastik erhielt, dürfte Kauffmann hier wohl aus dem Herzen gesprochen haben. Für den Bildhauer, der abgesehen von Paris als Einziger der Geehrten das Wort ans Publikum richtete, steht gerade dieser Preis auch für einen Neuanfang. Sein prämierter Sandstein "Wohin?", entstanden in einer Phase des beruflichen und privaten Umbruchs, sei für ihn somit zum "Meilenstein" geworden, eine "Injektion", den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

Wie Seim noch ein Kunstpreis-Neuling ist auch Matthias Friedrich Muecke, dem es ebenfalls gelang, die Jury gleich bei der ersten Teilnahme von seiner Arbeit zu überzeugen. "Surabaya-Johnny" heißt sein originalgrafisches Kunstbuch nach dem gleichnamigen Text von Bertolt Brecht, für das ihm der Grafik-Preis zuerkannt wurde. "Ich kann mich schwer in nur einem Bild äußern", begründet er seine besondere Leidenschaft für diese Kunstform. Sein neustes Projekt in diesem Bereich, "Oma Berlins letzte Reise", kann man jetzt in der traditionell zum Kunstpreis gehörenden Ausstellung sehen, die am Sonntag im Schloss Neuhardenberg eröffnet wurde.

Eine Schau, in der Helge Leiberg schon fast Stammgast ist. Für seine Acrylarbeit "Dante: Divina Commedia (Vor dem Tor)" ist der Maler, Bildhauer und Performancekünstler in diesem Jahr mit dem Kunstpreis in der Kategorie Malerei ausgezeichnet worden. Eine Verbeugung auch vor dem, was er in mehr als drei Jahrzehnten künstlerisch geschaffen hat. David Lehmann, 26 Jahre jung, will da erst noch hin. Unter 18 Mitbewerbern ist er für das Förderstipendium der brandenburgischen Kulturministerin ausgewählt worden - ein, so Sabine Kunst, "überaus interessanter junger Künstler". Und vielleicht einer, den man, bestärkt auch durch dieses Stipendium, in einer der nächsten Kunstpreis-Ausstellungen wieder sehen wird.

Ausstellung zum Kunstpreis, bis 4.8., Di-So 11-19 Uhr, Schloss Neuhardenberg

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