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Über 12 000-mal DDR-Alltag auf einen Blick

Dirk Bunsen / 02.07.2013, 16:33 Uhr
Beetzseeheide (MOZ) Nancy Häger war in ihrer Familie diejenige, die sich am meisten für die Sammelleidenschaft ihres Großvaters interessierte. Heute leitet sie das n'Ostalgiemuseum auf einem ehemaligen Gutshof. Über 12 000 DDR-Alltagsgegenstände - ob Fernseher, Radios, Fotoapparate, Filmkameras, Möbel, Telefone, Haushaltsgeräte, Geschirr, Spielzeuge, Kosmetik, Schreibwaren, Artikel aus HO und Konsum, Uhren, Schallplatten, Abzeichen, Bücher, Uniformen, Musikinstrumente bis hin zu Motorrädern und einigen Autos - sind thematisch geordnet in zwei Gebäuden zu sehen.

Als sie noch ein kleines Mädchen war, besuchte Nancy Häger oft ihren Opa. "Doch er war meist in seinem Keller, wo er seinem Hobby nachging. Er sammelte alles, was mit der DDR-Zeit zu tun hatte. Ich war natürlich neugierig, was er wohl dort so treibt", erinnert sie sich. "Er sortierte, räumte, nummerierte. Und er erzählte mir Geschichten zu einzelnen Alltagsgegenständen." In jenen Jahren nach der Wende wurde sie zum ersten Mal mit der Sammlung ihres Opas konfrontiert. Heute ist sie Chefin des n'Ostalgiemuseums" in dem kleinen Ort Mötzow, nordöstlich der Stadt Brandenburg.

Schuld an der Sammelleidenschaft von Horst Häger war die Arbeitslosigkeit des ehemaligen Stahlwerkers nach 1990, der zuletzt als Meister in einem Kühlhaus arbeitete. Wenn er so durch die Stadt spazierte, musste er miterleben, wie vieles in den Müll wanderte. Plötzlich war sämtlicher DDR-Kram alter Plunder. Die Leute warfen alles weg. Das mit anzusehen, war für ihn furchtbar. Da sagte er sich: Dies alles zu sammeln, wäre doch ein schönes Hobby!

Schnell füllten sich vier Keller, in denen Horst Häger die Ergebnisse seiner Streifzüge unterstellte und aufbewahrte. Als das Mietshaus 1998 abgerissen werden sollte, stand er vor einem Problem. Doch da stellte ihm die Wohnungsbaugesellschaft, die sich für seine Sammlung interessierte, im Souterrain einer Hinterhofvilla in der Stadt sehr preisgünstig mehrere Räume zur Verfügung. Das war die Geburtsstunde für das Museum. Im Dezember 1999 konnte er seine Schätze zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentieren.

Mit der Eröffnung seines n'Ostalgiemuseums potenzierte sich seine Leidenschaft noch einmal. Schnell verdoppelte sich seine Sammlung. Dicht an dicht und nach einzelnen Gebieten sortiert, drängen sich die DDR-Alltagsgegenstände, wie die Sammlung von über 130 Rundfunkgeräten, über sechzig Fotoapparaten, fast 1000 Schallplatten oder knapp 200 Uhren, vom Wecker über Küchenwand-, Kamin- und Spieluhren bis hin zu Armbanduhren. Auch Gasanzünder, Ausstechformen, Eierschneider, Reise-Tauchsieder, Heizkissen, Hosenklammern, Karbid-Fahrradlampen, Ondulierstäbe, Kaffeemühlen, Glaskopfstecknadeln, Weihnachtspyramiden oder Staubsauger gehören dazu. Bei den Drogerie-Waren sind es vor allem die Artikelnamen, die zum Schmunzeln verleiten: Föhnwellenfestiger "Fönella", Trockendeo "Lidos", Deospray "Action", Seife "Nautik", Puder "Vasenol", Birkenhaarwasser "Makro", Klingenschärfer "Sieger", "Elasan"-Creme, Aftershave "ER" oder Kondomsorten "Luxus", "Gold" und "Feucht". Tempo-Linsen und Kathi-Mehl sind die Klassiker, die nicht fehlen dürfen.

Je älter Nancy Häger wurde, desto häufiger unterstützte sie ihren Opa. "Bei den Shopping-Nächten" in der Stadt stand ich an der Straße und animierte die Besucher, ins Hinterhof-Museum zu kommen." Und immer wieder unterhielten sie sich viel. Vor allem nach dem Umzug des Museums 2009 nach Mötzow war sie stark in die Museumsarbeit eingebunden, zumal die Besucherzahl an dem neuen Ort rapide anstieg. Statt 20 Leute, die sich über einen oder gar mehrere Tage verstreuten, kamen jetzt öfter 200 Besucher an einem Sonntag. Das liegt vor allem an der neuen Lage auf dem Vielfruchthof Domstiftsgut Mötzow. Die zumeist unter Denkmalschutz stehenden Gebäude wurden mit viel Liebe zum Detail restauriert. Im ehemaligen Schafstall befinden sich heute ein Hofladen und die Hofgastronomie. Der alte Speicher und die Stellmacherei wurden im April 2004 als "Kunstmühle" der Öffentlichkeit vorgestellt. Der ehemalige Pferdestall ist nunmehr eine Vermarktungshalle. Im alten Kuhstall befindet sich inzwischen die modernste Spargelverarbeitungstechnik mit automatischer Sortierung und Verwiegung. Gerade zur Spargelzeit reißt der Besucherstrom auf dem Erlebnishof nicht ab. Hier konnte sich ihr Großvater günstig einmieten.

Fast jedes Wochenende war die gelernte Kauffrau für Bürokommunikation neben ihrem Job auf dem früheren Gutshof bei ihrem Opa, um zu helfen. Es war längst keine Frage mehr, wer das n'Ostalgiemuseum einmal übernehmen wird. Im Jahr 2010 übergab Horst Häger ganz offiziell die Sammlung in die Hände seiner Enkelin, bevor er ein Jahr später starb.

Heute bringen die Besucher nicht nur weiterhin Erinnerungsstücke mit, sondern auch viele Geschichten, die Nancy Häger aufsaugt. So erkannte sich ein Mann auf einem Poster mit Loks und einigen Leuten wieder, oder eine Frau nahm alte DDR-Wolle in die Hand und sagte: "Die habe ich selbst produziert."

Wieweit die Zeit zurückliegt, erkennt die Museumschefin an einigen Begegnungen mit Kindern oder Jugendlichen, die verdutzt vor den alten Telefonen stehen. "Manche verstehen einfach nicht, wie diese Apparate funktioniert haben, und ich muss ihnen erklären, dass die Drehscheibe bis zum Anschlag bewegt werden muss."

(n'Ostalgiemuseum, Domstiftsgut Mötzow, Gutshof 1, 14778 Beetzseeheide; Tel: 03381/225239; www.n-ostalgiemuseum; Mitte April bis Oktober Di-So 11-17 Uhr, im Winter geschlossen)

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