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Der Ort Scheidegg im Allgäu hat sich auf Urlauber mit Eiweißkleberunverträglichkeit spezialisiert / Von Uwe Wuttke

Das glutenfreie Paradies

Uwe Wuttke / 05.07.2013, 15:36 Uhr
Scheidegg (MOZ) Plötzlich zieht sich ein Strahlen langsam von Wange zu Wange über ihr gesamtes Gesicht. Dabei wirft Louisa nur einen Blick auf die Speisekarte. Eigentlich eine Alltäglichkeit, aber für die Zwölfjährige ist diese Karte im Hotel Ellerhof in Scheidegg (Allgäu) etwas ganz Besonderes. Sie enthält zahlreiche glutenfreie Speisen. Anderswo eine Besonderheit, in Scheidegg eine Normalität.

Der 4500 Einwohner große Ort im Westallgäu nahe dem Bodensee ist für Menschen, die Zöliakie haben, also eine Weizeneiweißkleberunverträglichkeit, eine Art Paradies. "Wir bieten als einziger Urlaubsort in Deutschland ein ganzheitliches Glutenfrei-Angebot", sagt Oliver Bernhart, Tourismus-Direktor in Scheidegg. "Bei etwa 500 000 Übernachtungen im Jahr sind etwa zehn Prozent daran interessiert."

Begonnen wurde das Programm 2005, als Monika Draga, eine selbst von Zöliakie Betroffenen, die einen Wohnmobil-Stellplatz betrieb, mit der Idee zum Gemeinderat kam. Dank Ihrer Initiative entwickelte sich das glutenfreie Angebot über die Jahre immer weiter. Bereits seit zehn Jahren bietet Tyls Brotkorb glutenfreie Backwaren an, die inzwischen auch deutschlandweit versendet werden. Und Scheidegg schaffte es, dass inzwischen mehr als 80Prozent der im ortsansässigen Wirteverein organisierten Gastronomen bei der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft(DZG) für glutenfreie Angebote zertifiziert sind. Seit 2009 gibt es für Betroffene zudem ganzjährig ein umfangreich vernetztes und von der DZG betreutes Angebot, das medizinische Dienstleister wie die Maximilian-Klinik und Vermieterbetriebe, von denen rund 60Prozent zertifiziert sind, ebenso beinhaltet wie Händler und Gastronomen.

Zu ihnen gehört Hermine Eller vom Ellerhof, bei der Louisa gerade beherzt ihre Portionen Allgäuer Käsespätzle vertilgt. "Die Spätzle werden aus Reismehl gemacht mit zwei, drei Löffeln Maisgries, dann werden sie fester", erzählt Hermine Eller, die in ihrer Küche wie alle zertifizierten Betriebe zwei komplette Küchenausstattungen hat. Eine für glutenfreies und eine für "normales" Essen. "Am Anfang war es nicht leicht. Ich bin bekannt für deftige Allgäuer Küche. ,Wie soll das gehen?', habe ich mich gefragt. Aber es geht. Wir lernen immer dazu, auch von Gästen, denn wir wollen ja auch alles richtig machen."

Aber in Scheidegg lässt sich nicht nur famos glutenfrei speisen. Gelegen auf einer Sonnenterrasse zwischen 600 und 1000Metern Höhe, darf sich Scheidegg rühmen, wiederholt sonnigster Ort in Deutschland gewesen zu sein. Das zieht auch bekannte Leute an. Robin Dutt, Trainer von Fußball-Bundesligist Werden Bremen, baut gerade ein Haus. Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger hat schon eines. Und auch für Urlauber gibt es viel zu entdecken. Da wäre das Freibad, dessen Becken mit reinstem Alpen-Quellwasser gespeist wird. Oder Christine Giera und Djemila Rädler, die zwei "Kräuterhexen".

Mit ihnen kann der Gast herrlich durch die Welt der Wildkräuter wandern. Und die ist in der Gemeinde Scheidegg, die insgesamt 40 Ortsteile und Weiler hat, ziemlich groß. Wunderschöne wilde Wiesen sind in ihren gelb-grünen, blauen, roten und lilafarbenen Tönen überall zu sehen. Da kann es auch passieren, dass einem eine freundliche Ziege wie ein Haushund auf Schritt und Tritt folgt. Schließlich sind Wildkräuter sicher auch für sie eine Leib- und Magenspeise.

Am Ende der Wanderung sind Spitzwegerich, Schachtelhalm, Rotklee, Schlafkraut, Knoblauch-Rauke und Löwenzahn gesammelt für einen köstlichen Kräutersalat. Den gibt es dann als Bestandteil eines mehrgängigen Menüs, währenddessen man auch Interessantes rund um die Kräuter erfährt. Etwa "dass Brennnesselsamen das Viagra des Allgäus genannt werden", wie Christine Giera sagt.

Wandern kann man auch wunderbar - auf dem bis zu 22 Kilometer langen Kapellenweg mit Wanderführer Tony Vochezer zum Beispiel. Dort geht es zu sogenannten Kraftorten. Vorbei an Streuobst- und Wildkräuterwiesen, immer mit einem Blick auf die Bregenzer und Allgäuer Bergwelt. Und immer wieder laden Kapellen wie die Martina-, die Gallus- sowie die ökumenische Hubertuskapelle zum Verweilen ein. Diese stehen stets in der Nähe einer Quelle, zu der sich früher die Menschen begaben, um für sich und ihre Herden Weide- und Ruheplätze, Kraftorte eben, zu suchen.

Lohnenswert ist dabei auch der Besuch in der Dorfsennerei Böserscheidegg, einer Genossenschaft von 13 Landwirten, in deren Keller etwa 1600 bis zu 32Kilogramm schwere Laibe Berg-, Wildkräuter- und Rotwein-Käse lagern, die mindestens einmal in der Woche gewaschen und gewendet werden. "Etwa vier Monate muss der Käse reifen, bis er ein Allgäuer Bergkäse wird", sagt Senner Reinhard Walser. Der etwas strenge Geruch lässt sich anschließend mit einem Schluck köstlicher Buttermilch lindern.

Wer hoch hinaus will, den wird es zum Skywalk in Scheidegg ziehen. Ein Pfad aus Holz durch einen Mischwald, der an 14 Stahlmasten befestigt bis in 40Meter Höhe führt. Wer den direkten Weg bevorzugt, kann sich auch mit einem Fahrstuhl in einem Turm nach oben begeben und die grandiose Aussicht - manchmal bis nach Frankreich - genießen. Und anschließend im Restaurant Hunger und Durst löschen - zur Freude von Louisa natürlich auch dort glutenfrei.

Landhotel Ellerhof: www. landhotel-ellerhof.de; weitere Informationen: www.scheidegg.de; www.skywalk-allgaeu.de

Die Zöliakie ist eine Entzündung der Dünndarmschleimhaut, die durch eine Immunreaktion gegen Gluten entsteht. Gluten ist ein sogenanntes Klebereiweiß. Bei der Erkrankung produzieren die Betroffenen Antikörper gegen Bestandteile von Gluten, aber auch gegen körpereigene Antigene, die sich auf der Oberfläche der Dünndarmzotten befinden. Die Folge: Beim Verzehr von Gluten entzündet sich die Darmschleimhaut, und die Zotten bilden sich zurück. Dadurch wird die Aufnahme von Nährstoffen aus der Nahrung in den Körper behindert.

Die Zöliakie ist keine typische Nahrungsmittelallergie, sondern zählt zu den Unverträglichkeiten und bleibt ein Leben lang bestehen. Die einzige wirksame Therapie ist der Verzicht auf glutenhaltige Nahrungsmittel. Das Eiweiß kommt in Weizen, Dinkel, Roggen, Gerste, Hafer und Grünkern und dadurch in zahlreichen Lebensmitteln vor.

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