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Kampf gegen Agrar-Großinvestoren

Bio-Bäuerin Julia Bar-Tal demonstrierte am Mittwoch in Berlin vor dem Sitz der BVVG gegen steigende Bodenpreise.
Bio-Bäuerin Julia Bar-Tal demonstrierte am Mittwoch in Berlin vor dem Sitz der BVVG gegen steigende Bodenpreise. © Foto: MOZ/Maria Neuendorff
Maria Neuendorff / 17.07.2013, 21:11 Uhr
Berlin (MOZ) Die Preise für Agrarland in Brandenburg steigen. Bei den Verkäufen durch die bundeseigene Bodenverwertungs- und Verwaltungs-GmbH (BVVG) können bäuerliche Betriebe kaum mehr mithalten. Junge Landwirte demonstrierten am Mittwoch vor der Zentrale in Berlin gegen die Vergabepraxis.

Um kurz vor 14 Uhr rollen Julia Bar-Tal und ihre Mitstreiter Strohballen auf den Bürgersteig an der Schönhauser Allee. An Wäscheleinen hat die Landwirtin aus Müncheberg (Märkisch-Oderland) idyllische Fotos ihres Bio-Hofes Bienenwerder festgeklammert. Daneben steht ihre gerahmte Urkunde als beste Landwirtin des Jahres 2012. "Was nützt mir die Auszeichnung, wenn ich mir kein Land für den Anbau kaufen kann?", fragt die 32-Jährige. 155 000 Euro lautet der Orientierungswert für die 20 Hektar Grün- und Waldfläche, die an ihren Hof grenzen und Anfang August von der BVVG veräußert werden sollen. Julia Bar-Tal würde sie gerne dazukaufen. "Aber selbst wenn es beste Ackerfläche wäre, könnte ich das Geld mein ganzes Leben lang nicht wieder erwirtschaften", erklärt die Demonstrantin.

Mit ihrem Protest will sie auf den "Ausverkauf des Allgemeinguts" seit der Wende aufmerksam machen. Unterstützung bekommt sie vom "Bündnis junger Landwirtschaft" und der bundesweiten Initiative "Bauernhöfe statt Agrarfabriken". Deren Mitglied Sybilla Keitel berichtet von ihren Erfahrungen in der Uckermark. Bio-Bauern hätten keine Chance mehr an Land zu kommen, stattdessen gingen die Flächen beispielsweise an Möbelkonzerne aus den alten Bundesländern. "Die bauen dann nur noch Mais und Raps für Biogasanlagen an. Es wird wie der Teufel gespritzt. Bienen und Schmetterlinge sterben, Lerchen und Fasane verschwinden", klagt Sybilla Keitel.

Dass in den vergangenen Jahren die Preise auf 7000 bis 8000 Euro pro Hektar gestiegen sind, hat auch das Brandenburgische Landwirtschaftsministerium registriert. Das sei aber erst einmal nichts Schlechtes und vor allem der Weltwirtschaftskrise geschuldet, erklärt Sprecher Lothar Wiegand. Wer genau kauft, wisse man dagegen nicht. "Die Gesellschaftsstrukturen sind für das Land nicht transparent", so Wieland.

Eine Tendenz zu Großinvestoren habe man allerdings schon ausgemacht, auch wenn man die Lage für nicht ganz so dramatisch halte, wie sie die Jungbauern darstellten. Damit Bauernland in Bauernhand bleibt, sei das Ministerium in Gesprächen mit der BVVG und habe erst Anfang dieses Jahres die Vereinbarung getroffen, dass die zu verkaufenden Losgrößen von 50 Hektar auf 25 reduziert werden, damit auch kleine Bauern Chancen hätten, berichtet Wieland.

Von den 80 000 Hektar Fläche, die die Treuhandnachfolgerin noch zu verkaufen hat, würden laut Ministerium ein Viertel in den offenen Verkauf gehen. "Als öffentliche Hand sind wir nach den EU-Richtlinien verpflichtet, den Marktwert zu nehmen", sagt BVVG-Sprecherin Constanze Fiedler. "Wir halten uns an gesetzliche Vorgaben und machen keine Politik", betont sie. Ihrer Ansicht nach seien die Lose der BVVG zu klein, als dass sich Großinvestoren dafür interessieren würden.

Um für Chancengleichheit zu sorgen, habe man das Vergabeverfahren für die beschränkenden Ausschreibungen vor kurzem noch extra geöffnet. "Nun können auch Jungbauern für Flächen mitbieten, die eigentlich für die Intensivnutzung vorgesehen sind", so Fiedler.

Um mitbieten zu können, lässt Julia Bar-Tal an diesem Mittwoch vor dem BVVG-Eingang in Berlin-Prenzlauer Berg von einer befreundeten Künstlerin unter Polizeiaufsicht "Geld drucken". Als Interessentin hat sie nur die einmalige Chance, per Brief ein Gebot abzugeben, ohne zu wissen, was die anderen bereit sind zu zahlen. "Natürlich gebe ich dann ein möglichst hohes ab. Die verdeckte Ausschreibungspraxis treibt die Bodenpreise noch zusätzlich in die Höhe", ist sich die Öko-Bäuerin sicher und fordert eine Überarbeitung der Ausschreibungskriterien.

Auf ihrem Hof baut sie über 100 verschiedene Gemüse-, Obst-, Kräuter und Blumenkulturen an. "Wir verzichten auf den schnellen Profit und arbeiten mit wenig Maschinen und vielen Menschen", erklärt sie ihre Philosophie. Ihre Arbeitspferde und Milchziegen weiden auf den Flächen, die jetzt verkauft werden sollen. Erst kürzlich sei man bei dem Zukauf eines angrenzenden Grundstücks gescheitert. Der neue Besitzer habe den Wald inzwischen mit schweren Harvester-Maschinen ausgelichtet und wolle nun das giftige Totalherbizit "Round Up" spritzen. "Leute, die in der Region verwurzelt sind, würden wohl andere Entscheidungen treffen", ist sich Julia Bar-Tal sicher.

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